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© reuters
Am Anfang von Zwangsarbeit steht oft das Versprechen auf ein besseres Leben.
Wenn Frau zur Ware wird
Verschleppt, gedemütigt und misshandelt
Mitten in Berlin lebte ein jemenitischer Diplomat in einer luxuriösen Wohnung am Potsdamer Platz. Er hatte seine indonesische Hausangestellte ganz legal mit nach Deutschland gebracht und hielt sie wie eine Sklavin. Dewi Hasmiati wurde jeden Tag geschlagen, an Kleidung und Kopfbedeckung gezogen, getreten und mit dem Schuh geschlagen.
Misshandelt, in einem fremden Land und eingesperrt, lebte die junge Hausangestellte unter der totalen Kontrolle ihres Dienstherren - ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Die Tür war immer abgeschlossen.

Erst als sie unter diesen Arbeits- und Lebensbedingungen schwer erkrankte und außerhalb der Wohnung in einem Berliner Krankenhaus behandelt werden musste, gelang ihr mit Hilfe von Mitarbeiterinnen der Hilfsorganisation Ban Ying die Flucht. Der Täter blieb von der deutschen Justiz unbehelligt und genießt bis heute diplomatische Immunität.

"Sie war fast tot, als sie geflohen ist, ihr ging es wirklich sehr, sehr schlecht. Und selbst in diesem Fall hat das Auswärtige Amt ihn nicht zur 'Persona non grata' deklariert", so Nivedita Prasad von Ban Ying, der Beratungs- und Koordinationsstelle gegen Menschenhandel. Der Fall von Dewi Hasmiati wurde von Ban Ying öffentlich gemacht. Nach dem dann die Medien darüber berichteten, war auch die jemenitische Botschaft bereit zu zahlen. Es gab 23.000 Euro für zweieinhalb Jahre Sklaverei. Der Fall Hasmiati ist auch in Deutschland kein Einzelfall. Von Sklaverei bis zu ausbeuterischen Jobs zu Dumpingpreisen - menschenverachtende Arbeitsverhältnisse sind in Deutschland auf dem Vormarsch.

Das Martyrium beginnt mit dem Transport
2009 ermittelte die Polizei in 558 Fällen von Menschenhandel zum Zwecke der Ausbeutung - Tendenz stark steigend. In einer globalisierten Welt, in der die Kluft zwischen Armen und Reichen immer größer wird, sind Migranten eine billige Ware. Sie strömen über die Meerenge von Gibraltar nach Europa. Mit ihrem Traum von einem besseren Leben sind beim Menschenhandel dicke Geschäfte zu machen. Seit den 1980er Jahren werden schwarze Menschen von Nigeria nach Europa verfrachtet. Eine von Frauen dominierte Mafia regelt den Handel mit der Ware Frau. Allein in Italien arbeiten 50.000 Zwangsprostituierte aus Nigeria. Das ist ein Milliardengeschäft für die Menschenhändler.

Am Anfang steht die beste Freundin oder ein guter Onkel. Die erste Phase des Menschenhandels beginnt mit einem großen Versprechen für eine bessere Zukunft. Doch schon bald müssen die jungen Frauen eine Art Schuldschein unterzeichnen, der mit der blutigen Tinte eines Voodoo-Rituals geschrieben wird. So werden Körper und Seelen der jungen Frauen unter die Gewalt des Kultes gebracht. Ein Todesschwur und vom Opfer abgeschnittene Haare oder Fingernägel führen zur absoluten Unterwerfung. Von nun an übernehmen Schlepper den Transport der jungen Frauen. Für sie beginnt das Martyrium schon auf den staubigen Straßen Afrikas: Dort lauern Vergewaltigung, Hunger, Durst, Schmerzen - oder der Tod.

Exit und Ban Ying helfen
Die es über das Mittelmeer nach Europa schaffen, kommen unter die Aufsicht einer "Madame“, die die Mädchen beherrscht. Freiheit winkt erst, wenn 50.000 bis 70.000 Euro Schulden für die Transportkosten durch die Einnahmen aus Prostitution bezahlt worden sind. Nach Wien kam Joana Adesuwa Reiterer aus Nigeria durch ihren Mann, der angeblich eine Reiseagentur betrieb. Sie erzählt: "Nach Monaten habe ich gemerkt, dass er Mädchen nach Österreich verschleppt, um sie dann weiter zu verkaufen. Als ich ihm das vorgeworfen habe, hat er bestätigt, dass ich die Madame-Rolle übernehmen soll. Als ich mich geweigert habe, hat er verlangt, dass ich ihm 30.000 Euro zahle. Dann bin ich aus der Ehe geflohen."

Heute leitet Adesuwa Reiterer die Organisation EXIT, die jungen Frauen aus Nigeria beim Ausstieg aus dem Teufelskreis von Prostitution und Menschenhandel Hilfe anbietet. Hilfe für Migrantinnen leistet auch der Verein Ban Ying. Hier werden auch Frauen ohne Papiere beraten - und wenn nötig in einer Schutzwohnung untergebracht. Ban Ying in Berlin konnte schon über tausend Frauen in ihrer Notlage weiterhelfen.

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© dpaSklaverei heute
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© dpa Sex gegen Geld
Prostitution in Deutschland
Mediathek: Interview
VideoDr. Nivedita Prasad spricht über ihre Arbeit bei der Organisation Ban Ying
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