Mühle vor Atommeiler © dpa
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Überschattete Idylle: Im belgischen Doel wohnen nur noch 18 Menschen.
Doel und Tihange sollen weiter laufen
Trotz hoher Pannendichte sehen die belgischen Behörden keine Gefahr
In den belgischen Atomkraftwerken gab es im April 2018 wieder Pannen. Doch die Regierung hält an der Laufzeit bis 2025 fest.
Die beiden Atommeiler, die bereits seit 1975 am Netz sind, gelten seit Jahren als pannenanfällig. Vergleicht man die Pannendichte der belgischen Atomkraftwerke mit denen in Deutschland, bestätigt sich das Bild: 94 Zwischenfälle der Ines-Stufe 1 und ein Ereignis der Stufe 2 gab es in Doel und Tihange zwischen 2007 und 2016 - demgegenüber stehen vier Ereignisse der Stufe 1 in allen deutschen Akw, wie aus Berichten der Aufsichtsbehörden hervorgeht. Zwischenfälle der Stufe 0 sind in Belgien gar nicht erst meldepflichtig.


Risse werden unterschiedlich bewertet
Aber die - veröffentlichten und nicht veröffentlichten - Pannen sind nicht das einzige Problem. Seit 2015 ist klar, dass es insgesamt 16.000 Risse in den Druckbehältern der Reaktoren gibt - 13.000 in Doel 3 und 3150 in Tihange 2. Diese Risse sind bis zu 18 Zentimetern lang. Die belgische Atomaufsicht FANC hält diese für ungefährlich - andere Experten wie Wolfgang Renneberg, früherer Leiter der Abteilung für Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium, sieht das anders. Die Wahrscheinlichkeit sei viel größer, dass die Druckbehälter mit spröden Wänden kaputt gehen.
Anfang Februar bestätigte die FANC zudem acht "Precursor"-Fälle (deutsch: Vorbote) in Tihange 1 zwischen 2013 und 2015. Dabei handelt es sich um einen Zwischenfall in einem Atomkraftwerk, der unter bestimmten Voraussetzungen zu schweren Schäden am Reaktorkern bis hin zur Kernschmelze führen kann.

Doppelmoral auf dem politischen Parkett
Daraufhin hatte die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) vor einem Weiterbetrieb der Anlage gewarnt. "Der Weiterbetrieb des Reaktors Tihange 1 ist sehr riskant und unverantwortlich", sagte die Ministerin. Sie forderte den Bund auf, die Exporte von Brennelementen aus Deutschland für die belgischen Atomkraftwerke zu stoppen. Jüngst forderte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) die Abschaltung des Reaktors Tihange 2: "Je schneller, desto besser." Bislang scheiterte er damit.
Die Bundesregierung genehmigt weiterhin jedes Jahr Lieferungen aus den deutschen Atomfabriken in Gronau und Lingen: Im Jahr 2017 sind so 108 Brennelemente nach Doel gekommen.


Umstrittene Atomkraftwerke
Belgien schaltet nicht ab
Vor allem Nordrhein-Westfalen sorgt sich wegen Problemen in zwei belgischen Atomkraftwerken nahe der Grenze. Von Stilllegung aber will das Nachbarland nichts wissen.
Alte Atomanlagen
Grenzwertiges Risiko
Deutschland, Österreich und die Schweiz sind von zahlreichen Atomkraftwerken umgeben. Besonders umstritten sind zum Teil Jahrzehnte alte Anlagen in Grenznähe.