Bäuerin mit Tierkadavern © dpa
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Der Wassermangel droht sich mit fortschreitendem Klimawandel zu verschärfen.
Eine Frage von Leben und Tod
Schon zwei Grad Klimaerwärmung wären katastrophal
Was macht ein Grad mehr oder weniger schon aus? Eine ganze Menge, erklärt das IPCC in seinem neuen Bericht. Für viele könne eine weitere Temperaturzunahme den Tod bedeuten.
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Sabine Fuss im Gespräch
Menschliche Aktivitäten hätten bislang schätzungsweise zu einer weltweiten Temperaturzunahme von 1,0 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter geführt, erklärte der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) in Südkorea. Ein weiteres Grad würde die Situation in vielen Erdteilen stark verschärfen, hieß es in einem Sonderbericht des Fachgremiums.

Der IPCC stellte in dem 728 Seiten starken Bericht heraus, wie viel besser es um die Erde bestellt wäre, wenn die Erwärmung künftig nur noch um 0,5 statt 1,0 Grad zunimmt. Die Auswirkungen würden demnach wie folgt aussehen:

  • Nur halb so viele Menschen würden unter Wassermangel leiden.
  • Es gäbe weniger Hitzetote. Auch an Smog und Infektionskrankheiten würden weniger Menschen sterben.
  • Der Meeresspiegel würde um fast zehn Zentimeter weniger ansteigen.
  • Nur halb so viele Wirbeltiere und Pflanzen würden den Großteil ihres Lebensraums einbüßen.
  • Generell würde es deutlich weniger Hitzewellen, Starkregen und Dürren geben.
  • Es könnte verhindert werden, dass die Eisdecke der westlichen Antarktis in eine unaufhaltsame Schmelze gerät.
  • Eine Reduzierung der Erwärmung auf insgesamt 1,5 Grad könnte gerade genug sein, damit die meisten Korallenriffe der Welt nicht absterben.

Wie ernst die Lage ist, macht Natalie Mahowald von der Cornell University klar. "Für manche Menschen ist das ohne Zweifel eine Situation, die über Leben oder Tod entscheidet", sagt die Klimawissenschaftlerin, die federführend an dem Bericht mitgewirkt hat.

Die Ziele von Paris reichen nicht aus
Auf der Weltklimakonferenz von Paris 2015 hatte die internationale Gemeinschaft das Ziel vereinbart, die globale Erwärmung auf maximal 2,0 Grad Celsius zu begrenzen. Vorsichtig wurde damals der Wunsch geäußert, sie bereits bei 1,5 Grad zu stoppen. Dazu wären aber extreme Fortschritte bei der Reduzierung der CO2-Emissionen notwendig - und damit eine überaus schnelle Abkehr von den fossilen Brennträgern Kohle und Öl. Sollten zu diesen 1,5 Grad noch einmal 0,5 Grad hinzukommen, würde das für Menschheit und Natur eine Erde mit größeren Herausforderungen bedeuten, sagt Ove Hoegh-Guldberg von der Universität des australischen Bundesstaates Queensland, der ebenfalls zu den Leitautoren des IPCC-Berichts zählt.

Die globale Erwärmung wird besagte 1,5 Grad Celsius laut dem Weltklimarat bei der derzeitigen Rate wahrscheinlich in den Jahren 2030 bis 2052 erreichen. Der Rat äußert in dem Bericht die Ansicht, dass es theoretisch möglich sei, einen Stopp bei 1,5 Grad Celsius hinzubekommen. Dazu müsse aber dringend gehandelt werden, und zwar unter anderem bei der Energieversorgung, dem Städtebau und im Transportwesen. Die Zusagen von Paris seien dafür eindeutig unzureichend, sagt Leitautor Joeri Rogelj.

Umweltwissenschaftler: Die Ziele sind nicht mehr zu erreichen
Der Umweltforscher Gregg Marland von der Appalachian State University glaubt nicht daran, dass dieses Ziel erreicht wird. "Ich sehe einfach nicht die Möglichkeit, die 1,5 Grad zu leisten", sagt er. Selbst das Zwei-Grad-Ziel erscheine unwahrscheinlich. Er verglich den IPCC-Bericht mit einer akademischen These, was passieren würde, wenn Frösche Flügel hätten.

Die Autoren des Berichts sind da bei aller Alarmbereitschaft zuversichtlicher. Eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius sei "nicht unmöglich", mache beispiellose Veränderungen aber unvermeidlich, erklärte der Ratsvorsitzende Hoesung Lee. Mahowald drückte es epochaler aus: "Das ist unsere Chance zu entscheiden, wie die Welt aussehen wird."

Das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, könnte laut IPCC zum Resultat haben, dass rund 420 Millionen Menschen weniger regelmäßig unter extremen Hitzewellen leiden müssen, bei knapp 65 Millionen weiteren blieben zumindest außergewöhnliche Hitzewellen aus. Tödliche Hitzewellen wie diejenigen in Indien und Pakistan 2015 würden quasi alljährlich vorkommen, wenn die Welt sich der 2,0-Grad-Marke nähert.

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