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Wissenschaft am Donnerstag
Um 20.15 Uhr sehen Sie die Dokumentation:
© mev Lupe
Was ist alles drin? Und ist es auch gesund?
Desinformation als Prinzip
Werbung bestimmt unser Bild vom gesunden Essen
1908 entdeckte der japanische Chemiker Kikunae Ikeda warum Tofu in Kombination mit Tangbrühe so viel besser schmeckte. Es war die Glutaminsäure im Seetang. Bereits ein Jahr später begann die Firma Ajinomoto, bis heute Weltmarktführer, mit der Produktion von synthetischem Glutamat.
In den Westen gelangte der Geschmacksverstärker erst später durch japanische Kriegsgefangene. Jedoch genau zur richtigen Zeit, denn in der zweiten industriellen Revolution hieß es, wenn Autos am Fließband hergestellt werden können, warum nicht auch Lebensmittel. Doch was die Fabriken dann produzierten, wäre ohne Glutamat und Aromastoffe ungenießbar gewesen.

Wir wissen viel zu wenig
Der für seine radikale Kritik an unseren Vorstellungen von Ernährung bekannte Lebensmittelchemiker Udo Pollmer weiß, das wir in Bezug auf unser Essen in einer konstruierten Traumwelt leben. Er sagt: "Die Herstellung von Lebensmitteln ist heute Hightech, wie die Herstellung eines Autos oder eines Computers. Wenn man nun versucht, im Rahmen der öffentlichen Aufklärung, den Menschen mit Begriffen aus der Küche zu erklären, wie ein Computer oder Porsche hergestellt wird, und das möglichst noch in eineinhalb Minuten, dann kann da eigentlich nur Unsinn berichtet werden."

Komplexe Chemie, Werbewelten und gekaufte Experten, sie alle lassen sich nicht gerne in den Topf gucken, bei dem was sie uns auftischen.Udo Pollmer sagt: "Hätten die Menschen eine halbwegs klare Vorstellung von der Lebensmittelproduktion, würde eine Werbung, in der ihnen erzählt wird, dass Mönche im Keller mit eigenen Händen einen Käse fertigen, den auf einen Eselskarren verladen, um ihn zum nächsten Discounter zu bringen, damit er dort für wenige Cent verkauft werden kann, sie alle lauthals zum Lachen bringen."

Unangenehme Wahrheiten werden runtergespielt
Manchmal hört der Spaß auf, wenn unangenehme Wahrheiten zum Vorschein kommen. Ende der 1990er Jahre warnte der Toxikologe Hermann Kruse von der Uni Kiel im ZDF-Mittagsmagazin vor dem Zuckerersatzstoff Aspartam. Eine halbe Stunde nach der Sendung meldete sich eine Anwaltskanzlei und der Hersteller verklagte ihn. Kruse gewann zwar den Prozess, aber Aspartam, in rund 6000 Produkten zu finden, landet weiter in unseren Einkaufskörben. Kein Wunder, denn zuckerfrei gilt ja allgemein als gesund. Ein Verwirrspiel, bei dem man nicht mehr weiß, was gut und was schädlich ist.

"Bei vielen Sachen wissen wir es sogar, aber es wird nichts dagegen unternommen. Ein Beispiel sind die ganzen Diätprodukte. Wir wissen, dass die Süßstoffe in den Produkten das Körpergewicht der Menschen in unnatürlicher Weise erhöhen", so Udo Pollmer. "Wir wissen ganz genau, dass Dinge, die gerade als besonders gesund beworben werden, von Nachteil sind."

Oft bleibt nur der Preis als Kriterium
Der Kampf um Köpfe und Bäuche geht über den Preis. Billig muss es sein. Angeblich will es der Verbraucher so, vor allem der in Deutschland. Im Durchschnitt geben Deutsche weniger Geld für Lebensmittel aus, als ihre europäischen Nachbarn. Doch die Statistik täuscht. Lebensmittel sind in Frankreich oder Italien kulturell anders verwurzelt, sie sind aber auch einfach teurer. Noch bis Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden auch hierzulande rund 50 Prozent des Einkommens in Lebensmittel investiert, heute sind nur noch zehn Prozent.

Udo Pollmer weiß auch warum: "Dass der Kunde das Billigste will, liegt nicht daran, dass er bösartig oder geizig ist. Die Bereitschaft einen Preis zu zahlen, hängt ganz wesentlich davon ab, ob der Kunde der Ware trauen kann. Wenn er das Gefühl hat, er weiß nicht wirklich etwas über das Produkt und seine Qualität, ist das einzige was er wahrnehmen kann, die Verpackung und der Preis. In dem Fall wird er immer zum billigeren greifen. In der Wirtschaftswissenschaft heißt das Lemon Markets."

Durchblick nur für Chemiker und Spezialisten?
Verbraucherschutzverbände favorisieren für mehr Orientierung seit einiger Zeit eine Ampelkennzeichung für Lebensmittel. Allerdings liefert auch diese keine Qualitätsinformation sondern sagt nur etwas über den Kaloriengehalt. Selbst Formfleisch mit Analogkäse und Geschmacksverstärkern bekäme einen grünen Punkt, wenn es fettreduziert und zuckerfrei ist. Die Politik folgt dem GDA-System. Eine Knobelaufgabe für Rechenkünstler. Auf EU-Ebene sollen sogar alle anderen Hinweissysteme zum Nährwert verboten werden.

"Wie soll ein Verbraucher, der einen ehrlichen Beruf erlernt hat, alle diese Sachen erkennen und unterscheiden, wenn er unter Zeitdruck einkaufen muss? Der hat doch gar keine Chance", sagt Pollmer dazu. Und so dürfen wir uns dick und dumm fressen im industriellen Schlaraffenland. Aber dagegen kann uns sicher die Pharmaindustrie helfen. Mit ihren Cholesterinsenkern und Diätpillen.

Sendedaten
"scobel"
immer donnerstags um 21 Uhr in 3sat
Sendung zum Thema
© mevEssen - getäuscht und abgespeist?
Mediathek
© ZDFVideoIm Gespräch: Udo Pollmer
Der Ernährungsexperte über die Methoden der Lebensmittelindustrie
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