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Nicht alles, was wir in den gelben Sack werfen, kann aufbereitet werden.
Gegen die Müll-Flut
Deutschland ist europäischer Spitzenreiter bei Verpackungsmüll
Fast alles ist verpackt, und jeder von uns produziert 220 Kilogramm Verpackungsmüll im Jahr. Jetzt soll ein Gesetz dafür sorgen, dass mehr davon recycelt wird.
Wir kennen es alle: Kaffee und Mittagessen zum Mitnehmen, kleine Portionen für Single-Haushalte, bequemes Kochen mit vorportionierten Lebensmitteln, im Internet bestellen und liefern lassen. 2016 ergab das insgesamt 18,16 Millionen Tonnen Verpackungsmüll, so die neuesten Zahlen des Umweltbundesamtes. Zu viel, da sind sich Umweltschützer einig, auch wenn 70 Prozent der Verpackungen ins Recycling gehen.

Schon seit Monaten arbeiteten Fachleute unter Hochdruck daran, dass ab dem 1. Januar alles funktioniert. Verbraucher merken nicht allzu viel von dem Gesetz, das nur ein Baustein ist im Kampf gegen unnötiges Müllaufkommen ist. Wenn die EU wie geplant Strohhalme und Besteck aus Kunststoff verbietet, fällt das den Bürgern mehr auf. Für Handel und Recyclingbranche ändert sich aber viel - und ein bisschen auch für Kunden im Supermarkt.

Was sich ändert. Eine Auswahl:

  • Mehrweg-Einweg-Schilder: Supermärkte und andere Läden müssen an Getränkeregalen künftig gut lesbare Schilder mit den Hinweisen "Mehrweg" und "Einweg" anbringen, das gilt aber nur für Einweg-Getränke mit Pfandpflicht.
  • Ausweitung der Pfandpflicht: Für Einweg-Verpackungen mit Frucht- und Gemüse-Nektaren mit Kohlensäure - etwa Apfelschorlen aus Nektar - und Mischgetränken mit Molkeanteil von mehr als 50 Prozent werden künftig 25 Cent Pfand fällig.
  • Online-Handel in der Pflicht: Das Gesetz stellt klar, dass Versandverpackungen auch Verpackungen sind - also müssen nun ausdrücklich auch Online-Händler ihre Verpackungen registrieren lassen und dafür Lizenzgebühren zahlen. Das gilt auch für Umverpackung, in die abgepackte Ware zusätzlich eingepackt ist.
  • Mehr Recycling: Die Recyclingquoten werden in zwei Schritten 2019 und 2022 angehoben. Für Glas, Altpapier, Eisenmetalle und Alu sollen sie von 60 bis 75 auf 90 Prozent bis 2022, für Getränkekartons von 60 auf 80 Prozent und für Kunststoffe von 36 auf 63 Prozent steigen.
  • Umweltfreundlichere Verpackungen: Recycling-Unternehmen wie der Grüne Punkt und die anderen Dualen Systeme finanzieren sich über Lizenzgebühren, die ihnen die Inverkehrbringer von Verpackungen zahlen. Von jetzt an müssen sie für umweltfreundliche, gut recycelbare Verpackungen geringere Gebühren verlangen, um diese zu fördern. Die genaue Gestaltung der Anreize ist Sache der Unternehmen.
  • Mehr Kontrolle: Eine zentrale Stelle ist künftig dafür zuständig, das System zu kontrollieren. Wer Verpackungen auf den Markt bringt, muss sich dort registrieren. Das Register ist öffentlich, so können sich Konkurrenten gegenseitig im Blick haben. Bei der zentralen Stelle melden die Hersteller auch Art und Menge ihrer Verpackungen. Für Verstöße drohen Bußgelder bis 200.000 Euro und Vertriebsverbote.

Auch neu: das Verpackungsregister LUCID
Jeder, der gefüllte Verpackungen in Umlauf bringt, ist nun dafür verantwortlich, für deren Rücknahme und Verwertung zu sorgen, also auch Online-Händler. Sie alle müssen sich beim neuen Verpackungsregister LUCID registrieren lassen. Das soll das Trittbrettfahrer-Problem lösen: Zu viele Verpackungshersteller zahlten - über Lizenzen für den Grünen Punkt - überhaupt nicht für die Verpackungsentsorgung oder zu wenig.

Hersteller, aber auch Verbraucher sind in der Pflicht

Maria Krautzberger, Chefin des Umweltbundesamts, sieht nun die Hersteller in der Pflicht: "Unnötige Verpackungen müssen vermieden werden, wo es geht oder durch wiederverwendbare Mehrwegverpackungen ersetzt werden", sagt sie. Wenn es Einwegverpackungen sein müssen, sollten diese möglichst gut recyclingfähig sein. Verbraucher ruft sie auf, das Recyclingsystem zu unterstützen: "Restmüll gehört nicht in den gelben Sack oder die gelbe Tonne, denn er erschwert Sortierung und Recycling der Verpackungsmaterialien."

Das Gesetz ist für viele nur eine Notlösung

Das neue Gesetz soll dazu führen, dass Hersteller unnötige Verpackungen vermeiden oder statt dessen wiederverwendbare Verpackungen einsetzen. Einwegverpackungen sollen auch besser zu recyceln sein - dafür sollen höhere Lizenzentgelte für schlecht recycelbare Verpackungen sorgen. Verpackungen sollen zudem Stoffe enthalten, die beim Recyceln entstanden sind, die Recyclate.

Weil Verpackungen für Hersteller und Handel größte Bedeutung haben und die Abfall-Abholung und -Verwertung ein Milliardengeschäft sind, tut sich die Politik schwer damit, gegen den Müllberg anzugehen. Das Verpackungsgesetz, das zum 1. Januar 2019 in Kraft trat, war letztlich eine Notlösung nach jahrelangem Gezerre. Umweltschützer waren vom Ergebnis enttäuscht. So gebe es keine Verpflichtung zur Verwendung von Recyclaten, bemängelt der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU). Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kritisiert "die viel zu niedrigen Lizenzentgelte", die Hersteller für die Entsorgung ihrer Verpackungen an duale Systeme zahlen müssen. Es gibt mittlerweile neun solcher Systeme in Deutschland. Sie liefern sich laut DUH einen "ruinösen Wettbewerb". Hier müsse die Politik etwa eine Mindesthöhe festlegen. Zudem fordert die DUH eine verbindliche Zielmarke: Ab 2025 dürften nur noch höchstens 120 Kilogramm Verpackungsabfall pro Kopf und Jahr anfallen, ab 2030 dann nur noch 90 Kilogramm.

Info
Gelber Sack oder Gelbe Tonne
In den Verpackungsmüll gehören Getränke- und Konservendosen, Joghurtbecher samt Deckel, Getränkekartons, Verpackungsfolie, Plastiktüten und Plastikflaschen, Styroporverpackungen und Zahnpastatuben, Korken, Kronkorken, Deckel. Auch Spraydosen und Flaschen mit starken Putzmitteln gehören in den Gelben Sack, sie sollten aber restentleert sein.Der Joghurtdeckel sollte vom Becher abgetrennt werden. Denn nur wenn die verschiedenen Materialien getrennt im Müll landen, können die Infrarotsensoren der Sortieranlagen sie erkennen und in den richtigen Recyclingprozess geben. Deshalb sollten auch Joghurtbecher nicht in Konservendosen gestapelt werden.Alufolie ist keine Verpackung, daher gehört sie in den Restmüll. Ausnahmen gelten für Gemeinden, in denen es Wertstofftonnen gibt.
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