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Wissenschaft am Donnerstag
Um 20.15 Uhr sehen Sie die Dokumentation:
© ap Lupe
Die Kreuzigung (1616) von Pieter Lastman
Heiligkeit als Männerdomäne
Autoritäten, die kaum hinterfragt werden
Jesus Christus ist der wichtigste Mann im Christentum und zugleich ein Opfer anderer Männer, geadelt durch Leid und Qual. Warum sind unsere spirituellen Vorbilder Männer und was bedeutet dies für unsere Gesellschaft? Mit dieser Frage hat sich die Soziologin Necla Kelek beschäftigt.
Natürlich gibt es Frauen in der Kirche. Aber für den Gottesdienst brauchen sie einen Mann, den Priester. Necla Kelek sagt: "Religion als Institution zu leben, ist den Männern vorbehalten. Wir kennen das von allen drei Religionen. Die Moscheen, die Synagogen und die Kirchen werden von Männern repräsentiert. Die Frau als Ausübende hat darin keinen Platz." Die Männer hingegen können am besten ganz ohne Frauen zu ihrem Gott finden. Das Zölibat unterstellt, dass niemand Gott so nahe steht, wie der Mann, der sich der Beziehung zu Frauen enthält.

Gottväter als Familienoberhäupter
Auch im Judentum genießt der Mann traditionell eine privilegierte Rolle im Raum des Transzendenten. Aus Thora und Talmud vorzulesen war jahrhunderte lang den Männern vorbehalten. Doch das war nicht immer so. In den vorislamischen Religionen, gegen die Mohammed kämpfte, gab es zahlreiche weibliche Gottheiten, bis der Prophet ihren Kult mit Waffengewalt zerstörte. So wurde Allah inthronisiert und die Männer wurden zu Gottvätern in ihren Familien.

Bis heute herrschen sie teilweise mit nie hinterfragter absoluter Autorität. Es ist ausdrückliche Pflicht eines Moslems, dafür zu sorgen, dass seine ganze Familie gottesfürchtig lebt, da sonst sein Seelenheil gefährdet ist. "Der Vater hat die Aufgabe, sein Kind mit allem Notwendigen zu versorgen und es zum islamischen Glauben zu bringen", sagt Kelek: "Tut er dies nicht, ist er kein guter Moslem und kommt nicht ins Paradies."

Beschneidung als zentrales Ritual
Ein zentrales Ritual im Islam ist die Beschneidung der kleinen Jungen. Durch die Genitalverstümmelung erhält der Junge seine Männlichkeit. Ganz anders nehmen die Christen das Ritual wahr. Für sie galt die Beschneidung der Juden und Moslems immer als Verweiblichung, weil ihnen etwas am Penis fehle. Was als großes Fest gefeiert wird, erleben kleine Jungen als traumatische Unterwerfung. Ihre Intimsphäre wird dem Ritual geopfert und die religiösen Pflichten sind wichtiger als Schmerzen.

"Traditionell findet die Beschneidung ohne Betäubung und nur unter Männern statt. Die Jungen werden festgehalten und haben etwas zum Draufbeißen im Mund, wenn der Beschneider das Messer ansetzt. Je weniger er schreit, desto tapferer ist er", so Kelek: "Wenn die Zeremonie fertig und der Junge verbunden ist, heißt es, dass er ein Aslan, ein Löwe ist. Doch dann dauert es drei, vier Wochen, bis die Wunden verheilt sind und die Jungen wieder normal auf die Toilette gehen können. Oft führt mangelnde Hygiene zu Komplikationen und der Beschneider muss immer wieder kommen. Ich habe das als sehr demütigend und erniedrigend erlebt für diese Kinder.“

Gehorsam bis in den Tod
Die gleiche totale Unterwerfung sieht Kelek als Motiv in der Geschichte von Gottes Befehl an Abraham, seinen Sohn zu opfern. Wobei es im Islam nicht Isaak, sondern Abrahams Sohn Ismael ist, der scheinbar sterben muss und erst im letzten Moment gerettet wird. In beiden Versionen ist die Quintessenz: Was der Vater für richtig hält, muss der Sohn akzeptieren, auch wenn es sein eigener Tod ist.

Necla Kelek hat viel mit straffälligen jungen Türken, die ihre häufig gewalttätigen Väter zutiefst verehren, gesprochen. "Ich bin der Frage nachgegangen, woher es kommt, dass Jugendliche, egal wie viel Gewalt sie in der Familie erfahren, das Erlebte nie in Frage stellen. Die Antwort ist, dass diese durch Gott legitimiert ist", so Kelek. Der islamische Mann, in bedingungslosem Gehorsam erzogen, erlangt später als Familienvater unanfechtbare Autorität. Wie in vielen Religionen, ist der Preis für die gottgleiche Position hoch.

Sendedaten
"scobel"
immer donnerstags um 21 Uhr in 3sat
Sendung zum Thema
Mythos Mann
mediathek
VideoDie Sozialwissenschaftlerin und Frauenrechtlerin Dr. Necla Kelek im Gespräch.