Tankstutzen für Zusatzstoff "AdBlue" © dpa
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Der Zusatzstoff "AdBlue" gilt als effektiv gegen Stickoxide.
Alte Diesel sauberer machen
An neuer Hardware führt kein Weg vorbei
Noch immer werden in 70 Kommunen in Deutschland die Grenzwerte für Stickstoffdioxid überschritten, in München sogar fast um das Doppelte. Umweltbundesamt und Umweltverbände machen sich daher stark für Hardware-Nachrüstungen an Dieselautos.
Was haben Autobauer bislang gegen Stickoxide gemacht?
Sie haben hauptsächlich Software-Updates bereitgestellt, die die Steuerung automatischer Abschalteinrichtungen für die Abgasreinigungsanlage verändert haben. Bei VW-Autos mit Betrugssoftware sind die Updates verpflichtend, andere Hersteller haben sie freiwillig kostenlos bereitgestellt. Der Technik-Chef des Autoclubs ADAC, Reinhard Kolke, schätzt die Emissions-Verringerung auf 20 bis 30 Prozent. Zusätzlich bieten die Hersteller Umtauschprämien, wenn Dieselfahrer ihr altes Auto gegen ein neues tauschen wollen.

Was haben die Maßnahmen bewirkt?
Wie das Umweltbundesamt (UBA) feststellt, haben die Maßnahmen in den Städten die Stickoxid-Belastung tatsächlich reduziert - allerdings nur geringfügig. Insgesamt schätzt das UBA, dass die angebotenen Software-Updates die Stickoxid-Emissionen der gesamten Pkw-Flotte um drei bis sieben Prozent senken können - je nachdem, wie viele Besitzer die Updates vornehmen lassen und wie viel das Update bringt.

In den wahrscheinlichsten Szenarien liegt die Minderung zwischen zwei Mikrogramm und fünf Mikrogramm Stickoxide pro Kubikmeter, wobei die Umtauschprämie sogar schon mit eingerechnet wurde. In der am höchsten belasteten Stadt München liegt der Stickoxid-Wert (NOx) aber bei 79 Mikrogramm - fast doppelt so viel wie der Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter.

Wie könnten die Stickoxid-Werte der Autos weiter gesenkt werden?
Kolke sagt: "Bei den neuesten Dieselmodellen haben wir kein Problem mehr. Das besteht eher bei den Fahrzeugen der Euro-5-Norm." Die stoßen laut UBA-Schätzungen auf der Straße 900 Milligramm NOx pro Kilometer aus, obwohl sie offiziell nur 180 Milligramm ausstoßen dürften.

Um sie auf dieses Niveau zu bringen, führt laut Experten kein Weg an Hardware-Nachrüstungen vorbei. Dabei handelt es sich um SRC-Systeme, Abgasreinigungsanlagen, die mittels "AdBlue" sehr effektiv Stickoxide filtern. Kolke schätzt, dass dadurch die NOx-Emissionen um 50 bis 90 Prozent gesenkt werden könnten.

Waren die Nachrüstungen praktikabel und was würden sie kosten?
Darüber ist ein politischer Streit ausgebrochen. Die Autobauer stellen solche Nachrüstungen als teuer dar und sagen, dass in vielen Autos gar kein Platz dafür wäre. Der Verband des Kfz-Gewerbes, in dem auch die Werkstätten organisiert sind, widerspricht: Die Nachrüstung von Euro-5-Fahrzeugen auf den Stand der aktuellen Euro-6-Norm sei für die deutliche Mehrheit der Flotte technisch realisierbar.

Zu den Kosten gibt es Spekulationen, die von tausend Euro bis zu einem Vielfachen davon gehen. Das liegt laut Experten daran, dass verschiedene Seiten ein Interesse daran haben, die Kosten entweder besonders hoch oder besonders niedrig darzustellen.

Welche Schritte wären für Hardware-Nachrüstungen nötig?
"Derzeit haben wir ein Henne-Ei-Problem", sagt Kolke. Da keine Hardware-Nachrüstsysteme empfohlen oder zugelassen sind, lohnt sich auch deren Entwicklung nicht. "Um Nachrüstsysteme zuzulassen, benötigt man eine nationale Prüfrichtlinie, auf deren Grundlage diese Systeme entwickelt, zugelassen und eingebaut werden können", sagt Kolke. In dieser Richtlinie wären Minderungen oder Zielwerte definiert, die im Labor oder zusätzlich auf der Straße zu erreichen sind. Anschließend muss laut dem Verband des Kfz-Gewerbes geregelt werden, wer für die Nachrüstungen zahlen muss - Autohersteller oder Verbraucher - und ob Letztere gegebenenfalls einen staatlichen Zuschuss erhalten.

Wer würde von den Nachrüstungen profitieren?
Neben Stadtbewohnern, die weniger belastete Luft atmen müssten, wären das auch die Werkstätten, die die Nachrüstungen vornehmen. Profitieren würden auch die Kommunen, die sonst vielleicht bald Dieselfahrer aussperren müssten. "Hardware-Nachrüstungen wären auch wichtig, um das Vertrauen in gebrauchte Dieselautos wiederherzustellen", erklärt Kolke. "Viele Autofahrer können sich keine neuen Diesel leisten."

Glossar
"AdBlue" und "Bluetec"
"AdBlue" ist der Handelsname einer standardisierten, synthetisch hergestellten wässrigen Harnstofflösung. Sie kommt bei der "Bluetec"-Technik zum Einsatz.
Glossar
Stickoxide
Das Gas Stickstoffoxid (NO) ist zugleich schädlich und unentbehrlich für alle mehrzelligen Lebewesen. Im Körper dient es vor allem als Botenstoff.
Schlechte Luft in Deutschland
Drohende Klage
Die deutsche Bundesregierung will sich mehr anstrengen für saubere Luft. So richtig konkret wird sie aber wieder nicht.