Mähdrescher spritzt Pestizide auf Feld © Mehltretter Media GmbH
Pflanzenschutzmittel aus der konventionellen Landwirtschaft  machen den größten Unterschied.
Pflanzenschutzmittel aus der konventionellen Landwirtschaft machen den größten Unterschied.
Die EU hat keine Antwort
EU-Kommission brauchte mehr als fünf Jahre für eine Definition
Eigentlich sollten Pestizide, die hormonstörende Stoffe enthalten, längst verboten sein. Doch seit Jahren scheitert die EU an der Definition.
Nach Jahren des Zögerns hat die EU-Kommission im Sommer 2016 Kriterien zur Definition von hormonstörenden Stoffen in Pflanzenschutzmitteln und Bioziden wie Desinfektions- oder Holzschutzmittel vorgeschlagen. Grundlage für die Einschätzung sollen die Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sein, teilte die EU-Behörde mit. Dank der Definition soll es künftig besser möglich sein, Substanzen mit schädlicher hormoneller Wirkung zu erkennen.

Die WHO definiert einen Stoff als endokrinen Disruptor (hormonstörenden Stoff), wenn er schädigende Wirkung für die menschliche Gesundheit hat, im Blut wirksam wird (endokrine Wirkungsweise) und ein Zusammenhang zwischen der schädigenden Wirkung und der Veränderung im Blut besteht. Um das festzustellen, sollen die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse herangezogen und einer "robusten systematischen Überprüfung" unterzogen werden, hieß es von der EU-Kommission.

Forscher weisen seit gut 20 Jahren auf negative Auswirkungen von hormonstörenden Stoffen auf den menschlichen Organismus hin. Die schlechtere Qualität von Spermien oder der frühzeitige Beginn der Pubertät könnten Auswirkungen endokriner Disruptoren sein. Sie kommen neben Pflanzenschutzmitteln zum Beispiel in Kunststoffprodukten, Baustoffen, Möbeln oder Fußbodenbelägen vor.

Die EU-Kommission war 2010 damit beauftragt worden, wissenschaftliche Kriterien zur Einordnung eines Stoffes als endokriner Disruptor bis Ende 2013 festzulegen, um auf dieser Grundlage die EU-Gesetzgebung zu Pflanzenschutzmitteln und Bioziden richtig anwenden zu können. Der Europäische Gerichtshof rügte die Kommission im Dezember, weil diese Kriterien immer noch nicht veröffentlicht waren. Die vorgelegten Vorschläge muss die Kommission mit den EU-Mitgliedstaaten in Fachgremien abstimmen.

Die EU wird für die vorgelegten Kriterien von allen Seiten kritisiert
Die Kommissions-Entscheidung stieß sowohl bei Industrievertretern als auch bei Umwelt- und Gesundheitsaktivisten auf Kritik. "Wir sind extrem enttäuscht", hieß es in einer Stellungnahme des europäischen Dachverbands der Pflanzenschutzindustrie. Ähnlich reagierte der Industrieverband Agrar. Es stehe zu befürchten, dass durch die Vorhaben der Kommission Stoffe verboten werden könnten, die "gesundheitlich unbedenklich" seien. Der Kommissionsvorschlag gehe nur von Reaktionen auf hormonstörende Stoffe beim Menschen aus, beanstandet überdies Lisette Van Vliet von der Umwelt- und Gesundheitsorganisation Heal. Dadurch würden die Menschen zu lebenden Versuchskaninchen. Normalerweise würden Reaktionen bei Tieren und in der Umwelt getestet.

"Es ist ganz eindeutig, dass die Kommission mit diesen Vorschlägen das Schutzniveau senken wird", kommentierte Vito Buonsante, Anwalt bei der Umweltschutzorganisation Client Earth. Mit dem Kommissionsverfahren werde es wegen der hohen Beweishürden künftig fast unmöglich sein, Chemikalien für Schäden am menschlichen Körper verantwortlich zu machen. "Es ist peinlich, dass die EU-Kommission die Interessen der Pestizidindustrie über die Gesundheit der Bürger stellt", urteilte mit einer ähnlichen Argumentation der Grünen-Europaabgeordnete Martin Häusling.

Glossar
Pestizide
Pestizide sind chemische Substanzen, mit denen Landwirte Schädlinge bekämpfen. Der unsachgemäße Umgang kann akute Vergiftungen verursachen.
Umstrittene Neonicotinoide
Immer mehr Beweise
Der flächendeckende, vorbeugende Einsatz von Neonicotinoiden schadet Honigbienen und wildlebenden Insekten. So lautet das Ergebnis einer europaweiten Metastudie.