Unter Geröllmassen vergrabenes Dorf © dpa
Ein Bergsturz kann große Schäden anrichten, wie im Dorf Bondo im Schweizer Kanton Graubünden.
Ein Bergsturz kann große Schäden anrichten, wie im Dorf Bondo im Schweizer Kanton Graubünden.
Berge in Bewegung
Die Schweiz ist spürbar vom Klimawandel betroffen
Die Schweizer Bergwelt kommt nicht zur Ruhe: Erst der Bergsturz in Graubünden, kürzlich ein Gletscherabbruch im Wallis. Eine Rolle spielt auch der Klimawandel.
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Je mehr Permafrost in der Schweiz abtaut, desto instabiler werden die Berge.
Bergstürze gab es schon immer. Aber die gemessene Erwärmung des Permafrostes, also des gefrorenen Gesteins, macht die Berge instabiler. Forscher der Universität Zürich und der ETH Zürich analysieren im Mattertal eine solche Permafrost-Problemzone: "Man hat festgestellt, dass die Bewegung mit den Temperaturen korreliert", sagt der Schweizer Glaziologe Andreas Vieli. "Das heißt, wenn es wärmer wird, bewegt es sich schneller." In der Schweiz ist der Klimawandel nach Behördenangaben stärker spürbar als in vielen anderen Regionen der Welt. So ist die Durchschnittstemperatur seit Beginn der Messungen 1864 um zwei Grad gestiegen, wie Marc Chardonnens, Direktor des Bundesamts für Umwelt (Bafu), sagte. Das sei mehr als doppelt so stark wie im weltweiten Durchschnitt. Folgen in der Schweiz sind laut Bafu unter anderem Bergstürze. Die Alpengletscher schmelzen, der Permafrost wird durch Erwärmung instabiler und Hitze- und Trockenperioden werden häufiger, wie Chardonnens sagte. Die Schweiz hat noch rund 1400 Gletscher. Etwa 750 sind in den vergangenen 50 Jahren verschwunden. Glaziologen führen das auf die Erderwärmung zurück.

Große Gesteinsmassen sind im Kanton Graubünden ins Tal gestürzt
Vom Piz Cengalo © dpa Vom Piz Cengalo
ist das Geröll abgestürzt © dpa ist das Geröll abgestürzt
und hat sich ins Tal © dpa und hat sich ins Tal
bis zum Ort Bondo geschoben.  © dpa bis zum Ort Bondo geschoben.

Im Schweizer Kanton Graubünden donnerten erst am 23. August 2017 aus über 3000 Meter Höhe riesige Mengen Gestein und Schlamm ins Tal. Der Felsabbruch passierte am 3369 Meter hohen Piz Cengalo. Nach Schätzungen rutschten bis zu vier Millionen Kubikmeter Geschiebe mit Schlamm und größeren Gesteinsbrocken nach. Das ist mehr, als die Außenalster in Hamburg an Volumen fasst. Die graue Masse schob sich direkt an dem Ort Bondo vorbei. Bondo liegt an der Grenze zu Italien, rund 35 Kilometer südwestlich von St. Moritz. Seine 140 Einwohner wurden in Sicherheit gebracht. Verletzt wurde in dem Ort niemand, weil es ein Alarmsystem gibt. Das hatte rechtzeitig vor dem Murgang, wie das Geschiebe auch heißt, gewarnt.

Solche Bergstürze sind keine Seltenheit in den Alpen, schützen kann man sich aber kaum. Für Wanderer sind sie eine große Gefahr, wie sich jetzt auch in Graubünden zeigt. In der durch den Bergsturz ausgelösten Lawine aus Schlamm und Geröll kamen wahrscheinlich acht Wanderer um, vier davon aus Deutschland. Sie waren am Morgen des 23. August in das Gebiet gewandert und wurden nicht gefunden. Die Behörden hatten die Suche wenige Tage nach dem Unglückstag eingestellt.

© dpa
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Der Ort Bondo wurde rechtzeitig vor dem Felsabbruch gewarnt und evakuiert.
Einen Monat nach dem gewaltigen Felssturz ist der Piz Cengalo immer noch nicht zur Ruhe gekommen. Dessen Gesteinsformationen bewegten sich rund fünf Zentimeter pro Tag, sagte der Sprecher des Führungsstabs der Gemeinde Bondo, Christian Gartmann. "Wir gehen davon aus, dass noch viel Material in der Größenordnung von 500.000 bis eine Million Kubikmeter abstürzen wird." Die Bewohner des Orts Bondo können frühestens in zwei Monaten wieder in ihrem Dorf leben. Bis dahin soll laut Gartmann ein seit der Gerölllawine mit rund 300.000 Kubikmeter Schutt gefülltes Auffangbecken weitgehend ausgebaggert sein.

Was ist ein Bergsturz?
Wenn riesige Gesteinsmassen aus einem Felsmassiv herausbrechen, sprechen Geologen von einem Bergsturz. Sie verwenden den Begriff in der Regel, wenn sich mindestens eine Million Kubikmeter Schutt oder Felsen lösen. Bei kleineren Volumina ist eher von einem Felssturz oder im geringsten Fall von Steinschlag die Rede. Natürliche Prozesse wie Tauen oder Gefrieren tragen zur Verwitterung des Gesteins bei. Erdbeben, extreme Regenfälle oder abschmelzende Gletscher können dann eine Katastrophe auslösen. Bergstürze kündigen sich meist schon Tage oder Wochen vorher durch zunehmenden Steinschlag an. Mit Geschwindigkeiten von mehr als 140 Stundenkilometern bewegen sich die Fels- und Schuttmassen kilometerweit, verursachen gewaltige Schäden und verändern das gesamte Landschaftsbild. Der Goldauer Bergsturz von 1806 gilt als eine der bisher größten Naturkatastrophen der Schweiz. 30 bis 40 Millionen Kubikmeter Gestein stürzten damals vom Südhang des Rossberges (Kanton Schwyz) ins Tal und zerstörten mehrere Dörfer. Mehr als 450 Menschen kamen ums Leben.

Info
Gletscherzunge abgebrochen
Bei einem größeren Gletscherabbruch in der Schweiz sind am 10. September 2017 hunderttausende Kubikmeter Eis abgestürzt. Die befürchtete Eislawine blieb im Saastal aber aus, wie der Krisenstab mitteilte. Weder seien Menschen verletzt noch Häuser beschädigt worden, berichtete die Kantonspolizei. Vorsichtshalber waren 220 Menschen in Saas-Grund im Kanton Wallis in Sicherheit gebracht worden. Die Gletscherzunge war seit Wochen in Bewegung. Der Gletscher mit einem Ausgangspunkt auf über 3300 Metern Höhe geht seit 1986 kontinuierlich zurück, bis 2015 um mehr als zwei Kilometer, wie die Statistik zeigt.
Glossar
Berg- und Felssturz
Gerät ein Teil eines Bergs ins Rutschen, unterscheidet man je nach der Größe des abgerutschten Gesteins Stein- oder Blockschlag, Felssturz oder Bergsturz.
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