Konferenzgebäude © reuters
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Cop24-Präsident Michal Kurtyka reagiert mit einem Freudensprung auf den Abschluss der Konferenz.
Die 133 Seiten von Kattowitz
Regeln für weltweite Transparenz und Gerechtigkeit
Nach zähen Verhandlungen und langen Nächten wurde in der Nacht zum Sonntag in Kattowitz ein Regelbuch für den internationalen Klimaschutz verabschiedet. Immerhin.
Aktuell: Es ist vollbracht!
Als etwa um Mitternacht der Hammer fiel, war der Saal voller Freude und Erleichterung. Nach zwei Wochen zäher Verhandlungen konnten sich am Ende tatsächlich alle 196 Vertragsstaaten auf ein gemeinsames Regelbuch zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens einigen. Ob es am Ende der Konferenz tatsächlich ein Regelwerk geben würde, stand bis zuletzt auf der Kippe, die Verhandlungen gingen am Wochenende mehrfach in die Verlängerung - unter anderem, weil Brasilien mit Regelungen zu Marktmechanismen für den Klimaschutz nicht einverstanden war. Dieser Streit wurde schließlich auf die nächste Klimakonferenz vertagt.

CO2 und Geld: Jeder soll jedem auf die Finger schauen
Es sei nun erreicht worden, "dass sich zum ersten Mal nicht nur die halbe, sondern die ganze Welt beim Klimaschutz in die Karten schauen lässt", erklärte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) in der Nacht zum Sonntag. Das Regelbuch legt fest, dass ab 2024 alle Länder regelmäßig berichten müssen, wieviel Treibhausgase sie ausstoßen und was sie dagegen tun. Entwicklungsländer erhalten Zeit, um die technischen Voraussetzungen für eine verlässliche Berichterstattung zu schaffen.

Die festgelegten Transparenzregeln sind enorm wichtig. Beim Klimaschutz ist jeder von jedem abhängig. Und bequem sind Klimaschutz-Anstrengungen für niemanden. Nur durch gegenseitiges Vergleichen und eine Art "Gruppendruck", so die Hoffnung, wird die Staatengemeinschaft Erfolg im Klimaschutz haben.

Kein Erfolg auf ganzer Linie
So technisch genau das Regelbuch die Transparenz zwischen den Saaten klärt - wichtige Fragen sind darin nur oberflächlich geklärt. So müssen laut Regelbuch die Industrieländer künftig zwar angeben, welche Finanzhilfen sie an vom Klimawandel betroffene Entwicklungsländer für Anpassungsmaßnahmen leisten wollen. Wieviel wer an wen zahlt, bleibt aber ungeregelt.  

Finanzschwache, vom Klimawandel heute schon stark beeinträchtigte Länder pochten bis zuletzt darauf, dass auch Regelungen zum Ausgleich von durch den Klimawandel verursachten Verlusten und Schäden beschlossen werden. Ihre Position: Die reichen Industrieländer müssten als Verursacher dafür haften, wenn kleinen Inselstaaten wie Tuvalu in naher Zukunft große Verluste bis hin zum kompletten Untergang des Landes entstehen. Am Ende gelang es ihnen zwar, dass das Anliegen in den Abschlusstext aufgenommen wurde, Regelungen zu finanzieller Unterstützung wurden aber nicht beschlossen.

Ein ganz klares Bekenntnis zum Klimaschutz sieht anders aus
Bis zum Ende der Konferenz verhinderten Öl-Förderländer wie die USA und Saudi-Arabien ein klares Bekenntnis zum jüngsten Sonderbericht des Weltklimarats IPCC, nach dem eine Erderwärmung um mehr als 1,5 Grad verheerende und voraussichtlich unumkehrbare Folgen hätte. Dringend notwendige ehrgeizigere Klimaziele wurden in Kattowitz nicht verabredet. Die Bürger aller Länder müssten nun dringend reagieren und mehr Druck auf ihre Regierungen ausüben, endlich entschlossen zu handeln, erklärte WWF-Klimaexperte Michael Schäfer im nano-Interview: "Am Ende kommt es darauf an, dass die Menschen in allen Staaten der Welt tatsächlich das zu ihrer Priorität machen, auch bei ihren Wahlentscheidungen, und die Politik dazu zwingen, sich des Problems anzunehmen."

Es geht um Transparenz-Regeln

Gemeinsame globale Klimaschutzziele können nur erreicht werden, wenn auch alle ihren Anteil leisten. Das leuchtet sofort ein, schließlich teilen sich alle Länder genau eine Erdatmosphäre, in der sich der gemeinsame Treibhausgasausstoß ansammelt. Jeder ist von jedem abhängig. Und bequem sind Klimaschutzanstrengungen für niemanden.

Jeder muss jedem auf die Finger schauen können
Auf ein Ziel haben sich alle geeinigt: Die Erhitzung der Erdatmosphäre soll nicht mehr als zwei Grad Celsius - besser höchstens 1,5 Grad - betragen, damit die Folgen für die Ökosysteme und uns Menschen erträglich bleiben. Das war das Ergebnis der UN-Klimakonferenz 2015. Der Stand heute ist klar: Die individuellen Ziele der einzelnen Länder reichen zusammengerechnet gerade einmal für 3,2 Grad. Weltweit muss also nochmal deutlich nachgelegt werden. Und klar ist inzwischen auch: Wenn sich nicht alle gegenseitig auf die Finger schauen, wird es nicht gelingen. Es braucht dringend ein Regelwerk, das weltweit Transparenz schafft.

Will man prüfen, wie viel jedes Land im Einzelnen für den Klimaschutz tut, geht das nicht ohne vergleichbare Daten über den Treibhausgas-Ausstoß. Trotz verbesserter Satellitenmessungen können diese Daten bis heute nicht durch Messungen erhoben werden. Jedes Land muss sie selbst zur Verfügung stellen, sorgfältig berechnet anhand von Wirtschaftsdaten. Es klingt elementar, doch nichts ist selbstverständlich in der internationalen Klimapolitik. So brauchte es 24 Weltklimakonferenzen, um nun in Kattowitz noch immer über eine einheitliche Regelung dieser Treibhausgas-Berichterstattung zu verhandeln.

Es gibt unterschiedliche Vorstellungen, wie die Länder berichten müssen
Der Knackpunkt: Die Daten über Treibhausgasemissionen sind eng mit den Wirtschaftsstatistiken verknüpft. Viele Länder möchten diese nicht ohne weiteres offenlegen. Außerdem sind bisher nur wenige Länder in der Lage, verlässliche Daten zeitnah zu liefern. Deutschland ist vergleichsweise schnell und liefert immer im ersten Halbjahr für das vorletzte Jahr. Bei vielen Schwellen- und Entwicklungsländern aber liegt der letzte Treibhausgasbericht schon mehr als zehn Jahre zurück. Zur Berechnung werden zudem unterschiedliche Methoden, Berechnungsgrundlagen und Referenzjahre herangezogen. Nach dem neuen Regelbuch von Kattowitz sollen ab dem Jahr 2024 immer vergleichbare aktuelle Emissionsdaten aller Vertragsstaaten vorliegen.

Die Ausgangslage: Der Klimawandel wartet nicht

Der Dürresommer in Europa, die verheerenden Brände in Kalifornien - diese einzelnen Extremereignisse stehen bildlich für das, was Wissenschaftler des Weltklimarats in ihrem jüngsten Sonderbericht bestätigen: Die Erde hat sich seit Beginn des Industriezeitalters bereits um mehr als ein Grad erwärmt, Konsequenzen treten schon jetzt deutlich zutage. Mit dieser von der Wissenschaft vorgetragenen Gewissheit kamen die Delegierten aus den mehr als 190 Staaten beim 24. Weltklimagipfel im polnischen Kattowitz zusammen.

Zwei Grad Klimaerwämung: eine Frage von Leben und Tod. © dpa
Zwei Grad Klimaerwämung: eine Frage von Leben und Tod.
Zum IPCC-Bericht 2018 sprach nano mit Wirtschaftswissenschaftlerin Dr. Sabine Fuss.
Zum IPCC-Bericht 2018 sprach nano mit Wirtschaftswissenschaftlerin Dr. Sabine Fuss.

Nicht mehr als zwei Grad Celsius, besser höchstens 1,5 Grad - stärker darf sich die Erdatmosphäre nicht erwärmen, wenn die Folgen für die Ökosysteme und uns Menschen erträglich bleiben sollen. Diese Verabredung der Weltgemeinschaft schien bei der UN-Klimakonferenz 2015 in Paris wie der große Durchbruch. Heute aber ist klar: Die im Pariser Klimavertrag festgehaltenen freiwilligen nationalen Ziele zur CO2-Reduktion reichen allenfalls aus, um die Erderwärmung auf 3,2 Grad zu begrenzen. Und auch das nur dann, wenn alle Länder ihre Versprechen einhalten.

Der politische Wind weht dem Klimaschutz entgegen

Die Ausgangslage der Konferenz in Kattowitz hätte bedeutend günstiger sein können: Unter Donald Trump haben die USA bereits vor anderthalb Jahren ihren Ausstieg aus dem Klimaabkommen angekündigt. Mit Jair Bolsonaro wurde gerade in Brasilien ein Präsident gewählt, der erklärter Klimaschutz-Gegner ist. Direkt nach der Wahl zog vor wenigen Tagen Brasilien sein Gastgeber-Angebot für die nächste UN-Klimakonferenz im Jahr 2019 zurück. Ein besonders schmerzhafter Stich für die Klimaverhandlungen: 60 Prozent des Amazonas-Regenwalds liegen in Brasilien. Das Land spielt mit diesem besonderen Ökosystem eine Schlüsselrolle im Kampf gegen die Erderwärmung.

Deutschland schwach beim Klimaschutz

Für Deutschland nahm Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) an den Verhandlungen teil. Es war ihr erster Klimagipfel - und sie trug schweres Gepäck: Deutschland hinkt bei den selbst gesteckten Vorgaben zur CO2-Reduktion hinterher. Der Abschlussbericht der Kohlekommission, der Deutschland den Weg aus der Braunkohle weisen soll, verzögert sich. Zwar will die Bundesregierung im kommenden Jahr ihren Angaben zufolge ein Klimaschutzgesetz vorlegen, um Energiewende und Umweltschutz voranzubringen. Fest steht aber auch, dass Deutschland sein selbst gesetztes nationales Emissionsziel für 2020 verfehlen wird. Immerhin kündigte Deutschland in Kattowitz die Verdoppelung des deutschen Beitrags zum internationalen Klimafonds auf 1,5 Milliarden Euro vor. Umweltministerin Schulze sagte, Deutschland müsse "Signale geben, dass wir es ernst meinen mit der Klimafinanzierung".

Gastgeber Polen: ein Kohleland

In der Vergangenheit zeigte sich unser Nachbarland Polen beim Klimaschutz stets als Bremser in der EU. Seine Energie gewinnt es zu rund 80 Prozent aus der Verbrennung von Kohle. Zur Klimakonferenz in Kattowitz gibt sich Polen progressiv, doch der Kohleausstieg fällt dem Land schwer. Immerhin gibt es inzwischen Initiativen, die erneuerbaren Energien auszubauen und sich bei der Elektromobilität zu engagieren.

Kohleland Polen
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Kohleland Polen
Kohle-Energie: Keine Wende in Sicht
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Kohle-Energie: Keine Wende in Sicht

Die Konferenz leitete der polnische Umwelt-Staatssekretär Michal Kurtyka. Er gilt als aufgeschlossen gegenüber Neuerungen im Energiesektor. Der polnische Umweltminister Henryk Kowalczyk allerdings engagiert sich stark für den Erhalt der Kohleindustrie. Das erkennt man nicht zuletzt daran, welche offiziellen Partner für die UN-Klimakonferenz 2018 ausgewählt wurden: Unter den Partnern befand sich neben anderen Kohleunternehmen auch der größte Kokskohleproduzent der EU.

Klimaschutz-Index 2018: So punkten die Länder

Zu Beginn der zweiten Verhandlungswoche gibt es schlechte Nachrichten für die Verhandlungsposition der deutschen Delegation: Im Klimaschutz-Index 2018 ist Deutschland als früherer Klimaschutz-Vorreiter nur noch im Mittelfeld zu finden - auf Platz 27 (Vorjahr Platz 22) von 60, nicht mehr weit entfernt von China auf Platz 33. Grund dafür sind die seit 2009 gleichbleibend hohen deutschen Treibhausgasemissionen: Deutschland ist nach wie vor einer der größten Verbraucher von Braunkohle. Zudem flaut der Ausbau der Erneuerbaren Energien ab, und auch für die nationale Klimapolitik gibt es nur mäßige Noten. Positive Entwicklungen gab es bei unseren Nachbarländern: Die Schweiz steht inzwischen auf Platz 9 (Vorjahr 12) und Österreich konnte sich von Platz 42 auf 36 verbessern.

Die ersten drei Plätze wurden dieses Jahr wiederholt nicht vergeben. Kein Land unternehme bislang genug, um den Temperaturanstieg global deutlich unter zwei Grad zu halten, so die Autoren der Studie. Am nächsten kämen diesem Anspruch Schweden (Platz 4) und Marokko (Platz 5). Beide Länder punkten beim aktuellen oder geplanten Ausbau der erneuerbaren Energien. Schlusslichter sind die USA (Platz 59) und Saudi-Arabien (Platz 60), laut Klimaschutz-Index sind sie die größten Klimasünder weltweit. Der globale Klimaschutz-Index wird von den Organisationen Germanwatch und NewClimate Institute erstellt und rankt die größten Treibhausgasemittenten weltweit jährlich nach ihren Klimaschutz-Bemühungen. Er berechnet sich aus vier Anteilen: 40 Prozent machen die Treibhausgas-Emissionen aus, und je 20 Prozent der Energieverbrauch, der Ausbau der Erneuerbaren Energien und die Gestaltung der Klimapolitik.

"Bis 2050 könnten jährlich 1 Million Leben gerettet werden"

Bis Mitte des Jahrhunderts könnten jährlich eine Million Menschenleben gerettet werden - wenn die Pariser Klimaziele tatsächlich erreicht würden. Dieser Befund geht aus einem Bericht hervor, den die Weltgesundheitsorganisation WHO auf der UN-Klimakonferenz in Kattowitz vorstellte. "Die wahren Kosten des Klimawandels schlagen sich in Gesundheitskosten nieder", kommentierte die WHO-Direktorin für Gesundheit und Umwelt, Maria Neira. "Die gesundheitliche Belastung durch die Umweltverschmutzung ist heute so hoch, dass sich der Übergang zu sauberen und nachhaltigen Lösungen in der Energieversorgung, dem Verkehr und der Ernährung von selbst rechnet", sagte Neira. "Wenn die Gesundheit berücksichtigt wird, ist Klimaschutz mehr Chance als Kostenfaktor."

Gespräch
VideoWar es ein Erfolg?
Zum Abschluss des Klimagipfels in Kattowitz sprach nano mit dem Umweltredakteur Volker Angres.
Meinung
© Polski Alarm SmogowyMein graues, buntes Kohle-Polen
nano-Redakteurin Daria Stanco über ihr Heimatland Polen, den Oberlehrer Deutschland und Lichtblicke im verrußten Himmel.
Links
Klimakonferenz "Cop24"
Die offizielle Internetpräsenz der UN-Klimakonferenz "Cop24" in Kattowitz
Klimagipfel in Kattowitz
VideoKein Ohr für die Jugend
Der Klimawandel wird vor allem die junge Generation treffen. Die darf in Kattowitz aber nicht mitreden.