Luchs © dpa
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Luchse konnten den Bestand an Rehen um 30 Prozent reduzieren.
Ein Raubtier schützt den Schweizer Wald
Die Wiederansiedlung des Luchses tut dem Wald gut
Luchse helfen, den Verbiss an Weißtannen durch Rehe zu reduzieren, doch sie haben Konkurrenz: die Jägerei.
Der Klimawandel wird den Schweizer Wald verändern. Besonders hart wird es die Fichte treffen, die bisher wirtschaftlich wichtigste Baumart. An ihre Stelle könnte nach Meinung von Forstwissenschaftlern und Ökologen unter anderem die Weißtanne treten. Sie ist deutlich resistenter gegen Hitze und längere Trockenheit als die Fichte.

Doch die Weißtanne ist nicht nur bei Menschen begehrt. Rehe lieben die zarten Triebe junger Weißtannen und knabbern sie oft und gerne zwischendurch. Ist dieser Verbiss zu stark, so wächst das Bäumchen nicht mehr richtig oder stirbt ab. Besonders problematisch wird der Wildverbiss in Wäldern mit einem hohen Bestand an Rehen - in der Schweiz also fast überall. Doch es gibt Ausnahmen.

Der Luchs-Effekt
In einem fast 500 Quadratkilometer großen Waldgebiet am Walensee, das sich über Teile der Kantone St. Gallen, Thurgau und Zürich erstreckt, wurden im Jahr 2001 Luchse wieder angesiedelt. Von Anfang an sind Forscher den Raubkatzen auf der Spur und dokumentieren die Entwicklung der Population und deren Jagdverhalten. Die Luchse fühlen sich wohl, finden mit Rehen und Gämsen jagdbares Wild und entwickeln sich positiv.

In einem weiteren Forschungsprojekt wertete die Ökologin Jasmin Schnyder zunächst die jährlich von Jägern erhobenen Schätzungen der Reh- und Gämsenbestände der Zeit sowohl vor wie auch nach der Wiederansiedlung der Luchse aus. Sie stellte fest: Seit der Wiederansiedlung der Raubkatzen gehen die Bestände an Rehen und Gämsen zurück. Im untersuchten Zeitraum signifikant um fast 30 Prozent. Gleichzeitig beobachten die Förster der Region, dass der Wildverbiss an Weißtannen ebenfalls rückläufig ist. Jasmin Schnyder errechnete aus den Daten der Förster, dass der Wildverbiss an Weißtannen durch Rehe und Gämsen von durchschnittlich 32 auf 18 Prozent zurückgegangen ist.

Konkurrenz für die Jägerschaft
Förster begrüßen diese natürliche Unterstützung für die Artenvielfalt des Waldes, zumal nicht nur die Weißtanne, sondern auch andere Baumarten wie der Bergahorn vom Rückgang des Wildverbisses profitieren. Doch der Rückgang des Rehbestandes ärgert die Jägerinnen und Jäger, die ihrerseits durch Hege und Pflege wichtige, zum Teil erhebliche finanzielle Beiträge zum Erhalt der Schweizer Wälder leisten. Sie unterstützen zwar die Ansiedlung von Luchsen aus ökologischen Gründen, bekommen dafür aber immer weniger Rehe vor die Flinte und sind entsprechend frustriert.

Kein Wunder: Bis zu 50 Rehe reisst ein einziger erwachsener Luchs pro Jahr. Bei vermutlich 35 Tieren im Forschungsgebiet am Walensee kommen damit jährlich etwa 1500 gerissene Rehe zusammen, schätzt Dominik Thiel, Leiter des St. Galler Amtes für Natur, Jagd und Fischerei.

Luchse zum Abschuss freigeben?
Bevor die Luchs-Population zu gross wird und womöglich sogar einige Tiere zum Abschuss freigegeben werden müssen, sollen sie eingefangen und in andere Waldgebiete Europas umgesiedelt werden, die ebenfalls ein Problem mit zu grossen Rehbeständen haben. Im Laufe des Jahres 2018 sollen erste Luchse vom Walensee im Pfälzerwald in Deutschland ausgewildert werden. Das Schweizer Konzept, den Wald mit gemeinsamer Unterstützung von Jägern und Luchsen zu schützen, scheint künftig europaweit Schule zu machen.

Glossar
Luchs
Wenn man im deutschen Sprachraum von einem Luchs redet, ist meistens der Eurasische Luchs (Lynx lynx) gemeint.