Fischverpackung mit MSC-Siegel © dpa
Das MSC-Siegel sorgt für ein gutes Gewissen im Supermarkt - nicht immer zu Recht.
Das MSC-Siegel sorgt für ein gutes Gewissen im Supermarkt - nicht immer zu Recht.
Streit um das MSC-Siegel
Kritik an Kennzeichnung für nachhaltige Fischerei
Das MSC-Siegel steht für nachhaltigen Fischfang - aber Umweltschützer und Wissenschaftler kritisieren die Vergabestandards scharf.
Kaum eine Verpackung von Fischprodukten oder anderen "Meeresfrüchten" im Supermarkt, auf der das blaue Siegel des Marine Stewardship Council (MSC) nicht klebt. Es sollte die Fangflotten der Welt für nachhaltige Fischereiwirtschaft belohnen und damit der Überfischung entgegenwirken. Tatsächlich machen zu viele Betriebe ein schönes Geschäft mit dem Siegel. Betriebe, die keineswegs nachhaltig fischen - so die aktuelle Kritik.

Das Geschäft mit dem Siegel
Die Organisation MSC gibt an, Fisch- und andere Meeresfrüchte zu zertifizieren, bei deren Fang das Ökosystem geschont und internationale Mindeststandards eingehalten werden. Wie groß der Bestand der einzelnen Art ist - wie umweltschädlich die jeweilige Fangmethode und auch, wie ökologisch bewusst der Betrieb als solcher geführt ist - all das sind Kriterien für die Vergabe des Siegels. In einem Offenen Brief kritisierten 66 Wissenschaftler und Umweltverbände im Januar 2018, dass das MSC diese Kriterien bei der Auswahl seiner Vertragspartner nicht einhält.

Industrielle Fangflotten plündern die Ozeane
© dpa Die Meere werden leergefischt.
Die Meere werden leergefischt.
Ein Beispiel dafür ist die Alaska-Seelachs-Fischerei, eine der ersten Fischereien überhaupt, die 2005 das MSC-Siegel bekommen haben. Die Fischerei findet in der Beringsee, um die Aleuten und im Golf von Alaska statt. Die Kritik an der Fangmethode erklärt Sandra Schöttner, Meeresbiologin bei Greenpeace:

"Da kommen hauptsächlich Schleppnetze zum Einsatz - sogenannte semipelagische Schleppnetze. Durch das tonnenschwere Geschirr werden auf dem Meeresgrund empfindliche, artenreiche Lebensräume zerstört. Besonders Kaltwasserkorallenriffe, Schwamm- und Seefedergärten und weitere empfindliche Strukturen, die in den dortigen Tiefsee-Canyons liegen. Und so werden Jahrtausende alte Strukturen, die in diesem Ökosystem eine wichtige Rolle spielen, innerhalb von Minuten platt gemacht."

Durch die gigantische Dimension der dortigen zertifizierten Seelachsfischerei (1,2 Millionen Tonnen pro Jahr) gehen laut der Umweltschutzorganisationen zudem die Bestände von Tieren zurück, die sich vom Alaska-Seelachs ernähren - darunter verschiedene Meeressäugetiere und Seevögel, die ohnehin schon in ihrem Bestand bedroht sind.

Ein weiterer Kritikpunkt ist der Einsatz von Fangflößen. Meerestiere suchen instinktiv Schutz unter treibenden Gegenständen - das liegt in ihrer Natur. Ein Instinkt, den sich die Fischer insbesondere bei der Jagd auf Thunfisch zunutze machen. Sie setzen sogenannte Fangflöße ein, unter denen sich die Thunfische sammeln.

"Diese Lockbojen sind aber nicht nur für den Thunfisch attraktiv, sondern auch für viele andere Meerestiere wie Schwertfische, Haie, Rochen, Meeresschildkröten, Delfine - und sie alle landen dann zusammen mit dem Thunfisch als unerwünschter Beifang im Netz", so die Meeresbiologin Sandra Löer.

Bei den Fangflößen handelt es sich um eine Methode, die auch das MSC als nicht nachhaltig ansieht. Sie ist den Fischereibetrieben aber neben ihren zertifizierten Fangmethoden nicht verboten. Dass Betriebe auf ein und derselben Fangfahrt eine zertifizierte und eine nicht zertifizierte Methode einsetzen, soll nach MSC-Angaben demnächst nicht mehr erlaubt sein - allerdings mit einer Übergangsfrist von etwa 3 Jahren.

Ohne das MSC Siegel gäbe es noch weniger Nachhaltigkeit
© reuters Delfinen können Fischernetze zum Verhängnis werden.
Delfinen können Fischernetze zum Verhängnis werden.
So scharf die Kritik am MSC-Siegel auch ist - die meisten Umweltschutzorganisationen empfehlen weiterhin, sich daran zu orientieren. Weil es keine Alternative gibt. Eine offizielle Stellungnahme des MSC zum Offenen Brief vom Januar gibt es bislang noch nicht. Die Organisation verweist gegenüber nano auch auf sein eigentliches Dilemma:

"Anforderungen, die so hoch sind, dass überhaupt nur die besten fünf Prozent aller weltweiten Fischereien sie je erfüllen könnten, sehen wir nicht als adäquates Mittel, um großflächige Verbesserungen für unsere Ozeane zu erreichen", so eine Sprecherin.

"Die kürzlich zertifizierte mexikanische Thunfischfischerei beispielsweise wurde zur Zertifizierung freigegeben, weil sie ihren Delfinbeifang von jährlich 130.000 auf 800 Tiere reduziert hat (800 Tiere gelten wissenschaftlich als nicht bestandsgefährdend) und sich darüber hinaus verpflichtete, ihn innerhalb des MSC-Programms gegen Null zu senken", so die Sprecherin weiter.

Der blaue Fisch auf der Verpackung vermittelt ein gutes Gewissen und treibt den Umsatz mit dem gefangenen Fisch dadurch weiter an. Ob das Siegel der richtige Weg ist, die Überfischung zu bremsen, erscheint im Moment mehr als fraglich.

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