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Wissenschaft am Donnerstag
Um 20.15 Uhr sehen Sie die Dokumentation:
© dpa Lupe
Mutter Teresa lebte, um anderen zu helfen. Dafür gründete sie unter anderem den Orden "Missionarinnen der Nächstenliebe".
Aufforderung zur Nächstenliebe
Empathielehre in den Weltreligionen
Es sind schon seit jeher die Religionen, die dazu auffordern, der Versteinerung des eigenen Herzens entgegenzuwirken. Sie lehren uns, Hingabe und Mitgefühl zu üben. Heute auch als "emotionale Intelligenz" bezeichnet. Die Religionsstifter scheinen von einem grundsätzlichen Wohlwollen gegenüber den Menschen getragen und Meister der Zuwendung zu sein.
Im Judentum ist die Zuwendung zum Nächsten aber keine reine Emotion, sondern die Pflicht jedes Israeliten. Sie gilt besonders für die Glaubensbrüdern, ist aber grundsätzlich offen für alle. Der "Nächste" ist der, der mir begegnet. Ähnliches gilt auch für Moslems: "Zakat", das tätige Mitgefühl, zählt zu den fünf Säulen des Islam.

Christliche Hilfe im Diesseits
Im neutestamentarischen Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist es ausgerechnet ein Fremder, der Nächstenliebe übt. Die Nächstenliebe ist der zentrale Punkt. Das Christentum verlangt eine agapäische, das heißt von Liebe bewegte Grundhaltung: Sich in den Nächsten hineinzuversetzen gilt als Hochform sittlichen Handelns. Mit Maria, der Mutter Gottes, hat die Empathie in katholischen und orthodoxen Traditionen ihren festen, vorwiegend weiblichen Platz. Sie hört immer zu und versteht und verzeiht alles. So kann die Kirche, oft durch Maria symbolisiert, den Sterblichen das ewige Leben spenden.

Nur indem ich dem Nächsten helfe, finde ich zu Gott. Allerdings findet das Leben zunächst im Diesseits statt. Deshalb schufen religiöse Gemeinschaften komplexe Infrastrukturen mit Krankenhäusern, Altersheimen und Schulen. Auch das Mitleiden spielt in christlichen Kulturen eine große Rolle. Doch zuweilen kann das Spenden von Mitgefühl oder Geld eine Geste von Macht sein - und umgekehrt Hilfsbedürftigkeit eine Form der Erpressung.

Der Buddhismus empfiehlt Übungen des Mitgefühls
Der Buddhismus betont die Verfänglichkeit des Zwischenmenschlichen, das immer neues Leiden schafft. Häufig wird der spirituelle Aufstieg als Entfesselung von sozialen Bindungen dargestellt. Dem Arhat des frühen Buddhismus auf dem Weg zum Nirvana geht es zunächst darum, sich von der Welt nicht mehr berühren zu lassen. Loslösung und "Ent-Identifikation" sind das Ziel. Dennoch geloben die Boddhisattvas, die bereits Erleuchteten, aus Mitgefühl nicht ins Nirvana einzutreten, bevor nicht alle Wesen gerettet sind.

Im tibetischen Buddhismus werden spezielle Übungen des Mitgefühls empfohlen: "Einatmend nehme ich mir das Leiden Anderer zu Herzen und lasse es mich berühren. Ausatmend öffne ich mein Herz und teile mit anderen meine Energie: Mögen alle Heilung finden und glücklich sein." Diese Empathie-Übung geht von Freunden auf Bekannte über und erreicht schließlich - ähnlich wie im Christentum - auch seine Feinde. Diese radikalen Formen der Selbstlosigkeit haben in asiatischen Gesellschaften, ähnlich wie in Europa, die sozialen Verwerfungen nicht abgeschafft.

"Ich bin du" gibt der Hinduismus vor
Auch im Hinduismus gibt es zwei Seiten. Durch Stiftungen übernehmen manche reichen Hindus Verantwortung für ihre Gesellschaft. Doch meist ist es wie im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter: Der Brahmane geht achtlos an den Mitgliedern der niederen Kasten vorbei. Dabei war es gerade der Hinduismus, der mit seinen Worten "Tat Tvam Asi" - "Ich bin du" die Grenzen zwischen dem Ich und dem Anderen bis zur Ununterscheidbarkeit verwischte.

Sendedaten
"scobel"
immer donnerstags um 21 Uhr in 3sat
Sendung zum Thema
© reutersEmpathie - das Gefühl für den Anderen