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Wissenschaft am Donnerstag
Um 20.15 Uhr sehen Sie die Dokumentation:
Lupe
Neuropsychologe Lutz Jähncke forscht auf dem Gebiet Musik und Gehirn.
Macht Musik schlau?
Mehr Konzentrationsfähigkeit und Selbstdisziplin
Musik macht schlau! Das meinten die amerikanischen Forscher Rauscher, Shaw und Ky, als sie Anfang der 1990er Jahre ein Experiment durchführten. In ihrer Untersuchung entwickelten Studenten nach dem Hören von Mozart-Musik bessere räumliche Denkweisen. Obwohl der sogenannte Mozart-Effekt durch spätere Studien mehrmals widerlegt worden ist, blieb die Vorstellung - dass klassische Musik die kognitiven Leistungen steigere - bis heute im öffentlichen Bewusstsein.
Musik ist komplex und löst die unterschiedlichsten Verknüpfungen im Gehirn aus. Die verschiedenen Schaltzentralen reagieren auf Sinnesreize, motorische Aktivitäten und Empfindungen. Der Neuropsychologe Lutz Jähncke forscht seit über zwei Jahrzehnten auf dem Gebiet "Musik und Gehirn". Die Grundlagen seiner Arbeit sind die Lern- und Kognitionstheorien.

Jäncke sagt: "Der klassische 'Mozart-Effekt' existiert nicht. Er wird im wesentlichen interpretiert als ein Effekt, der auf emotionale Aspekte zurückzuführen ist, auf Stimmungsaspekte. Wenn sie etwas erregter sind und sich in einer positiven Stimmung befinden, dann nehmen auch die Leistungen bei psychologischen Aufgaben zu, die sie gerade durchführen. Wenn sie gelernt haben, sich über das Musizieren zu konzentrieren und sich besser selbst zu disziplinieren, dann werden sie ihre verbesserte Selbstdisziplin auch in anderen Bereichen einsetzen können. Sie verändern ihr Gehirn anatomisch und physiologisch mit jeder Tätigkeit, die sie intensiv üben. Jede Tätigkeit, die sie planen müssen, sich konzentrieren müssen und dergleichen, verändert auch die Konzentrationsfähigkeit, die Planungsfähigkeit und die Disziplin."

Auch Hören erfordert Aufmerksamkeit
Schon das bewusste Hören erfordert Aufmerksamkeit. Wer ein Instrument erlernen will, muss üben und das Handwerk erlernen. Perfektionisten streben nach Höchstleistungen, Kreative suchen eher den "Flow" und experimentieren mit Klängen. Übung macht den Meister. Wenn es also um das Erlernen von Praktiken geht, was unterscheidet dann die Lernerfolge eines Musikers von den Lernerfolgen eines Eishockey-Spielers?

"Als wir das untersucht haben, waren wir sehr erstaunt, weil wir nicht vermutet hatten, dass sehr gute Eishockey-Profis ebenfalls sehr gute Konzentrations- und Aufmerksamkeitsfähigkeiten zeigten. Sie waren exakt die Gleichen, wie wir sie bei hochklassigen Musikern angetroffen haben. Das gilt auch für Golfspieler. Je besser ein Golfspieler ist, desto weniger gut kann er die Bewegungen beschreiben, die er ausführt und die zu einem wunderschönen "Drive" führen. Das ist ein ganz klassisches Phänomen, diese Automatisierung der Fertigkeiten wie Motorik, Wahrnehmung und Kognition. Die laufen ab, ohne dass wir sie bewusst beschreiben können", so Jäncke.

Profis müssen mehr leisten
Automatismen im Spiel und in der Bewegung spiegeln oft den Grad der Professionalität. Es sind unbewusste, psychologische Prozesse, die durch ständige Wiederholungen verinnerlicht werden. Solche Fähigkeiten brauchen Konsumenten nicht zu entwickeln. Sie downloaden oder kaufen CDs. Meistens handelt es sich dabei um einen "eingeübten" Musikgeschmack, um Varianten des Vertrauten und Bewährtem. Beim Musikhören steht das Wohlbefinden im Mittelpunkt. Erinnerungen werden durch das Gedächtnis und die Musik aufgefrischt. Glücksgefühle entstehen durch die Stimulanz des Belohnungszentrums im Gehirn.

Musiker müssen aber viel mehr leisten. Jäncke sagt: "Sie müssen den Höreindruck, der sich vor ihrem inneren Ohr entwickelt, übersetzen in ein motorisches Ereignis, das zu einem Produkt führt, das andere Menschen auch gut finden. Ein zusätzlicher Aufwand, der sehr mühsam zu erwerben ist. Dieser zusätzliche Aufwand kostet natürlich auch mehr psychologische Ressourcen. Das ist viel anspruchsvoller und stößt unser Gehirn stärker an, als wenn man Musik nur hört."

Ein nonverbales Kommunikationsmittel
Lutz Jäncke glaubt, dass Menschen Musik auch brauchen, um sich selbst zu synchronisieren. Beispielsweise um Stimmungen zu verändern oder sich wachzurütteln. Musik ist ein Medium, das Mut macht und Brücken baut. Entscheidend ist, wie oft und wie intensiv Musik gehört und gemacht wird. Weniger bedeutend ist die Auswahl der Kompositionen.

Musik gehört zur Jugendkultur. Man hört sie alleine, in Gruppen und Gemeinschaften. Sie verbindet Partner, Gleichaltrige und Generationen. Welche Muster sind zu erkennen, wenn aus den Hörgewohnheiten des Einzelnen soziale Beziehungen entstehen? "Für mich ist Musik ein nonverbales Kommunikationsmittel. Man kann über Musik Gruppen synchronisieren, oder auch nur zwei Personen - emotional, aber auch motorisch. Man tanzt zum Beispiel zur gleichen Musik, man bewegt sich synchron, man synchronisiert seine Gefühle miteinander. Auf diese Art und Weise können Gruppenmitglieder teilweise miteinander in Kontakt treten. Ich vermute, dass ist eine der wichtigsten Bedeutungen der Musik", so Jäncke.

Sendedaten
scobel
donnerstags, um 21 Uhr, in 3sat
Sendung zum Thema
© colourboxWie Klänge unser Verhalten beeinflussen
Zur Person
LupeLutz Jäncke
Der Neuropsychologe lehrt und forscht an der Universität Zürich.