Biene © dpa
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Pestizide beeinflussen Überwinterungsfähigkeit, Fortpflanzung und Orientierungsfähigkeit der Bienen.
Bienen in Gefahr
EU-Staaten verbieten Einsatz von Neonicotinoiden auf Äckern
Die EU-Staaten haben im April 2018 einem Freilandverbot für bienenschädliche Insektengifte zugestimmt.
In dem zuständigen EU-Ausschuss in Brüssel sprach sich eine qualifizierte Mehrheit für den Vorschlag der Kommission aus, den Einsatz von Neonicotinoiden auf Äckern zu verbieten und auf Gewächshäuser zu beschränken. Das teilte die EU-Kommission mit. "Die Gesundheit der Bienen bleibt für mich von größter Bedeutung, weil sie Artenvielfalt, Lebensmittelproduktion und Umwelt betrifft", sagte EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis. Das Freilandverbot betrifft die Stoffe Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid. Weniger risikoreich und daher weiter erlaubt sind Thiacloprid und Acetamiprid.

Umweltorganisationen warnen vor "Ersatzgiften"
Die Grünen und Umweltorganisationen werten die Entscheidung zwar als Erfolg, weisen aber auf die Gefahren zukünftiger Alternativen hin: "Lediglich alte Gifte durch ganz ähnliche neue, genauso gefährliche Stoffe zu ersetzten, wäre Etikettenschwindel", warnte der Bundestagsabgeordnete Harald Ebner von den Grünen. Greenpeace-Agrarexperte Martin Hofstetter ergänzte: "Um Bienen und andere wertvolle Insekten dauerhaft zu schützen, müssen wir den Einsatz giftiger Pflanzen- und Insektengifte schnell und drastisch senken." Kritik kam vom Pharmariesen Bayer, der auch Neonicotinoide herstellt. "Die Entscheidung wird die Möglichkeiten europäischer Landwirte, gegen verheerende Schädlinge vorzugehen, weiter einschränken", teilte das Unternehmen mit. Die EU-Entscheidung sei "ein schlechter Deal für die europäische Landwirtschaft". Der Deutsche Bauernverband (DBV) nannte es eine "echte Herausforderung", Alternativen zu entwickeln. "Um Qualität und Erträge abzusichern brauchen wir Pflanzenschutzmittel", sagte DBV-Präsident, Joachim Rukwied.

Die Studienlage scheint eindeutig
Landwirte setzen die Pestizide bislang als Saatgutbeizmittel ein, um die angebauten Pflanzen vor Schädlingen zu schützen. Damit können sie aber Bienen schaden. Das ist keine neue Erkenntnis und wurde auch durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) in einem Bericht von 2017 verdeutlicht. Die Experten der Behörde mit Sitz im italienschen Parma werteten diverse wissenschaftliche Studien zu dem Thema aus. "Insgesamt wurde das Risiko für die drei bewerteten Bienentypen bestätigt", sagte der der Leiter der Bereichs Pestizide der Efsa, Jose Tarazona. Untersucht wurde die Gefahr für Honig- sowie Wildbienen und Hummeln. Die potenziell tödliche Gefahr lauert in Blütenpollen und Nektar, im aufgewirbelten Staub bei der Aussaat, im Wasser: Auf unterschiedlichen Wegen nehmen Bienen für sie gefährliche Neonicotinoide auf. Diese Mittel können die Insekten Experten zufolge bereits bei einer niedrigen Dosierung lähmen, töten oder Lernvermögen und Orientierungsfähigkeit beeinträchtigen.

Neonicotinoide werden schon seit längerem erforscht

Ein Team um Ben Woodcock vom britischen Natural Environment Research Council hat Freilandversuche in Deutschland, Ungarn und Großbritannien gemacht. Finanziert wurden sie von Bayer CropScience und Syngenta, den Herstellern der getesteten Neonicotinoide Clothianidin und Thiamethoxam. Die Forscher setzten in den drei Ländern Honigbienen, Erdhummeln und Rote Mauerbienen neben Rapsfeldern aus. An allen Standorten wuchsen auf einem Teil der Felder Pflanzen, deren Samen unter anderem mit NNIs behandelt worden war. Ein Ergebnis: In Großbritannien und in Ungarn sank die Überwinterungsfähigkeit der Honigbienen neben den NNI-Feldern. In Deutschland fanden die Forscher diesen Effekt nicht. Warum, können sie nicht genau erklären. In allen drei Ländern schmälerten Neonicotinoid-Rückstände in den Nestern zudem den Fortpflanzungserfolg der Hummel und der Wildbienen-Art.

Unabhängige Kollegen bewerten die Studie in Teilen problematisch. Es gebe methodische Schwächen, die gemessenen Parameter seien sehr grob. So variiere die Menge an Neonicotinoiden, die ausgebracht wurde, kritisiert etwa der Ökotoxikologe Carsten Brühl von der Universität Koblenz-Landau. Dennoch zeige die Studie klare Effekte auf Honig- und Wildbienen. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig ergänzt: "Die Studie scheint mir bezüglich des Versuchsaufbaus nicht angemessen gut vorbereitet worden zu sein." Eine Ansicht, die auch Forscher Menzel teilt.

In einer zweiten Studie maßen kanadische Forscher um Nadia Tsvetkov von der York University in Toronto die NNI-Belastung in Kolonien von Honigbienen, die neben Feldern oder fernab davon lebten. In den Kolonien neben den Feldern fanden sie deutlich häufiger NNIs und andere Chemikalien - in den Tieren sowie in Pollen und im Honig. Dies deute darauf hin, dass sich die wasserlöslichen NNI von den Feldern in die Umgebung ausbreiten, schreiben die Forscher. Sie zeigten etwa auch, dass das Hygieneverhalten der Bienen beeinträchtigt wurde und dass Fungizide die Giftwirkung der Neonicotinoide verstärken. "Beide Studien liefern keinerlei Anhaltspunkte für eine Entwarnung, ganz im Gegenteil", sagt Randolf Menzel.

Auch Motten, Schmetterlinge und Vögel sind betroffen

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Peter Neumann bei der Feldforschung.
Für Peter Neumann vom Institut für Bienengesundheit der Universität Bern steht schon lange fest, dass es unseren Bienen nicht gut geht. Und auch er macht unter anderem Neonicotinoide dafür verantwortlich. "Es gibt klare Beweise, dass bereits geringste Mengen Neonicotinoide solche chronischen Effekte auf Nützlinge haben können", sagt der Professor für Bienengesundheit bereits 2015. Die Studie "Academies Review insecticide harm" der Organisation "European Academies Science Advisory Council" (EASAC) zeigt, dass sich der vorbeugende Neonicotionoid-Einsatz unter anderem in einem frühen Tod von Königinnen und einer geringeren Fortpflanzungsrate bei Wildbienen auswirkt. Der Studie zufolge sind nicht nur Honigbienen, sondern auch Motten und Schmetterlinge betroffen, die ebenfalls Pflanzen bestäuben. Auch auf insektenfressende Vögel hätten die Pestizide Auswirkungen. Da immer mehr Nutzpflanzen benötigt werden, die auf Bestäubung angewiesen sind, gibt es der Studie zufolge ein zunehmendes "Bestäubungs-Defizit".

Bienen fliegen auf bestimmte Pflanzenschutzmittel: Sie meiden mit Neonicotinoiden behandelte Pflanzen nicht etwa, sondern steuern sie wohl sogar bevorzugt an. Beim Sammeln von Nektar und Pollen könnten sie deshalb mehr von den Schadstoffen aufnehmen als bisher angenommen, so Forscher aus Großbritannien und Irland. In der Vergangenheit lieferten mehrere Studien Hinweise darauf, dass die Mittel die Bienen beeinträchtigen, etwa indem sie ihr Lernvermögen und ihre Orientierungsfähigkeit stören.

Literatur
Bestäubungsimker
VideoMiet-Bienen im Einsatz
Die Obstbäume blühen und wollen bestäubt werden. Dafür sind auch "Miet-Bienen" im Einsatz.
Mediathek
VideoProblem Pestizide
Bienen meiden behandelte Pflanzen nicht und nehmen dadurch Giftstoffe auf.
Für Sie gelesen
Ein Bienen-Roman
"Die Geschichte der Bienen" von Maja Lunde behandelt das Thema Bienensterben als Roman. Und es ist ein Buch, das man nicht aus der Hand legen kann.