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Wissenschaft am Donnerstag
Um 20.15 Uhr sehen Sie die Dokumentation:
© dpa Lupe
Rausch im Dienste der Wissenschaft
Über körpereigene und zugeführte Drogen
Auch wenn es enttäuschend nüchtern klingt, der Rausch der Liebe ist vor allem Biochemie. Verliebte erleben eine veränderte Realität und genießen sie, denn sie sind im biochemischen Ausnahmezustand. Ihr Körper wird von einem Drogencocktail durchflutet. Die Konzentrationen von Neurotransmittern ähneln beispielsweise denen von Zwangserkrankten.
Für Franz Vollenweider und sein Forscherteam an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich stellt die unterschiedliche Wirkung körpereigener und zugeführter Drogen die einmalige Chance dar, den geheimnisvollen Prozess zu beobachten, wie das Ich und die Wirklichkeit im Gehirn entstehen. Franz Vollenweider sagt: "Psilocybin und LSD sind chemisch sehr eng verwandte Substanzen und strukturell ganz ähnlich in ihrer Gestalt. Sie docken im Gehirn an die etwa zwölf Serotoninrezeptoren an. Wir konnten zeigen, dass nur ein ganz bestimmter Superrezeptor - stimuliert durch die Substanz - angeworfen werden muss, damit dann eine Kaskade von Prozessen ausgelöst wird, die zu diesen Zuständen führt."

Wir mögen Rauscherfahrungen
Die Sucht nach Grenzerfahrungen ist eine Sucht nach körpereigenen Drogen. Die bekanntesten dabei, die Endorphine, unterdrücken Schmerz und Hunger und schaffen zusammen mit Adrenalin einen euphorischen Rausch, in dem der Körper Höchstleistungen vollbringen kann. Ihre Moleküle ähneln Opiumbestandteilen, so dass an den entsprechenden Rezeptoren Stoffe wie Heroin oder Codein ihre Wirkung entfalten können.

Kokain wiederum blockiert Rezeptoren und stört den Austausch von Neurotransmittern. An den Kontaktstellen der Nervenzellen steigt der Pegel der Botenstoffe. Darin besteht der große Unterschied zu den halluzinogenen Substanzen. "Sie sind körperlich nicht so gefährlich und man müsste enorme Dosen nehmen, um sich zu gefährden. Bei Kokain oder Heroin dagegen entstehen Abhängigkeiten und Süchte", so Vollenweider. Zwar machen Halluzinogene wie LSD nicht körperlich abhängig, aber wie die Züricher Experimente zeigen, ist ihr Eingriff in unsere Hirnchemie ungleich radikaler. Das lässt sich im Positronen-Emission-Tomographen in Echtzeit beobachten. Die bewusstseinserweiternden Substanzen beeinträchtigen den Thalamus. Das Großhirn wird mit Reizen überflutet, alte Erinnerungsspuren werden reaktiviert und das Gehirn versucht, das Chaos zu deuten.

Ein Chemiegemisch bestimmt unsere Wirklichkeit
"Man hat auf einmal mehr innere Reize. Das liegt teils daran, dass uns die Sinnesorgane intensivere Informationen aus der Umwelt liefern. Durch diese Substanzen wird das Großhirn ohne äußere Reize erregt. Das führt dazu, dass die Grenze zwischen Ich und Umwelt verschmilzt", so Vollenweider. Das sogenannte "subjektive Erleben ozeanischer Entgrenzung" zeigt eine Übererregung des Stirnhirns während ältere Hirnregionen deaktiviert werden. Bei der "visionären Umstrukturierung" erscheinen Halluzinationen bei einer Überaktivität von visuellen Arealen. Die massive Reizüberflutung überfordert die Integrationsfähigkeit des Gehirns. Das Gehirn schafft es nicht mehr, eine logische Realität und ein definiertes Selbst zu generieren.

Die Welt der Drogen zeigt, wie dünn das Eis ist, auf dem unser Selbst sich immer wieder neu konstruiert. Unsere Wirklichkeit hängt von einem Chemiegemisch ab. Die Erforschung dieses Chemiebaukastens wirft zwangsläufig tiefgreifende philosophische Fragen auf und hinterlässt selbst bei den nüchternsten Experten bis heute mehr Staunen als Wissen.

Sendedaten
scobel
donnerstags, um 21 Uhr, in 3sat
Sendung zum Thema
© colourbox"Highlung" durch Drogen?
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VideoIm Gespräch: Franz Vollenweider
Franz Vollenweider ist Psychiater und erforscht die Wirkung von Halluzinogenen.