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Seine Heimat ist bedroht: das Wisent, ein Urwaldbewohner.
Urwald in Gefahr
Rodungen verstoßen gegen EU-Habitat- und EU-Vogelschutzrichtlinie
Bialowieza in Polen: Der letzte Urwald in Europa. Seit März 2016 ist der Waldfrieden dahin. Es wird gerodet.
Aktuell: Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom 17. April 2018
Das mit Spannung erwartete Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) zum umstrittenen Baumschlag wurde verkündet: Danach verstößt Polen mit der Abholzung von Bäumen im geschützten Bialowieza-Urwald gegen das Naturschutzrecht der Union. Die Ausbreitung des Borkenkäfers rechtfertige nicht den Bewirtschaftungsplan und die Abholzung in dem Urwald, heißt es in dem Urteil. Damit entsprach der Gerichtshof einer Klage der EU-Kommission gegen Polen in vollem Umfang. Der Urwald steht in Teilen unter dem Naturschutz der EU-Habitat-2000-Richtlinie und ist wegen seltener Tierarten ein "Gebiet von gemeinschaftlicher Bedeutung". Nach Auffassung der EU-Kommission handelt es sich um einen der am besten erhaltenen Naturwälder Europas. Laut Urteil wurde im polnischen Bewirtschaftungsplan von 2015 aber nicht der Borkenkäfer als potenzielle Gefahr für das Naturschutzgebiet benannt, "sondern die Entfernung von ihm befallener hundertjähriger Fichten und Kiefern". Der EuGH kam deshalb zu dem Schluss, dass die großflächigen Abholzungen "zwangsläufig zur Beschädigung oder Vernichtung der Fortpflanzungs- oder Ruhestätten" streng geschützter Käfer führen.

Der Bialowieza-Nationalpark an der polnisch-weißrussischen Grenze ist der letzte Urwald Europas. Er umfasst 150.000 Hektar Wald, ein Gebiet fast doppelt so groß wie Berlin. 9.000 Pilz- und Pflanzenarten und mehr als 20.000 Tierarten sind hier zu Hause. Darunter viele seltene Arten wie der sonst fast nirgendwo mehr in Europa vorkommende Wisent, Wolf und Luchs. Der Wald ist von der Unesco als Weltnaturerbe und Biosphärenreservat anerkannt.

"Es gibt keinen natürlicheren Wald in Europa als diesen", erklärt Professor Krzysztof Schmidt vom Biologischen Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften Bialowiezas Einzigartigkeit. Die Natur sei hier am wenigsten durch den Menschen verändert worden. "Wenn der Wald verändert wird, geht seine biologische Vielfalt unwiederbringlich verloren", warnt Schmidt.

Die Vorgeschichte:
2016 genehmigte der damalige polnische Umweltminister Jan Szyszko weitflächige Holzfällerarbeiten im polnischen Teil des Naturparks, der sich auch über die Grenze hinweg bis nach Weißrussland erstreckt. Begründet wurde das mit Borkenkäferbefall. Die polnische Regierung hat 2017 100.000 Bäume mehr fällen lassen als zuvor, obwohl weite Teile des Weltnaturerbes unter klaren Schutzauflagen stehen. Der Bialowieza-Wald gilt als einer der am besten erhaltenen Naturwälder Europas und ist als Natura-2000-Gebiet und als Lebensraum für bedrohte Tier- und Vogelarten besonders geschützt. Das bedeutet nach EU-Recht strenge Auflagen für die Forstbewirtschaftung. Der zuständige EU-Generalanwalt Yves Bot sieht in den Abholzungen einen Verstoß gegen die Habitat- und die Vogelschutzrichtlinie. Polen habe das Natura-2000-Gebiet nicht ausreichend geschützt. Der Holzeinschlag könne die Fortpflanzungsstätten bedrohter Arten beschädigen.

Der Fall schlägt hohe Wellen, seit die EU-Kommission Polen Mitte 2017 verklagt hatte. Im Dezember 2017 verlangte der Europäische Gerichtshof (EuGH) in einer vorläufen Entscheidung den sofortigen Stopp des Holzeinschlags - bis auf Ausnahmen zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit. Anderenfalls drohe ein Zwangsgeld von 100.000 Euro pro Tag. Polen ließ danach den Holzeinschlag ruhen.

Borkenkäferplage eher nur ein vorgeschobenes Argument
Europaweit wird einer Studie zufolge immer öfter in geschützten Wäldern Holz geschlagen und als Begründung der Schutz vor Schädlingen vorgeschoben. "Anders als in der Öffentlichkeit häufig kommuniziert, ist bei den Einschlägen in Schutzgebieten der Aspekt Geldeinnahmen das Hauptmotiv", erklärt Waldökologie-Professor Jörg Müller zu der von ihm geleiteten Untersuchung des Biozentrums der Universität Würzburg. "Schädlingskontrolle landet auf Platz zwei."Sanitärhiebe seien in Wäldern sinnvoll, in denen die Holzproduktion im Vordergrund stehe, um Holz rechtzeitig einer guten Verwendung zuzuführen - ehe Borkenkäfer und Co. das Holz befallen, erläutert Müller. "Für die Biodiversität im Wald und auch für seine Regenerationsfähigkeit sind sie es nicht." Sanitärhiebe würden oft als Vorwand zur Holzentnahme genutzt.

Als Beispiel führen die Wissenschaftler auch den letzten natürlichen Urwald Europas im ostpolnischen Bialowieza an. In Fällen wie diesem werde "gezielt die mangelnde Kenntnis in der Bevölkerung in Sachen natürliche Störungen ausgenutzt". Viele Menschen hielten "chaotische Waldflächen" für sanierungsbedürftig.Gerade aber durch Störungen wie Stürme und Borkenkäferbefall entstünden wertvolle Waldlebensräume für viele bedrohte Arten. Die Forscher trugen für ihre Untersuchung 42 Fallstudien aus 26 Ländern zusammen und befragten lokale Experten nach den Gründen und Verantwortlichkeiten bei diesen Sanitärhieben.

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Streit um Urwald
Von wegen Naturschutz
Der letzte Urwald Europas in Ostpolen ist gefährdet. Die polnische Regierung hat erlaubt, Teile des Waldes zu fällen - angeblich wegen Borkenkäferbefall. Doch das verstößt gegen EU-Recht.
Kulturzeit
© dpaVideoDer polnische Kulturwissenschaftler Michal Ksiazek hat ein Naturschutzgebiet im Urwald von Białowieża durchwandert. Und wurde zum Aktivist.
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