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Wissenschaft am Donnerstag
Um 20.15 Uhr sehen Sie die Dokumentation:
© dpa Lupe
Die Vorratsdatenspeicherung stellt zu weitreichende Eingriffe in das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis dar.
Macht der Information
Über Datenmissbrauch und -kontrolle
Die Welt wird zunehmend in Graphiken und Zahlen abgebildet. Produkte stehen nicht mehr an erster Stelle. Gehandelt werden heute vor allem Daten und Informationen. So erfolgen beispielsweise Transaktionen an der Börse hauptsächlich mit Hilfe von Computern. Sekundenschnell steuern Algorithmen den Markt und entscheiden über Auf- und Abstieg von Aktienkursen. Oft überfordert die Datenflut Manager, Experten und Politiker.
Der Medienphilosoph Peter Weibel sagt: "Die Finanzkrise war in Wirklichkeit eine Datenblase. Man hat Daten und Schulden gekauft, nicht nur Produkte. Diese Schulden und Daten hat man gebündelt in noch größere Komplexe. Diese werden dann immer weiter verkauft. Dadurch haben alle Beteiligten in diesem Datenmeer den Überblick verloren. Niemand hat mehr gewusst, wie diese Datenblase zu kontrollieren ist, auch nicht der Staat."

Die Schufa wollte mit Informationen aus sozialen Netzwerken die Kreditwürdigkeit der Bürger überprüfen. Doch dieses Vorhaben scheiterte wegen öffentlicher Proteste. Dabei hatte die Schufa nichts anderes vor, als die Praktiken führender Provider zu kopieren. Denn auch sie schöpfen die Informationen ihrer Kunden ab und erstellen Persönlichkeitsprofile, die für interne und externe Werbestrategien genutzt werden. Die User haben keine Kontrolle über die Verwendung ihrer Informationen. "Niemand ist geschützt, wenn Facebook oder Microsoft persönliche Daten weiter verkauft. Wir leben im heutigen Datenzeitalter gesetzlich vollkommen ungeschützt. Es bedarf massiver logistischer Anstrengungen, um dem Bürger die Bürgerrechte in dieser Logik der Distribution zu verschaffen", so Weibel.

"Datenspeicherung ist unchristlich"
2010 stellte das Bundesverfassungsgericht fest, dass die Vorratsdatenspeicherung zu weitreichende Eingriffe in das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis darstellt. Die deutsche Regelung bezog sich auf einen Zeitraum von sechs Monaten. Diese steht in keinem Verhältnis zur Dauer der Datenspeicherung von einigen Providern. Denn diese speichern die Daten meistens auf unabsehbare Zeit. Weibel dazu: "Das Prinzip der Datenspeicherung ist unchristlich, denn es bedeutet, dass nie vergeben und gelöscht wird. Nicht löschen aber heißt, nie zu vergeben und immer das aufzubewahren, was du einmal getan hast. Das heißt: Rache bis in die Ewigkeit."

Der Kampf um Daten und der Zugang zu fremden Rechnern ermöglicht einen Missbrauch der Informationen bis hin zur digitalen Kriegsführung. So wurde eine iranische Atomanlage mit dem Computerwurm Stuxnet ausgespäht und deren Zentrifugen zur Urananreicherung lahmgelegt. Der jüngste Eindringling, der im Nahen Osten entdeckt wurde, heißt Flame. Er soll gezielt für militärische Attacken entwickelt worden sein.

Neue Regelungen zum Datenschutz sind notwenig
"Heute wissen wir, dass die Provider eine gewaltige Macht haben. Der Datenkrieg wird in einer zivilen Form durchgeführt. Wenn es darauf ankommt, wird man sofort merken, dass wir im Grunde schon in den Kriegsvorbereitungen sind. Wir leben tatsächlich in der Vorbereitung von Datenkriegen und der Zerstörung von Datenbanken. Die Herrschaft über die Welt liegt in der Zerstörung von Algorithmen. Die Amerikaner versuchen als Weltpolizei an erster Stelle über diese Datenideologie zu wachen", sagt Peter Weibel.

Netzwerke und Datenbanken im Internet, die Wissen und Programme transferieren, sind nicht frei von Machtinteressen. In autoritären Staaten werden Informationen gefiltert und Zugänge gesperrt. Private und staatliche Schnüffelei sind an der Tagesordnung. Mit Informationen aus dem Netz machen Provider dabei gigantische Geschäfte. Der scheinbar freie Datenfluss auf den Informations-Highways birgt zahlreiche Risiken. Peter Weibel stellt die Distribution der Informationen in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Er plädiert für eine Transparenz der neuen Computertechnologien im Sinne des Gemeinwohls. Aus seiner Sicht muss die Verteilung von Daten dringend stärker durch demokratische Kontrollorgane gesetzlich reguliert werden.

Sendedaten
scobel
donnerstags, um 21 Uhr, in 3sat
Sendung zum Thema
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