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Wissenschaft am Donnerstag
Um 20.15 Uhr sehen Sie die Dokumentation:
© photocase Lupe
Der Mensch braucht die Natur, trotzdem fällt uns das Umdenken schwer.
Umweltpsychologie - Wir schaden uns selbst
Negative Folgen unseres Tuns werden verdrängt
Der Chemiker Paul Crutzen nennt die letzten 200 Jahre das Anthropozän, das vom Menschen bestimmte Zeitalter. In dieser Periode hat sich die Menschheit von einer biologischen zu einer geologischen Handlungsmacht gewandelt: Wir verändern das Klima und die Atmosphäre des Planeten. Es gibt keine unberührten Gebiete mehr und die Zerstörung von Lebensräumen schreitet rasant voran. Die Konsequenz ist das Aussterben vieler Tier- und Pflanzenarten.
Die gute Nachricht ist, dass der Mensch es als die selektierende Kraft im Gesamtökosystem Erde in der Hand hat, diese dramatische Entwicklung umzukehren. Doch warum fällt uns das so schwer? Der Ökopsychologe Norbert Jung erklärt es am Beispiel des Kibitz: "Ich komme aus Mecklenburg. Auf jeder Wiese hüpften dort Kibitze rum. Sie waren nichts Besonderes. Heute stehen sie auf der Roten Liste und sind geschützt. Selbst da, wo es noch Wiesen gibt, findet man keine mehr. Doch diese Entwicklungen gehen schleichend vor sich und man bemerkt erst gar nicht, dass es im Frühling leiser geworden ist. Irgendwann haben wir uns dran gewöhnt, dass keine Vögel mehr da sind."

Obwohl Menschen die langfristigen Entwicklungen durchaus erkennen und abschätzen können, handeln sie überwiegend gegenwartsbezogen. Sie verdrängen die negativen Folgen des eigenen Handelns, die in der Zukunft auftreten werden. Außerdem bestimmt den Menschen das Haben. Wenn erst ein bestimmter Lebensstandard erreicht ist, wird jede Einschränkung, jedes Abgeben, unbequem und deshalb abgelehnt. Dabei verkennt der Mensch, dass er selbst als Kulturwesen immer ein Naturwesen bleibt. Wenn er die Natur zerstört, schadet er sich selbst.

"Es geht um seelische Gesundheit"
Norbert Jung sagt: "Es geht um seelische Gesundheit, ein Thema, das in der letzten Zeit in den USA, aber auch in unserem Land aufgekommen ist. Der Mensch braucht zu einem guten Leben und für seine seelische Gesundheit ein gewisses Quantum Natur. Unsere Psyche ist unbedingt darauf angewiesen, weil sie aus dieser Natur stammt."

Die Natur ist mehr als nur ein Ökosystemdienstleister, der uns mit frischer Luft, Rohstoffen und Nahrung versorgt. Sie erfüllt auch ästhetische, psychologische und spirituelle Bedürfnisse. Jede Naturzerstörung vernichtet "Dienstleistungen", die unbezahlbar und unverzichtbar sind. Die Einsicht in die lebensbedrohlichen Konsequenzen des Artensterbens sind zunehmend auch Thema in Literatur und Kunst.

"Wissen erzeugt keine Verhaltensänderung"
Ein Beispiel ist der nordamerikanische Elfenbeinspecht. Sein Lebensraum waren die Zypressenwälder im Süden der USA. Zahllose Medienberichte, Bücher, ein Film und eine klassische Komposition haben sein Aussterben journalistisch und künstlerisch verarbeitet. Kulturwissenschaftler sehen in all diesen Werken die Aufarbeitung eines historischen Traumas. Der Vogel ist ausgestorben, weil großangelegte Rodungen und die ökologische Ausbeutung Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Lebensraum zugrunde gerichtet haben.

Wenn solche Verluste derart stark im kulturellen Gedächtnis verankert sind, warum greifen wir dann nicht entschlossener ein? "Wissen erzeugt keine Verhaltensänderung und verändert nicht die Einstellung", so Jung. "Dazu liegen genügend psychologische Erkenntnisse vor. Es muss etwas Emotionales oder eine tief verankerte Überzeugung, eine Motivation, da sein, um Veränderungen zu bewirken." Auf die Frage nach den Gründen für ihre Studienwahl, sagten 75 Prozent von Norbert Jungs Studenten, dass diese mit intensiven Naturerlebnissen in der Kindheit zusammen hängt.

Oft fehlt die emotionale Bindung zur Natur
"Kinder, die die Möglichkeit haben, unpädagogisiert draußen spielen zu dürfen, entwickeln eine emotionale Beziehung zur Natur", so Norbert Jung. "Doch über emotionale Beziehungen wird nicht gesprochen. Es wird immer nur über Wissen, über Einsichten gesprochen, aber nicht darüber, woran ein Mensch emotional gebunden ist. Dabei ist das die Basis, auf der man aufbauen kann. Da bauen sich automatisch Werte auf und das Verständnis für Zusammenhänge, auch globale Zusammenhänge. Wer so weit kommt, will noch mehr wissen."

Bisher scheinen uns weder materielle, noch ideelle Verluste beeindruckt zu haben. Dennoch bleibt die drängende Frage, wie das Artensterben und die Umweltkrise in den Griff zu bekommen sind. Was also könnte den Menschen zwingen, die Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt besser zu schützen? Die Lösung können langfristig nur globale Strategien und ein Kulturwandel sein, der alle Gesellschaftssysteme umfasst.

Sendedaten
"scobel"
immer donnerstags um 21 Uhr in 3sat
Sendung zum Thema
© mevEvolution - Über das Artensterben