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Die Illusion des Fortschritts ist auch ein Schutz gegen die Verletzlichkeit des Menschen in einem gleichgültigen Kosmos.
Höher, schneller, weiter?
Fortschritt als Illusion
Die Evolutionstheorie wird gerne als Fortschrittstheorie interpretiert. Eine Einteilung in höher und nieder entwickelte Arten würde heute jedoch kein Biologe mehr wagen. Man spricht lediglich von einer Zunahme an Komplexität. Auch wenn der Mensch sich gerne als Krone der Schöpfung sehen möchte, stellt sich doch die Frage, warum die Evolution ihn gegenüber den anderen Arten bevorzugen sollte.
Und wie wollte man den Fortschritt - wenn es ihn gäbe - objektiv messen? "Fortschritt ist gebunden an einen Ist-Zustand und einen Soll-Zustand. Ohne dass es jemanden gibt, der den Soll-Zustand definiert, ist Fortschritt nicht möglich. Und im Leben haben wir das nicht. Es sei denn, man ist irgendeinem Glaubenssystem verpflichtet und sieht in Gottes Willen so eine Maßgabe. Aber im wissenschaftlichen Bereich, wo das keine Rolle spielt, ist das nicht vorfindlich. Die Evolution verläuft planlos. Jemand hat gesagt, die Evolution geht ziemlich langsam nirgendwohin. Und da gibt’s auch keinen Fortschritt", so der Biophilosoph Eckart Volland.

Nützliche Konstruktion des Gehirns
Dennoch ist die Idee des Fortschritts ein wesentliches Element des menschlichen Lebens und Überlebens. Der Mensch braucht Sinn, und er findet diesen Sinn, indem er nach dem vermeintlich Besseren und Höheren strebt. Religion, Politik und Wissenschaft versprechen eine Entwicklung zum Besseren. Tatsächlich ist der Fortschritt aber nichts anderes als eine nützliche Konstruktion unseres Gehirns. "Das Gehirn dient der Informationsverarbeitung und hat eine ganz wichtige biologische Funktion, denn es soll adaptives also biologisch funktionales Verhalten hervorbringen. Und dazu ist es wichtig, dass das Gehirn nützlich arbeitet. Es ist nicht der Wahrheit verpflichtet in der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung, sondern nur der Nützlichkeit", so Volland weiter.

So wie das Gehirn uns eine Welt voller Farben vorspielt, oder die Vorstellung eines Ichs, so lässt es uns an den Fortschritt glauben. Aber wozu kreiert unser Gehirn solche Illusionen, für die es keine objektive Entsprechung gibt? "Weil Selektion ein Prinzip ist, was Unterschiede in den verschiedenen Lebensleistungen der Individuen, der Lebewesen bewertet, wird Differenzschaffung, Differenzwahrnehmung und Differenzinterpretation zu einem ganz wesentlichen Moment der Lebenspraxis. Und dem Ziel arbeitet unser Gehirn zu. Wir schaffen Differenz, wir sehen Differenz, und wir streben nach dem Mehr, nach dem Höher, nach dem Weiter, nach dem Besser und nach dem Fitter. Und da ist die Fortschrittsidee mit eingedacht. Aber es bleibt trotzdem eine konstruktive Leistung eines Gehirns, ohne dass dem in der Außenwelt irgendetwas entspräche", so Volland.

Nicht glücklicher trotz Fortschritt
Dank dieser Illusion arbeitet der Mensch stetig an der Verbesserung seiner Lebensumstände. Und haben uns die Wissenschaften nicht eine Fülle von Technologien beschert, die uns das Leben erleichtern und unsere Fähigkeiten erweitern? Hier tritt ein Paradoxon auf, denn dieser Fortschritt führt nicht zwangsläufig zu mehr Glück. Umfragen, die seit 1958 in den USA stattfinden, belegen dies. "Ein ganz überraschendes Ergebnis dieser jährlich stattfindenden Umfragen liegt darin, dass seitdem praktisch unverändert rund ein Drittel aller Befragten angibt, happy oder very happy zu sein. Und wir hatten seit 1958 die Mondlandung, den Vietnamkrieg, die Pille, die Beatles, Rock’n’Roll, den Irakkrieg, ethnische Emanzipation, also massive gesellschaftliche Veränderung. Und trotzdem hat sich an der Drittelantwort nichts geändert", weiß Volland.

Auch der Eingriff ins Genom wird uns nicht glücklicher oder besser machen. Wir bleiben Teil eines evolutionären Prozesses mit ungewissem Ausgang, denn unser Gehirn sucht ständig die Differenz, das Bessere. Wenn es erreicht ist, schafft es sofort neue Differenzen. Volland vergleicht die Idee des Fortschritts deshalb mit einem Hamsterrad. Dennoch fällt es dem Menschen so schwer, den Fortschritt als Illusion zu akzeptieren.

Naiver Realismus ist besonders erfolgreich
"Das liegt daran, dass Menschen naive Realisten sind. Sie werden als naive Realisten geboren, sind auch naive Dualisten, und sie haben gewisse kognitive Strategien, die sich in der Evolution als ausgesprochen erfolgreich herausgestellt haben. Der naive Realismus ist eine solche Strategie, die ausgesprochen erfolgreich ist, weil man damit sehr weit kommt, aber sie hält eben einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand. Und das ist ein Widerspruch, der für den Wissenschaftler interessant ist, aber nicht notwendigerweise für den Alltagsmenschen. Und deswegen wird die Idee des Fortschritts auch nach wie vor bevorratet und gepflegt", so Biophilosoph Volland.

Einzeller können nicht über Fortschritt nachdenken. Sie haben eine ungeheure Artenvielfalt hervorgebracht, aber zeigten in Jahrmillionen keine Tendenz zu höherer Komplexität. Trotzdem werden sie uns im Falle eines Atomkriegs überleben. Die Illusion des Fortschritts ist auch ein Schutz gegen die Verletzlichkeit des Menschen in einem gleichgültigen Kosmos.

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