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Beifuß-Ambrosie © dpa Video
Gegen die Ambrosia könnte ihr alter Feind aus Nordamerika helfen
Käfer gegen Kraut
Ophraella communa soll Beifuß-Ambrosie bekämpfen
Der nordamerikanische Käfer Ophraella communa könnte die starke Allergien auslösende Beifuß-Ambrosie bekämpfen, hofft der Freiburger Ökologe Heinz Müller-Schärer.
Erste Ergebnisse seien vielversprechend: Der Käfer breitet sich mittlerweile wie die ebenfalls eingeschleppte Ambrosie aus. Ob allerdings dieser Neuling auch ökologische Nebenwirkungen habe, sei noch unklar.

Die ursprünglich in Amerika heimische Beifuß-Ambrosie fühlt sich in Europa besonders wohl und wird sich nach Erwartungen von Wissenschaftlern noch stärker ausbreiten als bisher erwartet. Die europäischen Populationen hätten sich weiterentwickelt und seien fitter geworden, berichteten Wissenschaftler des Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) und der Goethe-Universität Frankfurt. Die Forscher fordern eine nationale Strategie zur Bekämpfung der hochallergenen Pflanze.

Klimawandel und Saatgut verbreiten die Pflanze
Die Beifuß-Ambrosie (Ambrosia artemisiifolia), auch Beifußblättriges Traubenkraut oder Ambrosia genannt, profitiere vom Klimawandel. "Sie hat sich vermutlich aber auch evolutionär verändert", sagt der Frankfurter Geobotaniker Oliver Tackenberg. Die europäischen Samen seien nicht nur deutlich größer als die der amerikanischen Pflanzen, auch ihre Keimrate sei mit 92 Prozent fast doppelt so hoch. Europäische Jungpflanzen vertragen nach den Untersuchungen der Wissenschaftler außerdem mehr Frost.

Eine Erklärung könne sein, dass Krankheitserreger oder natürliche Feinde hierzulande fehlten. "Damit ist die Produktion chemischer Abwehrstoffe nicht mehr notwendig. Die freiwerdenden Ressourcen können in die Fortpflanzung gesteckt werden und in Form größerer Samen zu schnellerem Wachstum und einer erhöhten Konkurrenzkraft führen", vermutet Tackenberg.

Während das unscheinbare Kraut in Deutschland noch vergleichsweise selten vorkommt, ist es im Südosten Europas schon fester Bestandteil der Vegetation. "Wir müssen so schnell wie möglich aktiv werden", fordert BiK-F-Forscherin Marion Leiblein-Wild, Mitautorin der Studie. Nötig sei eine nationale Strategie wie in der Schweiz, wo jeder Bürger gesetzlich verpflichtet sei, Ambrosia-Vorkommen zu melden. In Deutschland gehe bisher jedes Bundesland anders mit dem Thema um.

Das Verbreitungsgebiet wandert nach Norden
Beifuß-Ambrosie Video
Die Pflanze sieht unscheinbar aus, aber ihr Pollen macht Vielen Probleme
Die Beifuß-Ambrosie belegt Platz fünf auf der Liste der 100 schlimmsten invasiven Arten. Die Frankfurter Forscher haben in einer Karte aufgezeigt, wie stark und in welche Gegenden Europas sich die Pflanze künftig voraussichtlich ausbreiten wird. Für einige Pollenallergiker haben Tackenberg, Sarah Cunze und Marion Leiblein gleich mehrere schlechte Nachrichten. Ihre Leidenszeit wird sich künftig in den Herbst hinein verlängern, denn Ambrosia artemisiifolia blüht erst im Spätsommer. Und mehr Menschen im Norden werden sie zu spüren bekommen: Das Verbreitungsgebiet verschiebt sich in den nächsten Jahrzehnten nach Norden, und es wird deutlich größer.

Grundlage solcher Prognosen ist eine "ökologische Nischenmodellierung", wie Umweltwissenschaftlerin Cunze erklärt. Dafür haben die Wissenschaftler vom BiK-F und der Goethe-Universität zwei Datenreihen kombiniert: die gegenwärtigen Fundpunkte der Pflanze und die Vorhersagen über die Klimaerwärmung.

Für den Süden Europas sagt das Modell voraus, dass die Beifuß-Ambrosie in einigen Jahrzehnten verschwindet. Dafür wird sie sich nach Norden und Nordosten ausbreiten: in weite Teile Frankreichs und Deutschlands, die Benelux-Staaten, Tschechien, Polen, die baltischen Staaten, Weißrussland und große Teile Russlands.

Menschliche Aktivität verbreitet die Pflanze schnell
Der Grund für die Ausbreitung ist nicht allein das Klima, so Tackenberg. Die globale Erwärmung und die dadurch verlängerte Vegetationsperiode begünstige zwar das Wachstum. Schuld sei aber der Mensch: Der Samen wurde und wird eingeschleppt durch kontaminiertes Saatgut und durch Vogelfutter aus Südosteuropa. "Da Ambrosia artemisiifolia sich überwiegend durch menschliche Aktivitäten verbreitet, erreicht sie neue Gebiete viel schneller als andere Arten, denen nur ihre natürlichen Ausbreitungsmechanismen zur Verfügung stehen."

Schätzungen zufolge reagieren 12 bis 20 Prozent der Deutschen allergisch auf diese Art. Genaue Daten gibt es nicht, weil die Betroffenen häufig auch unter anderen Allergien leiden, etwa gegen den Gemeinen Beifuß. Die Symptome sind ähnlich wie bei Heuschnupfen, aber die Ambrosie kann auch Asthma hervorrufen oder Hautreaktionen bei Kontakt mit der Pflanze.

Gefährlich ist sie, "weil sie schon mit relativ wenigen Pollen eine starke Reaktion auslösen kann", sagt Patientenberaterin Anja Schwalfenberg vom Deutschen Allergie- und Asthmabund. Schon sechs bis zehn Pollen pro Kubikmeter Luft gelten als mittlere Belastung, bei Gräsern bedürfe es dafür fünfmal so viel. Weil gegen das Kraut kein Kraut gewachsen ist, müsse das Ziel sein, "die Ausbreitung im Zaum zu halten", sagt Schwalfenberg.

Der Deutsche Allergie- und Asthmabund rät, kein Vogelfutter zu kaufen, das Ambrosia-Samen enthält, den Garten regelmäßig zu kontrollieren und jede dieser Pflanzen samt Wurzel auszureißen, in Tüten zu stecken und in den Hausmüll zu werfen, idealerweise vor der Blütezeit zwischen Juli und Oktober.

Mediathek: Im Gespräch
Video"Kontakt mit Ambrosia unbedingt vermeiden"
Der Freiburger Biologe Heinz Müller-Schärer warnt vor Kontakt mit Ambrosia, dem Beifußblättrigen Traubenkraut.
Infografik
© EAN LupeDie Verbreitung der Ambrosia in Deutschland
Glossar
Ambrosia artemisiifolia
Das Beifußblättrige Traubenkraut gilt als unscheinbares Unkraut am Straßenrand. Seine Blüten jedoch tragen Pollen, die Mediziner und Allergiker gleichermaßen fürchten.
Glossar
Neobiota - "neue" Arten
Neobiota ("neue Organismen") sind Organismen, die in einem Gebiet nicht heimisch sind, sondern eingewandert oder eingeschleppt sind.
Literatur
Links