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Wissenschaft am Donnerstag
Um 20.15 Uhr sehen Sie die Dokumentation:
© reuters Lupe
Jeder von uns hat wohl schon Baumwolle getragen, die von Kinderhänden gepflückt wurde.
Ausbeutung für die Geiz-ist-Geil-Kultur
Menschenhandel findet auch in Deutschland statt
Die Baumwollfelder in Usbekistan sind ein Synonym für Sklaverei schlechthin, doch Geschichte ist das nicht. Rund zwei Millionen Kinder werden hier jährlich für die zweimonatige Baumwollernte zwangsverpflichtet. Wer sich weigert, hat mit drakonischen Strafen zu rechnen.
Die usbekische Journalistin Umida Niyazova, die über die Zustände in ihrem Land berichtete, wurde verhaftet und zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Sie konnte fliehen und bekam in Deutschland Asyl. "Das System, Menschen zu befehlen auf den Baumwollfeldern in Usbekistan zu arbeiten, muss als eine Form moderner Sklaverei bezeichnet werden," so Umida Niyazova. Der Gewinn fließt in die Taschen der Oligarchen rund um den Diktator Karimow. Ein ganzes Volk ist also im Privatbesitz einer Machtelite. "Die Situation in Usbekistan ist einzigartig. Es ist die Regierung, es sind Beamte, die die Zwangsarbeit, die Kinderarbeit organisieren. Die Kinder arbeiten nicht, weil sie damit Geld verdienen, sie arbeiten, weil der Staat sie einfach auf die Felder schickt", so Niyazova.

Ein Sklave kostet in Haiti etwa 50 Dollar
Der amerikanische Sklavereiforscher Kevin Bales prägte den Begriff Wegwerfmenschen. Kostete im 19. Jahrhundert ein Sklave in den USA noch 30.000 Dollar und war ein wertvolles Investitionsobjekt für seinen Besitzer, so ist ein Sklave in Haiti bereits für 50 Dollar zu haben. Er kann ausgebeutet, sexuell missbraucht und schließlich entsorgt werden. Schätzungen gehen von rund 400.000 Kindersklaven in Haiti aus.

Trauriger Rekordhalter ist Indien. Dort leben 20 Millionen Menschen in sogenannter Zinsknechtschaft. Sie werden teilweise schon seit mehreren Generationen als Eigentum behandelt und mit Gewalt gefügig gehalten. Und das, obwohl Indien die Zinsknechtschaft bereits 1976 unter Strafe stellte. Dazu kommen sogenannte Kinderbasare in den endlosen Slums, wo hunderttausende Kinder jährlich als Sklaven zum Teppich knüpfen, Zigaretten drehen oder für die unzähligen Bordelle verkauft werden.

Kakaoernte mit tausenden Kindersklaven
Eine Form der sogenannten ethnischen Sklaverei existiert im Sudan und in Mauretanien. Dort betrachtet eine arabische Herrschaftsschicht die schwarzafrikanische Bevölkerung als Eigentum. Bereits fünf mal hat Mauretanien Sklaverei per Gesetz verboten - das letzte Mal 2007. Geändert hat dies nichts. Vermutlich 600.000 Sklaven, 20 Prozent der Bevölkerung, sind weiter der Willkür ihrer Besitzer ausgeliefert. Sklavenhändler verschleppen Kinder in Westafrika und verkaufen sie zum Stückpreis von 30 bis 300 Dollar an die Kakaoplantagen der Elfenbeinküste.

Rund 35 Prozent der weltweiten Kakaoernte wird dort produziert - mit Hilfe zehntausender Kindersklaven. Die Sklaverei erlebt im Zeitalter der Globalisierung eine neue Blüte. Das Volumen des Menschenhandels hat sich seit Mitte der 1990er Jahre weltweit vervierfacht. Am Berliner Institut für Menschenrechte weiß man, dass dies nicht nur ein Problem ferner Armutsregionen ist. "Wir haben Sklaverei oder Sklaverei ähnliche Zustände 2011 auch in Deutschland. Wir haben ein ganz breites Spektrum an Arbeitsausbeutungen und am Ende dieses Spektrums stehen die Sklaverei ähnlichen Verhältnisse,“ so Heike Rabe vom Projekt Zwangsarbeit heute.

Ware Mensch verspricht überall hohe Rendite
War es früher vor allem Zwangsprostitution, so stoßen Ermittler heute immer öfter auf Sklaverei-Verhältnisse im Industrie- und Dienstleitungssektor. "Menschenhandel findet in Deutschland statt unter den Augen der Öffentlichkeit und hinter einer legalen Fassade. Betroffene haben zum Teil ganz legale Papiere, also Aufenthaltserlaubnis und Arbeitspapiere. Sie arbeiten auf öffentlich zugänglichen Arbeitsplätzen, wie Baustellen oder in Betrieben," sagt Heike Rabe.

Dabei ähneln die Strukturen in der Fleisch verarbeitenden Industrie, in der Landwirtschaft und im Baugewerbe denen der Zwangsprostitution. Mit falschen Versprechungen werden den Menschen die Papiere weggenommen und sie werden mit Gewalt bedroht. Die Ware Mensch verspricht überall hohe Rendite. Jeder von uns hat wohl schon Baumwolle getragen, gepflückt von den versklavten Kindern Usbekistans. Trotzt 12 internationaler Abkommen und 300 Verträgen ist es bisher nicht gelungen, die Welt von Sklaverei zu befreien. Heute leben mehr Menschen in Sklaverei als je zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Sendedaten
"scobel"
immer donnerstags um 21 Uhr in 3sat
Interview mit Heike Rabe
VideoRabe ist Projektkoordinatorin am Deutschen Institut für Menschenrechte
Sendung zum Thema
© dpaSklaverei heute