Abgase © dpa
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Die Nachrüstung von Dieselfahrzeugen führt auf jeden Fall zu weniger Stickoxiden.
Mess-Wirrwarr
Entscheidend für die Konzentration an Stickoxiden ist die Messhöhe
Die Luft in Deutschland und in der EU wird ständig kontrolliert. Doch die Messhöhen unterscheiden sich.
Hamburg verhängt als erste deutsche Stadt ein Diesel-Fahrverbot. In zwei Straßen. Dort liegen die Stickoxid-Messwerte der Messstationen über dem EU-Grenzwert. Doch aktuell stehen die Messmethoden in der Kritik. In Hamburg wird Stickoxid in einer Höhe von 1,50 Metern gemessen. In anderen Städten wird höher gemessen. Eine EU-Richtlinie gibt vor, wo und an wie vielen Standorten welche Werte gemessen werden. Vorgegeben ist auch, wie die Luft strömen soll und wie weit Gebäude entfernt sein dürfen. Auch für die Messhöhe gibt es einen Rahmen: es sind in der Regel 1,5 bis 4 Meter, es kann aber Ausnahmen geben. Der Spielraum ist also relativ groß und wird in Deutschland von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich umgesetzt. Und auch ein Blick ins europäische Ausland zeigt, dass die Messhöhe durchaus unterschiedlich gehandhabt wird. Die Messhöhe könnte bei drohenden Fahrverboten durchaus entscheidend sein: Je höher gemessen wird, desto geringer sind die Konzentrationen an Stickoxiden im Durchschnitt.

In Deutschland messen tagtäglich 500 Messstationen, wie viel Ozon entsteht, wie viel Feinstaub und Stickoxide in der Luft herumschwirren. Sie saugen Luft an, untersuchen sie und leiten die Daten automatisch weiter an die Behörden der Bundesländer. Es gibt Messungen in verkehrsnahen Zonen, an Industriestandorten und in Gebieten mit typischen Werten für den sogenannten städtischen Hintergrund. Die Luft rund um die Messstationen soll für die Umgebung möglichst repräsentativ sein, so schreibt es die 39. Bundesemissionsschutzverordnung (BImSchV) vor. Mindestens alle fünf Jahre wird überprüft, ob die Stationen versetzt werden müssen. Die Landesbehörden übermitteln die Daten ans Umweltbundesamt, das wiederum an die EU berichtet.

Luft in vielen deutschen Städten zu schlecht
Probleme mit Grenzwertüberschreitungen hat Deutschland bei Stickstoffdioxid in vielen Städten mit dem Jahresmittelwert. Laut EU dürfen 40 Mikrogramm pro Kubikmeter nicht überschritten werden. Um den Jahresmittelwert valide zu ermitteln, müssen nach Angaben des Bundesamts mindestens 90 Prozent der Zeit eines Jahres abgedeckt sein. Die Höhe der Belastung kann mit bestimmten Wetterlagen und den Außentemperaturen schwanken - auch, weil die Stickoxide nicht nur aus dem Verkehr stammen, sondern auch aus Kraftwerken und Heizungen.

Diesel nachrüsten: Sauber durch Hardware
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Fahrverbote in Amsterdam: Dreck-Kontrolle
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Zu schlechte Luft: Deutschland wird verklagt.
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Klage gegen Deutschland und weitere EU-Staaten

Wegen zu schmutziger Luft verklagt die EU-Kommission auch die Bundesrepublik vor dem Europäischen Gerichtshof. Es geht um die seit Jahren anhaltende Überschreitung von EU-Grenzwerten für gesundheitsgefährdende Stickoxide in Dutzenden deutschen Städten, die unter anderem auf die vielen Dieselautos zurückgeht.Die Klage hat keine unmittelbaren Folgen, denn eine Klage ist ja noch kein Urteil. Verkehrsexperte Dietmar Oeliger vom Umweltverband Nabu sagt aber: "Die Klage wird vor allem den politischen Druck auf Deutschland beziehungsweise die Bundesregierung erhöhen." Sie müsste rasch Abhilfe zu schaffen. Denn letzte Konsequenz könnten Strafgelder sein, falls Deutschland verliert. Bulgarien und Polen haben in ähnlichen Verfahren vor dem EuGH bereits Niederlagen erlitten.

Und wie geht es langfristig weiter?

Die EU-Kommission will mehr umweltfreundliche Fahrzeuge mit wenigen oder gar keinen Emissionen, was zwei Fliegen mit eine Klappe schlagen würde: Klimaschutz und eine Verringerung von Schadstoffen in den Städten. Die Brüsseler Behörde stellt deshalb einen Aktionsplan für eine europäische Batterieproduktion vor, denn Batterien sind Voraussetzung für den Vormarsch von Elektroautos.Darüber hinaus plant die Kommission erstmals Kohlendioxid-Grenzwerte für neue Lastwagen, die in zwei Etappen bis 2025 und bis 2030 nach Medienberichten um 30 Prozent sinken sollen. Die CO2-Emissionen aus dem Schwerverkehr liegen nach Angaben der Kommission heute um 19 Prozent höher als 1990, und zwar ausschließlich, weil immer mehr Güter auf der Straße transportiert werden. Nun sollen sauberere Fahrzeuge den Trend umkehren.Das ist zwar eine andere Baustelle als bodennahe Luftschadstoffe: CO2 wird als Klimagas vor allem für die Erderwärmung mitverantwortlich gemacht. Aber letztlich dient auch dies dem Ziel, den Straßenverkehr für Menschen und Umwelt erträglicher zu machen.


Folgen der Klage

Deutschland drohen durch Klage hohe Strafzahlungen
Angesichts der Klage gegen Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof fordern die Grünen, die Autohersteller für die Verbesserung der Luft in deutschen Städten in die Pflicht zu nehmen. Die Bundesregierung müsse "auf umfangreichen Nachrüstungen für Dieseldreckschleudern bestehen", so die grüne Europaabgeordnete Rebecca Harms. "Die Bundesregierung hat jahrelang den Umsatz der Dieselhersteller geschützt, statt die Gesundheit der Menschen in den Städten", kritisiert Harms. "Sie hat Kommunen mit dem Problem der Luftverschmutzung alleingelassen."

Schreckgespenst Fahrverbote zeigt Wirkung bei den Kunden
Das Bundesverwaltungsgericht hatte Fahrverbote im Februar erlaubt, sofern sie verhältnismäßig sind. Die Aussicht, womöglich nicht mehr in die Stadt fahren zu können, verunsichert Autokäufer inzwischen so, dass Dieselwagen zum Ladenhüter werden: 87 Prozent der Autohändler können Diesel-Gebrauchtwagen nur noch mit höheren Abschlägen verkaufen, 22 Prozent nehmen überhaupt keine Diesel-Gebrauchtwagen mehr in Zahlung - das geht aus aktuellen Zahlen des Dieselbarometers der Deutschen Automobil Treuhand hervor.

Der Markt für Dieselfahrzeuge ist eingebrochen
Laut DAT-Barometer verkauften 58 Prozent der Händler nach eigenen Angaben weniger Diesel-Neuwagen an Gewerbekunden. Bei den Privatkunden sei die Entwicklung noch drastischer: 86 Prozent der Händler verkaufen weniger gebrauchte und neue Diesel-Pkw an Endverbraucher.Der Trend weg vom Diesel dürfte die Luft in Städten mittelfristig verbessern, hat aber eine Kehrseite für den Klimaschutz, weil Benziner bei gleichem Gewicht in der Regel mehr verbrauchen und auch mehr Kohlendioxid verursachen. Tatsächlich stiegen die CO2-Emissionen bei Neuwagen in Europa 2017 erstmals seit Jahren im Schnitt wieder leicht, wie aus Zahlen der Europäischen Umweltagentur EEA hervorgeht.
Die 2017 erstmals zugelassenen Autos stießen pro Kilometer 0,4 Gramm Kohlendioxid mehr aus als die des Vorjahres. Derzeit liegt der Durchschnittswert damit bei 118,5 Gramm pro Kilometer. Nach den klimapolitischen Zielen der EU sollen die Autobauer den CO2-Ausstoß ihrer Flotten bis 2021 auf 95 Gramm pro Kilometer reduzieren.

Fragen und Antworten
Alte Diesel sauberer machen
Noch immer werden in 70 Kommunen in Deutschland die Grenzwerte für Stickstoffdioxid überschritten, in München sogar fast um das Doppelte. Umweltbundesamt und Umweltverbände machen sich daher stark für Hardware-Nachrüstungen an Dieselautos.
Schlechte Luft in Deutschland
Drohende Klage
Die deutsche Bundesregierung will sich mehr anstrengen für saubere Luft. So richtig konkret wird sie aber wieder nicht.
Richtungsweisendes Urteil
Weg frei für Diesel-Fahrverbote
In vielen Großstädten werden die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte für Stickstoffdioxid überschritten. Heute gab es vom Bundesverwaltungsgericht in Leipzig das Urteil: Die Städte dürfen Fahrverbote auch ohne bundeseinheitliche Regelungen umsetzen.
Gefahr durch Stickoxide
Zweierlei Maß
In Deutschland sind Stickoxid-Messstationen an verkehrsreichen Straßen aufgestellt, in anderen Ländern ist das anders. Und es gelten nicht immer dieselben Maßstäbe.