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Wissenschaft am Donnerstag
Um 20.15 Uhr sehen Sie die Dokumentation:
© colourbox Lupe
Wir gruseln uns gern - solange es gemütlich auf dem eigenen Sofa ist.
Schaulust
Die Freude am Grausen gab es schon immer
Die Dämonen der Moderne kommen nicht mehr aus der Hölle sondern aus dem Weltall. Die Alptraumwesen des Schweizer Künstlers H. R. Giger haben die unterschiedlichsten Menschen weltweit in ihren Bann gezogen, auch Medienpsychologen wie Clemens Schwender.
© ap Lupe
H.R. Gigers "Alien" und Hauptdarstellerin Sigourney Weaver.
Weltberühmt wurden Gigers Visionen durch die Alien Filme. Jene Verschmelzungen von Organismus und Maschine, Schleim und Säure, sexuellen Symbolen, Penetration und Tod scheinen eine schwer verständliche Faszination auszuüben. Clemens Schwender sagt: "Ich finde die Alienfilme toll und ästhetisch, wie sie visualisiert und umgesetzt sind. Es ist eine Faszination, die mich packt, wenn man diese Bilder sieht. Der Film Alien funktioniert nicht nur über den Schrecken, sondern auch über eine gewisse Langsamkeit, denn man hat viel Zeit, sich die Figuren anzuschauen."

In jeder Epoche hatte der Schrecken Konjunktur. Schon die griechischen Tragödien sind voller Mord und Schlachtereien. Ihre Welt ist bevölkert von Monstern wie der Medusa mit dem Schlangenhaupt, deren Anblick so schrecklich war, dass Menschen zu Stein erstarrten. Später, im christlichen Mittelalter, drehten sich die Geschichten um Teufel, Dämonen und die Qualen der Hölle. Die Lust am Schrecken hat eine ungebrochene Tradition bis in die Neuzeit. Hat der Spaß an der Angst einen evolutionären Sinn, um sozusagen offline aus Gefahrensituationen zu lernen, wie einige Evolutionspsychologen behaupten? Schwender meint dazu: "Es ist sinnvoll, dass wir uns auf Situationen vorbereiten, die kommen können. Diese Vorbereitung, dieses Spiel, wird von einem positiven Gefühl begleitet. So können wir spielerisch negative Emotionen ausprobieren."

Horrorvoyeurismus als Training für den Ernstfall?
Eine ganze Ekelkultur hat sich im Medienzeitalter etabliert. Das Dschungelcamp konstruiert groteske Ekelprüfungen mit abgehalfterten Stars wie einst in Gladiatorenspielen. Die Psychologie redet vom sogenannten Sensations Seeking und meint, Gefahr erleben ohne selbst in Gefahr zu sein. Der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus sagt: "Das ist schon immer so. Im 18. Jahrhundert war es die Lust der Zuschauer an der öffentlichen Hinrichtung. Edmund Burke sagte, stellt euch vor, ein Theater spielt eine glanzvolle Tragödie, aber es steht jemand im Zuschauerraum auf und sagt gerade jetzt wird draußen jemand hingerichtet, das Theater entleert sich sofort."

Körperlich erfährt auch der Zuschauer reale Ängste und wird nach durchlebtem Schrecken vom körpereigenen Belohnungssystem in Hochstimmung versetzt. Ob öffentliche Hinrichtung, Horrorfilm oder Dschungelcamp, es ging immer um die Konfrontation mit den verborgenen Ängsten. "Wir brauchen mediale und künstlerisch produzierte Programme der Ekel- und Horrorerzeugung, weil der Alltag der Menschen im Beruf und Privatleben oft nicht reizvoll genug ist und einer Ergänzung bedarf, die in diese sonst selten erlebbaren Gefühlsregionen geht", erklärt Winfried Menninghaus.

Wir sind unterstimuliert
Die Psychologie erklärt diese Sucht nach starken Affekten mit einem unterstimulierten Gehirn. Der wortwörtliche Nervenkitzel soll wieder ein Erregungsgleichgewicht schaffen und spricht dabei vor allem auf archaische Ängste wie auf eine Droge an. Ist vielleicht der Hang von Jugendlichen zur Horrorkultur und dem Gemetzel am Computer nur normaler Teil ihrer Entwicklungsphase und weniger wie oft behauptet eine Abgrenzungsreaktion? Nicht von ungefähr gibt das amerikanische Militär freimütig zu, solche Computerspiele wären nützlich zur Emotionsabstumpfung für junge Rekruten.

"Wir leben in einer Gesellschaft, in der Initiationsriten fehlen. Daher suchen sich Jugendliche andere Formen, wie sie sich beweisen können. Das kann in einem bestimmten Alter der Horrorfilm sein. Rituell eingebunden, in dem man sich diesen Film illegal verschafft, sich mit Kumpels verabredet und den Film dann gemeinsam durchsteht", so Clemens Schwender. Das Spiel mit der Angst gab es immer, nur die Rituale ändern sich und sind Spiegelbild der Kultur und Gesellschaft.

Sendedaten
scobel
donnerstags, um 21 Uhr, in 3sat
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