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Wissenschaft am Donnerstag
Um 20.15 Uhr sehen Sie die Dokumentation:
© ap Video
Der Reaktor Nr. 4 des AKW Tschnobyl explodierte am 26. April 1986 und stieß eine radioaktive Wolke aus, die sich über ganz Europa ausbreitete.
Risiken der Kernenergie
Viele Studien werden geheim gehalten
Die Katastrophe von Tschernobyl hinterlässt bis heute Supergauängste. Eine Studie im Auftrag der Bundesregierung hat errechnet, was so ein Gau im Fall des AKW Biblis im dichtbesiedelten Rhein-Main-Gebiet bedeuten würde. Es käme zu Schäden von bis 5,5 Billionen Euro. Dazu kämen 14.500 Soforttote und 2,9 Millionen Menschen müssten evakuiert werden.
In deutschen AKWs hat es bislang rund 6000 meldepflichte Störfälle gegeben. 1987 kam es in Biblis beinahe zur Katastrophe. Beim Hochfahren des Reaktors wurde ein Ventil nicht geschlossen. Während die Belegschaft davon ausging, eine Warnleuchte sei defekt, strömte Primärkühlmittel aus. Dieser Vorfall wurde ein Jahr lang geheim gehalten.

Laut einer Studie im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz gibt es eine Häufung von Leukämiefällen bei Kindern, die in einem etwa fünf Kilometer großen Radius um AKWs aufwachsen. Was dabei nicht kommuniziert wurde ist, dass die Häufung auch in einem 50 Kilometer großen Radius signifikant ist. An Krebs erkrankt sind auch zwei Mitarbeiter des Skandal-Endlagers Asse, die nun Klage eingereicht haben. Auch Asse galt als sicher, bevor das Desaster bekannt wurde. Bereits 1995 belegten Wissenschaftler einen Wassereinbruch. Auf Anweisung des damaligen Bundesforschungsministeriums wurden die Daten aber unter Verschluss gehalten.

Vernebelung des Gefahrenpotentials
Ebenfalls unter Verschluss gehalten wurde eine Studie zu Gefahren durch Terroranschläge. Nur drei deutsche AKWs würden dem Aufprall eines Großflugszeugs stand halten, so das Ergebnis. Geplante GPS-Störsender und Anlagen zur Vernebelung dienen laut Experten wohl eher zur Vernebelung des Gefahrenpotentials. Auch die Kommentare zur Terrorabwehr bei den Risiko-AKWs wirken wenig vertrauensbildend. Doch Kernkraftbefürworter, wie Winfried Petry, Leiter des Forschungsreaktors Garching, halten solche Supergau-Horrorszenarien in Deutschland für realitätsfern.

"Jeder westliche Reaktor ist so gesichert, dass eine Kettenreaktion gestoppt wird und ein Containment dafür sorgt, dass radioaktive Strahlung nicht austreten kann. Der Reaktor in Tschernobyl hatte beides nicht“, so Petry. Kritiker bezweifeln allerdings, dass das Containment, die Hülle des Reaktortordruckbehälters, in jedem Fall einer Katastrophe standhält. Ein Hüllenbruch ist nicht unwahrscheinlich, heißt es. Der ehemalige Atommanager Klaus Traube war an der Projektierung mehrerer deutscher Kernkraftwerke beteiligt. Heute hält er AKWs für ein unvertretbares Risiko.

Pro und Contra bei der Verlängerung
"Ein Supergau kann selbstverständlich bei jedem Reaktor passieren", weiß Traube. "Es gibt keinen absolut sicheren Reaktor und das ist in der Fachwelt auch gar nicht umstritten. Trotzdem wird das immer wieder behauptet." Beim AKW Neckarwestheim wurde von Experten der Internationalen Atomenergiebehörde eine über die Standards hinausgehende Sicherheitsorganisation bestätigt. Man beteuerte, das AKW könne problemlos 60 Jahre weiter betrieben werden. Die Untersuchung zielte allerdings nur auf die menschlichen Aspekte, technische Messungen gab es nicht.

"Weder die Technik, noch die Menschen, die mit dieser Technik umgehen, sind perfekt. Dieses Zusammenspiel führt dazu, dass große Unfälle passieren können und passiert sind“, so Traube. Winfried Petry von der Forschungsneutronenquelle Garching hält dagegen: "Es gibt keine Technik, die wir heute in der westlichen Welt anwenden, die so überwacht, so kontrolliert und so auf dem Stand von Wissenschaft und Technik ist, wie die AKWs hierzulande."

"Eine Kernschmelze ist nicht unmöglich"
In Finnland befindet sich der bisher modernste Atommeiler der dritten Generation im Bau. Im europäischen Druckwasserreaktor EPR arbeiten, geschützt von einer doppelten Betonhülle, vier unabhängige Kühlsysteme. Als Neuheit wird der Corecatcher hervorgehoben. Das ist ein Auffangbecken aus einem Beton-Keramik-Gemisch, der im Fall einer Kernschmelze das radioaktive Material auffangen soll. Doch tatsächlich wurden Corecatcher schon in den 1970er Jahren projektiert.

"Dass er überhaupt gebaut wird, zeigt, dass auch die Reaktorhersteller und die Sicherheitsbehörden davon ausgehen, dass es zu einem großen Unfall mit Kernschmelze kommen kann“, sagt Klaus Traube. Tatsächlich verzögert sich der Bau in Finnland, weil während der Arbeiten in Finnland bereits eine große Anzahl Mängel dokumentiert wurden. So gab es unter anderem Probleme mit porösem Beton und mangelhaften Schweißnähten am Sicherheitsbehälter.

Sendedaten
"scobel"
immer donnerstags um 21 Uhr in 3sat
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© dpaZukunft Kernenergie?
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