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Gletscher © Beat Stierli, WSL Video
Das Eis weicht, das Leben kommt
Die Steinwüste lebt
Mikroorganismen setzen Nährstoffe frei
"Schon nach wenigen eisfreien Jahren besiedelt eine enorme Vielfalt an Mikroorganismen das Gletschervorfeld", sagt der Schweizer Agraringenieur Beat Frey.
Schmelzen die Gletscher, setzen sie unwirtliche Landschaften frei. Hier untersuchen Forscher, wie es dem Leben gelingt auf dem kargen Boden Fuß zu fassen. © Beat Frey, WSLLupe
1) Gletscherzunge; 2) Gletschervorfeld jünger als 15 Jahre; 3) Moräne von 1992; 4) Gletschervorfeld älter als 50 Jahre © Anita Zumsteg, WSLLupe

"Wir haben zwischen 1000 und 1300 Arten in den Bodenproben gefunden. Dabei kann man noch kaum von Boden reden. Es ist lediglich eine Mischung aus vom Gletscher feingemahlenem Sand und Geröll." Vor allem Cyanobakterien und Grünalgen sorgen dafür, dass der Boden aufgeschlossen und Mineralstoffe freigesetzt werden.

"Sie benötigen keinen fruchtbaren Boden", erläutert Freys Mitarbeiter Thomas Rime. "Sie setzen sich direkt auf die kahlen Steine oder den Sand und holen sich den benötigten Kohlen- und Stickstoff aus der Luft und dem geschmolzenen Gletschereis."

Selbst UV-Licht macht den Winzlingen nichts aus
Die Mikroorganismen kommen mit den extremen Bedingungen des Gletschervorfelds bestens zurecht und stören sich nicht an den starken Temperaturschwankungen von bis zu 40 Grad Celsius an der Oberfläche. Trockenperioden überstehen sie mit klebrigen Fäden, die Wasser zurückhalten können. Die Organismen profitieren sogar von der nahezu schattenlosen Umgebung. Sie sind resistent gegen die hohe UV-Strahlung in den Bergen und können so das reichhaltig vorhandene Licht für die Photosynthese nutzen und organisches Material herstellen.

Sterben die Organismen, wandeln sich deren Überreste in organische Bodenbestandteile um; eine feine Humusschicht beginnt das Gletschervorfeld zu überziehen. "Sobald eine erste dünne Schicht Boden vorhanden ist, siedeln sich weitere sogenannte heterotrophe Mikroorganismen an", erläutert Rime. "Diese Arten nutzen den im Boden gespeicherten Kohlen- und Stickstoff als Nahrungs- und Energiequelle."

Weitere Nährstoffe besorgen sie sich, indem sie die Steine "anknabbern": Sie heften sich an die Felsen an, scheiden kleine Mengen an Säuren aus und lösen damit das Gestein langsam auf. Die freiwerdenden Mineralstoffe wie Eisen, Phosphor oder Zink werden verspeist. Das, was übrig bliebt, trägt zur Fruchtbarkeit des Bodens bei.

Schmelzende Gletscher
Risko und Chance
Bis zu 600 Seen werden in der Schweiz entstehen, wenn die Gletscher schmelzen - Zürcher Forscher sehen darin sowohl Gefahren als auch Chancen.