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Quo vadis Bundeswehr?
Wie sieht das Militär der Zukunft aus? Thema bei scobel Thema am 9. Juni 2016.
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Ursachen von Jugendgewalt
Auf der Suche nach Erklärungen zwischen Skandalisierung und Moralpanik
Kaum ein Thema findet in der Öffentlichkeit soviel Aufmerksamkeit wie die Gewalttaten junger und jugendlicher Täter. Oder, juristisch korrekter formuliert: die Gewalttaten von Kindern, die noch nicht 14 sind, und Jugendlichen, die 14 bis 18 Jahre alt sind.
In der wissenschaftlichen Literatur, etwa in dem hervorragenden Buch "Jugendgewalt" wird wiederholt auf die Rolle der Medien, aber auch der Politik und Polizei hingewiesen. In allen drei Bereichen gibt es eine Tendenz zu Skandalisierung und Moralpanik, was der Sache selbst wenig hilft.

Tatsächlich ist man erschrocken, wenn man sich mit den Gewalttaten jugendlicher Täter befasst. Im Dezember 2010 schilderte die Journalistenkollegin Susanne Leinemann im Zeitmagazin, wie sie beinahe getötet worden wäre, nur weil drei Jugendliche ihr nicht einfach die Tasche stehlen wollten, was sie aufgrund körperlicher Überlegenheit leicht hätten tun können, sondern sie stattdessen brutal misshandelten und beinahe umbrachten.

Gewalttaten, die traumatisierte Opfer zurücklassen
Die Gewalttaten lassen sprachlos gewordene Opfer zurück, die nicht selten nach der Tat körperlich behindert oder psychisch schwer traumatisiert sind. Obwohl es richtig ist, mehr über die Opfer zu sprechen als dies bislang geschieht, befasst sich die Sendung dennoch explizit mit den Tätern, den Kindern und Jugendlichen selbst, die töten und vergewaltigen.

Letztes Jahr wurden 4,4 Prozent aller Straftaten von Kindern - also Personen unter 14 Jahren verübt. 11,4 Prozent aller Taten von Jugendlichen - und 10,4 Prozent von Heranwachsenden. Im Klartext bedeutet das, dass 26,2 Prozent aller Straftaten von unter 21-Jährigen verursacht werden. Einer meiner Gäste, Joachim Kersten, bemerkte einmal zur Jugendgewalt, dass sie für Pädagogen und Kriminologen in etwa dem nahe kommt, was Überschwemmungen für Klimaforscher sind. Ich würde hinzufügen: auch für Politiker, Kulturwissenschaftler, Soziologen, eigentlich für uns alle.

Die Gesellschaft fühlt sich unschuldig
Tatsächlich fühlt sich die Gesellschaft nach einer Gewalttat wie in Winnenden oder Solln betroffen, aber unschuldig. Die Medien skandalisieren und zeigen mit einem mal brennendes Interesse an sonst entlegenen Fragestellungen wie Therapie oder Bildung. Die Politik schwelgt in Moralpanik und beklagt den Verlust von Zusammenhalt und Werten, Engagement und Tradition, die uns doch hätten retten können.

Die Wissenschaftler schließlich fühlen sich durch das Hochwasser der Gewalt in all ihren Annahmen über die Klimakatastrophe der Gesellschaft bestätigt. Tatsächlich IST Jugendgewalt - und ich meine damit schwerste Körperverletzung, Totschlag, Mord und Vergewaltigung durch Täter, die manchmal 11, 12, 13 Jahre alt sind, in hohem Maße beunruhigend.

Erklärungsversuche
Zur Erklärung gibt es im wesentlichen zwei große Theorien oder Theorieblöcke, die sich beide auf je andere Weise auf die Prozesse der Modernisierung beziehen, wie sie Charles Taylor und Ulrich Beck beschrieben haben. Tatsächlich lässt sich die erste Theorie - eine Theorie der mangelnden Anerkennung des Sozialphilosophen Axel Honneth, gut durch die zweite Theorie, eine Theorie der Desintegration des Pädagogen und Soziologen Wilhelm Heitmeyer, ergänzen.

Axel Honneth geht es, vereinfacht gesagt, um die negativen Auswirkungen verweigerter und fehlgeschlagener Anerkennung, die sich in drei Anerkennungsformen ausdrückt:

als Liebe oder emotionale Zuwendung
als Recht oder normative und kognitive Anerkennung und als
Solidarität oder soziale Anerkennung.

Wird nur eine dieser drei Anerkennungsformen missachtet, dann läuft nicht nur das Leben von Jugendlichen auf Krisen und Kämpfe hinaus, die in Gewalttaten eskalieren können.

Die Theorie der Desintegration
Die Theorie der Desintegration von Wilhelm Heitmeyer geht von den gestörten Mechanismen der Integration aus. Hierbei geht es in erster Linie um drei Aspekte:

Teilhabe (sozial-strukturell)
Teilnahme (institutionell) und
Zugehörigkeit (sozial-emotional)

So richtig diese Theorien des Scheiterns der Integration oder der Anerkennungsweisen auf emotionaler, kognitiver und sozialer Ebenesind: Es spricht manches dafür, dass dabei vergessen wird, dass auch das positive Reden von Anerkennung inzwischen zum Gerede, d.h. zum Teil des politischen Spiels geworden ist. Am Ende ist es unsere Gesellschaft, die diese Kinder hervorbringt.

Fehlende Anerkennung führt zu Gewalt
Wer so tut, als sei eine Ausgeglichenheit der Anerkennung in der Gesellschaft zu verwirklichen - im Grunde analog zum ökonomischen Modell im Sinne einer ausgeglichenen Anerkennungsbilanzierung - verkennt die grundsätzliche (und zunehmende) Unberechenbarkeit der Lebensplanung. Gewalt mag ein verzweifelter Versuch sein, Anerkennung zu erreichen, weil durch Gewalttaten wenigstens der Unterlegene Respekt zollen muss.

Durch Gewalttaten kann man sich auch in der eigenen Gruppe Respekt und Anerkennung verschaffen. Doch dieses "cleane" Modell der Anerkennung, das die Entstehung von Gewalt bei Jugendlichen so scheinbar leicht und einsichtig erklärt, hat Mängel - nicht zuletzt auch den von Honneth und Heitmeyer gesehenen Mangel der ideologischen Elemente, die sich unter das "Programm" der Anerkennung mischen.

Auflösungserscheinungen des Sozialen
Pierre Bourdieu machte darauf aufmerksam, dass der Prozess der Anerkennung insofern auch mit Negativität verbunden ist, als sie sich im Sozialen und Praktischen "mit einer gewissen Unausweichlichkeit" nicht erreichen lässt. In einer sogenannten perflexen Welt entzieht sich das Handeln einer klaren, kalkulierbaren Reichweite. Doch zugleich müssen die Folgen auch für dieses Handeln übernommen und getragen werden. Erscheinungen der Desintegration gehören also wesentlich zum Kern moderner Gesellschaften, die auf Individualismus, Wahlfreiheit, Selbstbestimmung und Autonomie, also auf Auflösungserscheinungen des Sozialen setzen. Wie aber soll Integration helfen, wenn Desintegration das Wesen moderner Gesellschaften ist?

Diese und andere (nicht nur theoretische) Probleme machen es schwer, das Phänomen der Gewalt, das von Kindern und Jugendlichen ausgeht, gut zu verstehen. Die Sendung will einen Beitrag leisten, mehr Einsicht in das Phänomen der Jugendgewalt zu erhalten, um damit einer Lösung der Probleme näher zu kommen.

Sendedaten
"scobel"
immer donnerstags um 21 Uhr in 3sat
Sendung zum Thema
© dpaJugendliche Gewalttäter
Buch
Jugendgewalt
Interdisziplinäre Sichtweisen
Otger Autrata, Bringfriede Scheu
VS 2009
ISBN-13: 978-3531170404
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