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Kein Klimaweltmeister
Deutschland beim Umstieg auf Sonne, Wind und Co. nur Mittelmaß
Lange galt Deutschland als Vorreiter der Energiewende. Doch diese Zeiten sind vorbei.
Inzwischen fällt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich zurück. Die selbstgesteckten Klimaziele für 2020 wird Deutschland verfehlen, wie das Bundesumweltministerium bereits eingeräumt hat. 2019 will die Bundesregierung ein Klimaschutzgesetz beschließen, das künftige Klimaziele verbindlich vorschreibt. Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen um mindestens 55 Prozent gegenüber 1990 sinken und der Anteil der erneuerbaren Energien auf 30 Prozent steigen.

Deutschland wurde beim Klimaschutz längst überholt
Laut dem Klimaschutz-Index der Umweltorganisationen Germanwatch und NewClimate Institute ist der einstige Vorreiter der Energiewende um fünf Plätze in der Rangliste abgefallen und liegt mittlerweile nur auf Rang 27 von 56 untersuchten Staaten - das ist die zweitschlechteste Platzierung in dem seit 14 Jahren ermittelten Ranking. Selbst Indien, Brasilien und Ägypten werden besser bewertet.

Die ersten drei Plätze des Rankings haben die Autoren erst gar nicht vergeben, weil ihrer Einschätzung nach kein Land weltweit genug Anstrengungen unternimmt, um die Pariser Klimaziele zu erfüllen und den Temperaturanstieg auf unter zwei Grad zu begrenzen. Die besten Noten erhalten Schweden (Platz 4), Marokko (5) und Litauen (6). Ganz am Ende der Rangliste liegen die USA und Saudi-Arabien.Der Bericht bewertet die vier Bereiche Emissionen, Energieverbrauch, Erneuerbare Energien und Klimapolitik. Insgesamt attestieren die Klimaexperten der Staatengemeinschaft eine "sehr zögerliche" Umsetzung der Klimaziele von Paris. Es fehle weithin ein ausreichender politischer Wille zum Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas. Zugleich attestieren die Autoren allerdings deutliche Fortschritte beim Ausbau erneuerbarer Energien.

Stagnation, aber auch Fortschritte
"Nach drei Jahren stagnierender Emissionen steigt der CO2-Ausstoß weltweit wieder an", heißt es im Bericht. Die Autoren gehen von einem Plus von 1,6 Prozent im Jahr 2017 aus. Zugleich sei der weltweite Energieverbrauch um 2,2 Prozent gestiegen - die Kohleproduktion habe erstmals seit 2013 wieder zugenommen. "Dennoch gibt es ermutigende Zeichen, dass die weltweite Energiewende auf dem Weg ist", macht der Bericht Hoffnung. 2017 sei das Jahr mit dem weltweit größten Anstieg in der Produktion erneuerbarer Energien gewesen, 64 Prozent der neuen Kapazitäten allein in Asien.Insbesondere Länder mit bisher geringer Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen holen nun auf. "Erneuerbare sind im Vergleich zu neuen fossilen Kraftwerken in vielen Regionen der Welt wirtschaftlicher, zudem hat auch das Pariser Abkommen den Schub für regenerative Energiequellen verstärkt", erklärt Niklas Höhne vom NewClimate Institute, einer der Autoren des Index. "Die Kosten sind seitdem um grob ein Drittel weiter gesunken. Allerdings müsste der Ausbau noch deutlich beschleunigt werden, um die Pariser Klimaziele zu erreichen."

Energiewende muss in allen Bereichen stattfinden
Deutschland stehe vor drei großen Herausforderungen, so die Autoren des Index: Erstens müssten die systemischen Fragen der Energiewende gelöst werden. "Der Um- und Ausbau von Netzen, Nachfragemanagement sowie Speicher müssen deshalb eine zentrale Rolle spielen." Zweitens müsse der Kohleausstieg im Rahmen eines fairen Strukturwandels bis zirka 2030 vollzogen werden, gemeinsam mit einem entsprechend fortgeführten Ausbau der Erneuerbaren Energien. Und drittens müsse die Wende im Verkehrssektor in Richtung CO2Reduktion vorangetrieben werden.Für die Klimaforscher ist klar: "Deutschland braucht einen Mix von Instrumenten - aber ohne einen Preis für den CO2-Ausstoß in allen Sektoren wird eine rechtzeitige und kosteneffiziente Transformation nicht gelingen."

Problematisch: der CO2-Ausstoß durch Öl- und Gasheizungen
Kritik an der zögerlichen Umsetzung der Energiewende kommt auch von den Umweltverbänden. So spricht sich die Deutsche Umwelthilfe für ein nationalesKlimaschutzgesetz mit verbindlichen Zielen für alle Sektoren aus. Die Bundesregierung drücke auf EU-Ebene bei der Ausgestaltung der Richtlinien für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz auf die Bremse, so der DUH-Geschäftsführer Sacha Müller-Kraenner. In der Photovoltaik-Branche seien in den vergangenen Jahren mehr als 100.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Auch die Kohle-Kommission sei mit ihrem Fahrplan zum Kohleausstieg weiter im Verzug. Mit Blick auf den Klimaschutz an Gebäuden sagte die stellvertretende DUH-Geschäftsführerin Barbara Metz: "Energieeffizienzmaßnahmen dürfen nicht länger zum Sündenbock für steigende Mieten und Preise gemacht und ausgebremst werden." Sozialverträglichkeit und Klimaschutz im Gebäudebereich könnten Hand in Hand gehen.

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