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Wissenschaft am Donnerstag
Um 20.15 Uhr sehen Sie die Dokumentation:
Mehr Ruhe und Gelassenheit
Die Suche nach dem einfachen Leben
Jedes mal, wenn der "Der Club der toten Dichter" sich in der Nähe der konservativen, leistungsbezogenen Welton Academy trifft, wird zuerst ein Satz aus dem Klassiker "Walden oder Leben in den Wäldern" zitiert. Der 1854 erschienene Klassiker des einfachen, auf die Natur bezogenen Lebens, stammt von dem amerikanischen Dichter, Philosophen, Landvermesser und Lehrer Henry David Thoreau.
Das Zitat, das auch Leitmotiv für den "Club der toten Dichter" ist, lautet: "Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde." (Walden oder ein Leben in den Wäldern, S. 141). Ich muss zugeben, dass mich diese Sätze beeindrucken. Nicht nur, weil sie in den 1968ern Hunderttausende von Hippies inspirierten und das Buch eine Art Bibel der Ökobewegung war, lange bevor es diesen Namen überhaupt gab.

Wir sind unruhig und überlastet
Thoreau thematisiert zwei Motive, die zusammenlaufen im Slogan von der Suche nach dem einfachen Leben. Diese Motive sind zum einen ein Ungenügen an dem, was ist, und dem daraus erwachsenden Wunsch, das Leben "wirklich" kennen zu lernen und "wirklich" zu leben. Zum anderen, dass Entschleunigung, Einfachheit und eine neue Form der Askese zum Glück beitragen können. Beides fließt in der Frage oder Suche nach dem einfachen Leben - getreu dem Slogan "Simplify your Life" - zusammen. Mir scheint, dass diese Suche nach einem neuen, einfachen Leben, eine der stillen aber wirksamen gegenwärtigen Hauptströmungen in Deutschland darstellt.

Wer aufmerksam die Zeitungen liest, die Hörfunksendungen, aber auch den Buchmarkt und vor allem die Menschen beobachtet, wird feststellen, dass etwas uns zunehmend beunruhigt, ja quält. Und das hat ausnahmsweise nicht unmittelbar mit steigenden Benzinpreisen, Bankenfrust und den Ungerechtigkeiten des Wirtschaftssystems zu tun oder mit Krieg, Gewalt, Politikmüdigkeit, der Eurokrise oder den üblichen anderen verdächtigen Themen. Es geht vielmehr um eine grundlegendere Widersprüchlichkeit unseres Lebens, die eine tiefere Unruhe und vermutlich auch Überlastung erzeugt. Zu viele Möglichkeiten, zu viele, nicht immer gute Alternativen - dauernd sollen wir die beste wählen und dabei keine Fehler machen.

Menschen wollen Klarheit
Hin und wieder gelingt es uns, Klarheit und Einfachheit herzustellen. Zum Beispiel durch die Flucht ins Regionale, die Thema der Dokumentation "Gegen den Strom" war. Aber handelt sich dabei um eine Einfachheit und Leichtigkeit, die auch Trost spendet? Gerade vom einfachen Leben erhoffen wir uns mehr, als von den vielen Dingen, die uns umgeben: ein Mehr an Durchblick, Ruhe, Liebe, Gelassenheit, ein Mehr an sinnvollen Tätigkeiten, die wir ausüben. Mehr bedeutet: ein insgesamt besseres Leben. Oder, wie Thoreau schrieb: Ein Leben, das es möglich macht, "tief zu leben, alles Mark des Lebens aussaugen".

Genau dieser Suche nach dem einfachen Leben geht die heutige Sendung auf den Grund. Getreu einem Motto, das ich ebenfalls Thoreau entnommen habe: "Es ist nie zu spät, unsere Vorurteile aufzugeben. Auf keine Ansicht, keine Lebensweise, und sei sie noch so alt, kann man sich ohne Prüfung verlassen". Also ist Jetzt gerade die richtige Zeit für eine Prüfung!

Sendedaten
scobel
donnerstags, um 21 Uhr, in 3sat
Sendung zum Thema
© dpaDas einfache Leben
Buchtipps
Unsere Buchtipps
Empfehlungen zur Sendung, u.a. Thoreaus "Walden oder Leben in den Wäldern"
Zur Person
Henry David Thoreau
Mit seinem Werk "Walden oder das Leben in den Wäldern" wurde der Schriftsteller und Philosoph Thoreau (1817 - 1862) erst zur Ikone der Umweltaktivisten und schuff dann mit seinen Essays "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" (1849) das Standardwerk des "Zivilen Ungehorsams".