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Wissenschaft am Donnerstag
Um 20.15 Uhr sehen Sie die Dokumentation:
© dpa Lupe
In Deutschland gibt es derzeit über 850 Filialen der Tafel.
Schrumpfende Mittelschicht
Die Zahl der Armen steigt immer weiter an
Armut hat viele Gesichter. Die Definition von Armut ist dabei auch immer eine Frage des politischen Standorts. Der einfachste Gradmesser ist die wirtschaftliche Lage einer Person. In der Europäischen Union gilt als armutsgefährdet, wer über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens verfügt. Dann spricht man von "relativer Armut".
Der letzte Armutsbericht der Bundesregierung von 2008 definiert, dass ein Alleinlebender mit weniger als 781 Euro netto im Monat arm ist. Reichtum dagegen beginnt bei 3418 Euro monatlich. Berichtszeitraum sind die Jahre 2002 bis 2005. Aktuellere Zahlen von anderen Institutionen können davon abweichen, denn es gibt verschiedene Formen zur Berechnung des Durchschnittseinkommens. Doch eine Erkenntnis ist in allen Berichten gleich: die Zahl der Armen steigt.

Jeder vierte Deutsche ist gefährdet
Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung waren im Jahr 2009 rund 11,5 Millionen Menschen arm oder von Armut bedroht. In einem Zeitraum von zehn Jahren stieg die Zahl der Armen um 33,7 Prozent. Rechnet man Personen, die Sozialtransfers wie beispielsweise Hartz IV oder Kindergeld erhalten, noch hinzu, verdoppelt sich das Armutsrisiko. Das bedeutet, dass jeder vierte Deutsche arm oder armutsgefährdet ist. Das sind mehr als 20 Millionen Menschen.

Die größte Existenzbedrohung stellt der Verlust der Arbeit dar. Das Statistische Bundesamt ermittelte, dass 2009 54 Prozent der Arbeitslosen armutsgefährdet waren. Bei Alleinerziehenden und ihren Kindern liegt der Anteil bei 40 Prozent. Ursachen sind fehlende Angebote zur Kinderbetreuung und eine hohe Anzahl von Niedrigverdienern. Zur nächsten Risikogruppe gehören Familien. Bei einem Paar mit drei Kindern liegt die Armutsgefahr bei 22 Prozent, mit vier oder mehr Kindern steigt sie sogar auf 36 Prozent. Armutsgefährdet ist eine Familie mit zwei Kindern, wenn sie monatlich weniger als 1640 Euro netto zur Verfügung hat. Für reiche Familien veranschlagt der Armutsbericht einen Betrag von mehr als 7178 Euro.

Arbeit ernährt die Menschen häufig nicht mehr
Allerdings erfasst das Statistische Bundesamt keine Einkommen, die über 18.000 Euro netto im Monat liegen. So kann sich der Mittelstand der Illusion hingeben, die Elite wäre für ihn noch erreichbar. Zum Mittelstand der Statistiker gehören Alleinlebende mit einem Nettoeinkommen von 1000 bis 2200 Euro monatlich. Bei Familien mit drei Kindern liegt der Betrag in einer Höhe zwischen 2400 bis 5300 Euro. Diese Mittelschicht zahlt nicht nur die meisten Steuern, sondern ist nun auch von zunehmender Armut bedroht. Eine akademische Ausbildung ist längst kein Garant mehr für eine gesicherte Existenz. Lohndumping, befristete Jobs und eine Arbeit, die den Menschen nicht mehr ernährt, sondern durch Hartz IV-Gelder aufgestockt werden muss, haben auch in der Mittelschicht Einzug gehalten.

So arbeiten beispielsweise an den Hochschulen hochqualifizierte Dozenten für einen Hungerlohn. In einer Studie von 2006 gaben 23 Prozent der Lehrbeauftragten an, über ein monatliches Nettoeinkommen von weniger als 600 Euro zu verfügen. Die Mittelschicht schrumpft: Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung sank in zehn Jahren von 63 Prozent auf 54 Prozent. Die Armut der Eltern produziert die Armut der Kinder. Immer mehr Kinder sind auf kostenlose Schulspeisungen angewiesen.

Auch Kinder sind stark betroffen
In Deutschland leben derzeit 2,5 Millionen Kinder in Armut. Für sie bedeutet das schlechtere Bildungschancen, schlechtere Gesundheit und später schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Dann ist auch die Altersarmut vorprogrammiert. Unter "absoluter Armut" versteht man, dass rein das physische Überleben abgesichert ist. Die "relative Armut" ermöglicht einen minimalen Konsumstandard in unserer Gesellschaft.

Doch auch bei "relativer Armut" ist ein Leben in Menschenwürde mit sozialer Teilhabe schwierig. Die wirkliche Verteilung von Armut und Reichtum in Deutschland wird durch diese Begriffe eher verschleiert. Zehn Prozent der Bevölkerung besitzen mehr als 61 Prozent des Volksvermögens und verfügen über 36 Prozent aller Einkünfte. Die Schere zwischen arm und reich wird also immer größer.

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