Autoabgase © dpa-bildfunk
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Neben den Messmethoden stehen jetzt auch wissenschaftliche Begründungen für Grenzwerte in der Kritik.
Zweifel an Grenzwerten
Lungenspezialisten kritisieren Methoden und Werte
Mehr als 100 Lungenspezialisten glauben nicht an den gesundheitlichen Nutzen der aktuellen Grenzwerte.
Die Grenzwerte für Stickstoffdioxid - der Jahresmittelwert darf 40 Mikrogramm pro Kubikmeter in der Außenluft nicht überschreiten - gelten in der EU seit 2010. Sie beruhen auf einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Auch für Feinstaub gibt es je nach Partikelgröße Grenzwerte. An Orten, wo Grenzwerte über längere Zeit deutlich überschritten werden, drohen zum Beispiel Fahrverbote für Autos mit besonders hohem Schadstoffausstoß.

Rund 100 Lungenexperten sehen aber derzeit keine wissenschaftliche Begründung, die die konkret geltenden Werte für Feinstaub und Stickoxide rechtfertigen würden. So hätten viele Studien, die Gefahren durch Luftverschmutzung zeigen sollen, erhebliche Schwächen. Zudem seien Daten in der Vergangenheit einseitig interpretiert worden. Die Mediziner fordern deshalb, dass relevante Untersuchungen neu bewertet werden und stellen sich damit auch gegen ein Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), das Ende 2018 veröffentlicht worden war. Darin hieß es: "Studien zeigen, dass die Feinstaub-Belastung durch Landwirtschaft, Industrie und Verkehr gesundheitsschädlich ist." Außerdem werden Regularien und Anreize zur Schadstoffvermeidung gefordert.

Nun heißt es von der DGP, der Deutschen Lungenstiftung und dem Verband Pneumologischer Kliniken (VPK), die aktuelle Stellungnahme werde "als Anstoß für notwendige Forschungsaktivitäten und eine kritische Überprüfung der Auswirkungen von Stickoxiden und Feinstaub" betrachtet. Sie geht auf eine Initiative von Dieter Köhler zurück, einem ehemaligen Präsidenten der DGP. Das Papier wurde an 3800 DGP-Mitglieder verschickt, wie eine Sprecherin der Gesellschaft mitteilte. 113 Fachleute haben die Stellungnahme unterschrieben. "Die Liste zeigt, dass die Gruppe der Forscher und Lungenärzte, die der aktuell vorherrschenden Position widersprechen, deutlich größer ist als angenommen", schreiben DGP, VPK und Lungenstiftung. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hält die Zweifel der mehr als hundert Lungenexperten für wichtig. "Der wissenschaftliche Ansatz hat das Gewicht, den Ansatz des Verbietens, Einschränkens und Verärgerns zu überwinden", sagte der CSU-Politiker. Die Initiative helfe mit, "Sachlichkeit und Fakten in die Diesel-Debatte zu bringen".

Der ADAC fordert eine Überprüfung der wissenschaftlichen Grundlagen

Der ADAC fordert nach dieser Kritik eine Überprüfung. "Wenn Bürger von Fahrverboten betroffen sind, müssen sie sich darauf verlassen können, dass die geltenden Grenzwerte wissenschaftlich begründet sind", sagte der Vizepräsident des Autoclubs, Ulrich Klaus Becker. Die EU-Kommission müsse die wissenschaftliche Grundlage ihrer Grenzwerte rasch unter die Lupe nehmen. "Dies muss Gegenstand des Prüfauftrags für die Luftqualitätsrichtlinie sein, der im Arbeitsprogramm 2019 der EU-Kommission enthalten ist", sagte Becker. Da aber die Grenzwerte bis auf Weiteres rechtlich bindend blieben, dürften Bund und Kommunen auf keinen Fall in ihren Bemühungen nachlassen, Fahrverbote zu vermeiden. "Die begonnenen Maßnahmen zur Erneuerung der Fahrzeugflotte, zur Stärkung des öffentlichen Verkehrs und zur intelligenten Verkehrssteuerung müssen fortgesetzt werden", forderte der ADAC-Vizepräsident.

Stimmen Ursache und Wirkung?

Experten haben berechnet, dass Tausende Menschen vorzeitig an den Folgen von Luftverschmutzung sterben - laut Umweltbundesamt im Jahr 2014 etwa 6000 an Herz-Kreislauf-Krankheiten, die auf die Langzeitbelastung mit Stickstoffdioxid zurückzuführen seien. Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur EEA aus dem Jahr 2017 gibt es in Deutschland zudem rund 66.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr durch die Folgen von Feinstaub in der Luft. Solche Ergebnisse beruhen in der Regel aber auf statistischen Analysen - sie sagen wenig aus über gesundheitliche Ursache-Wirkungs-Beziehungen für einzelne Menschen.

Interview
VideoIm Gespräch: Alexander Kekulé
Wir sprechen zum Thema mit Alexander Kekulé, dem Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.
Glossar
Stickoxide
Das Gas Stickstoffoxid (NO) ist für alle mehrzelligen Lebewesen schädlich und unentbehrlich zugleich.
Stickoxidwerte
Mess-Wirrwarr
Die Luft in Deutschland und in der EU wird ständig kontrolliert. Doch die Messhöhen unterscheiden sich.
Urteil
Weg frei für Diesel-Fahrverbote
In vielen Großstädten werden die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte für Stickstoffdioxid überschritten.