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Ist der Mensch dabei, die Natur abzuschaffen? Thema der Sendung am 8. September.
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"Wunderpille" Pervitin
Drogeneinnahme für das Vaterland
Als Deutschland 1940 seinen großangelegten Westfeldzug durch Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich begann, waren die Soldaten scheinbar nicht zu stoppen. Unerschütterlich marschierten Infanteristen bis zu 60 Kilometer am Tag. "Die Deutschen benutzen eine Wunderpille" titelt die britische Presse. Die Wunderpille heißt Pervitin, ist ein Metamphetamin, und wird seit 1938 von den deutschen Temmlerwerken auf den Markt gebracht.
Pervitin ist dem körpereigenen Adrenalin verwandt. Es wirkt gut gegen Asthma, fördert Ausdauer und Konzentration und hebt die Stimmung. Die Gesellschaft ist offen für Muntermacher jeder Art. Bald gibt es Pralinen auf dem Markt, denen Pervitin beigemischt ist. Auch die Militärärzte werden auf das Mittel aufmerksam, denn Müdigkeit ist eines der größten wehrmedizinischen Probleme. Getestet wird das Präparat an Studenten, die nach der Einnahme in der Lage sind, nach zwei Tagen und einer Nacht ohne Schlaf noch mit Erfolg Aufgaben zu lösen.

Noch während diese Tests laufen, fällt Deutschland in Polen ein. Militärärzte kaufen ganze Apothekenbestände an Pervitin auf und verteilen sie an die Truppen. 35 Millionen Tabletten liefern die Temmlerwerke allein für den Frankreichfeldzug. Zehn Stunden hält die Wirkung von Pervitin, das auch gegen die Kälte und die Angst hilft. Als die Dosen erhöht werden, wird langsam klar, dass Metamphetamin Gewöhnungs- und Suchtgefahr birgt und sogar Wahnvorstellungen auslösen kann. Ernst Udet, ein berühmtes Fliegerass, wird prominentestes Opfer. Abhängig von Alkohol und Pervitin erschießt er sich.

Himmelfahrtskommandos dank Pervitin
Im Russlandfeldzug beklagen sich immer mehr Kommandeure darüber, dass die Soldaten die dreifache Menge Schlaf brauchen, wenn die Wirkung von Pervitin nachlässt. Viele werden depressiv. Göring beschließt, die "liegengebliebene Division" mit Alkohol und noch mehr Pervitin in Schwung zu bringen. Das Mittel soll inzwischen auch dabei helfen, die Gräuel des Unternehmens Barbarossa psychisch zu verkraften. Viele Soldaten sind längst süchtig und haben mit gravierenden Folgen zu kämpfen. Psychosen und Tod durch Herzversagen sind nur zwei davon.

Der Reichsgesundheitsführer stellt das Präparat in der Heimat nun unter das Reichsopiumgesetz, doch an der Front wird Pervitin weiter ausgegeben, nun allerdings kontrollierter. Doch die Soldaten versorgen sich aus der Heimat. 1944 landen die Alliierten in der Normandie. Nun sollen Verzweiflungsaktionen Deutschland retten. Soldaten werden in Kleinst-U-Booten, die nicht größer als umgebaute Torpedos und nur von außen zu öffnen sind, eingeschweißt. Darin schweben sie in ständiger Erstickungsgefahr. Ist der Torpedo abgefeuert, ist das U-Boot vom Feind ausgemacht und oft zu langsam, um sich in Sicherheit zu bringen. Diese Art von Himmelfahrtskommandos sind ohne Pervitin nicht durchzustehen.

Soldaten, Studenten, Kinder - alle nehmen es
Um das Präparat zu optimieren, finden Menschenversuche statt. Im KZ Sachsenhausen gibt es das Schuhläuferkommando. Dabei testen Häftlinge Lederersatzstoffe für die Schuhindustrie. Ihnen werden nun Mischungen aus Pervitin mit Kokain und Koffein verabreicht. Dann müssen sie, beschwert mit Sandsäcken, 80 Stunden marschieren. Schließlich werden Kinder zu Soldaten gemacht. Ganze Schulklassen sollen die Heimat als Flakhelfer verteidigen. Auch an sie wird das Mittel ausgegeben.

Nach dem Krieg versorgen sich viele süchtige Kriegsheimkehrer auf dem Schwarzmarkt mit Metamphetamin. Auch Studenten, die in den Aufbaujahren zügig zu Abschlüssen kommen müssen, greifen gerne zu dem Muntermacher. Der ist bald wieder in Apotheken zu beziehen - und gesellschaftlich voll akzeptiert. Nach dem Mauerbau teilen sich die Temmlerwerke in Ost und West und beliefern beide deutsche Armeen mit Metamphetamin. Die Bundeswehr gibt das Mittel noch bis Anfang der 1970er Jahre an Soldaten aus und NVA-Grenzsoldaten führen es bis 1988 in ihrer Ausrüstung.

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