Forscher am Gletschersee
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Christoph Mayer, Jäger des verlorenen Gletschereises.
Ein Teufelskreis
Gletscherschmelze lässt die Gletscher schneller schmelzen
Wenn Gletscher schmelzen, sorgt das dafür, dass sie noch schneller schmelzen: Ein feiner Nebel aus Wasserdampf bildet sich und staut die Wärme über dem Eis.
Bis zu 40 Prozent schneller taut das Eis, hat der bayrische Gletscherforscher Dr. Christoph Mayer beispielsweise am Tiroler Vernagtferner zeigen können. Während weltweit die Temperaturen um 0,9 Grad steigen, sind es in den Alpen 1,6 Grad. Angegriffen wird auch der Firn: Der zusammengesunkene und grobkörnige Altschnee wirkt sonst wie eine Schutzschicht. So hat der Vernagtferner in 20 Jahren zwölf Meter Eis verloren.

Deutschlands größter Gletscher, der Nördliche Schneeferner auf der Zugspitze, ist in der Rekordhitze des Sommers 2015 im Vergleich zum Vorjahr zwar deutlich stärker geschwunden. Doch der Münchner Glaziologe Wilfried Hagg will die insgesamt drei Zugspitz-Gletscher noch nicht aufgeben. Bei der aktuellen Schmelzrate werde vermutlich auch noch zur Jahrhundertmitte Gletschereis auf Deutschlands höchstem Berg zu finden sein. Neben drei Zugspitzgletschern gibt es in den deutschen Alpen noch den Watzmanngletscher und den Blaueis. Der Watzmanngletscher verlor von 2009 bis 2014 pro Jahr einen Meter Eis. Der Blaueis ist mittlerweile in zwei Teile zerbrochen.

Auch in Österreich und der Schweiz hat der Sommer 2015 den Gletschern in den Hochalpen stark zugesetzt. Nach zwei relativ kühlen, gletscherfreundlichen Jahren seien die Abschmelzraten in diesem Jahr wieder extrem gewesen, sagt Andrea Fischer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Andreas Bauder, Glaziologe an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich sagte, vor allem kleinere Gletscher bis unter 3000 Metern Seehöhe seien "komplett ausgeapert" - sie hatten ihre Altschneeschicht verloren und waren der Sonne ungeschützt ausgesetzt.

Risko und Chance durch schmelzende Gletscher
Forscher am Gletschersee
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Schweizer Forscher wollen wissern, was von den Gletschern bleibt.
Bis zu 600 Seen werden in der Schweiz entstehen, wenn die Gletscher schmelzen - Zürcher Forscher sehen darin sowohl Gefahren als auch Chancen. Von den Steilhängen, die früher vom Gletscher gestützt wurden, könnten Steine herabfallen, und von der brüchigen Gletscherzunge könnte sich Eis lösen. "Ein großer Absturz in einen See kann eine riesige Schwallwelle produzieren, die im Tal eine Flutwelle auslöst", schildert der Zürcher Geograf Wilfried Haeberli. "Wenn der Bergsturz gleich groß ist wie das Seevolumen, kann auf einen Schlag sogar der ganze See hereinbrechen. Der Berg kann sich Hunderte oder Tausende von Jahren Zeit lassen, um zu reagieren. Aber das Problem bleibt bestehen."

Ein Staudamm der richtigen Größe könnte diese Gefahr bannen, schätzen die Forscher. Gleichzeitig könnte man mit ihm ein Wasserkraftwerk betreiben.

Die Gletscher schmelzen überall auf der Welt

  • Himalaya: Im höchsten Gebirge der Welt schmelzen jedes Jahr viele Tausend Tonnen Himalaya-Eis. Allein Nepal hat mehr als 3200 Gletscher - noch. Von 1977 bis 2010 seien die vergletscherten Gebiete um fast ein Viertel geschrumpft, erklärt der Nepalese Samjwal Bajracharya. Jedes Jahr verlöre Nepal etwa 38 Quadratkilometer Gletscherfläche.
    Das Schmelzwasser füllt Gletscherseen, deren natürliche Dämme aus Felsen und Geröll plötzlich brechen können, wenn der Druck zu groß wird. Dörfer flussabwärts sind vermehrt von katastrophalen Überschwemmungen bedroht. Andere Bewohner müssen wegziehen, da es in höheren Regionen zu wenig Wasser gibt. "Direkt oder indirekt wird (die Gletscherschmelze) auch einen Einfluss auf die Stromgewinnung durch Wasserkraft, auf die Bewässerung in der Landwirtschaft und andere wirtschaftliche Faktoren des Landes haben", meint Bajracharya.
  • Anden: Besonders drastisch zeigt sich die Gletscherschmelze in Peru, wo es 2679 Gletscher gibt. Das sind 71 Prozent der weltweiten Tropengletscher. Mit 1300 Quadratkilometern ist die gesamte Eisfläche in den vergangenen 40 Jahren um 42,64 Prozent geschrumpft. Die Gletscherschmelze hat in Peru seit 1940 ein halbes Dutzend katastrophale Erdrutsche verursacht. Über fünfzig der zahlreichen Berglagunen, die aus der Gletscherschmelze entstehen, stellen eine Gefahr für Ortschaften an den Berghängen dar. Ein plötzlicher Anstieg des Wasserspiegels kann zu hohen Flutwellen und Erdrutschen führen.

    Die 9000 Einwohner von Carhuaz, zum Beispiel, hätten nur eine halbe Stunde Zeit, um die Stadt zu evakuieren, wenn die Lagune 513 am Vulkan Hualcán aus den Ufern tritt. An dieser Lagune begann 2011 - nach einer 28 Meter hohen Flutwelle im Vorjahr - der Aufbau eines Frühwarn-Systems, das heute auf alle Lagunen ausgeweitet wird.
  • Afrika:Der Kilimandscharo in Tansania - der höchste Berg Afrikas - wird je nach Expertenangaben in 10 bis 30 Jahren fast komplett eisfrei sein. 1912 habe es noch zwölf Quadratkilometer Eis in Gipfelnähe gegeben, aktuell seien nur noch 1,5 Quadratkilometer übrig, sagte der Innsbrucker Glaziologe Georg Kaser. Zum Eisrückgang gibt es verschiedene Meinungen.
    Für den US-Gletscherforscher Lonnie Thompson ist eindeutig der Klimawandel dafür verantwortlich. Kaser meint dagegen, das Eis auf dem Kilimandscharo gebe es nur wegen außergewöhnlicher Feuchtphasen, die in der Vergangenheit zum Aufbau der Gletscher geführt hätten. Eigentlich sei das Klima, das in der Region seit 10.000 Jahren vorherrsche, bis auf wenige kurze Ausnahmen nicht für Eisbildung geeignet. "Der Kilimandscharo ist einer der wenigen Berge, bei dem dieser Rückgang nichts mit dem Klimawandel zu tun hat", sagte Kaser. Die Gletscher von anderen Bergen in der Region, wie zum Beispiel dem Mount Kenya, würden jedoch stark unter dem Klimawandel leiden.

UN-Klimakonferenz
"Die Augen der Welt ruhen auf uns"
Mit dem Ziel, das ambitionierte Pariser Klimaschutzabkommen mit Leben zu füllen, hat heute in Marokko die UN-Klimakonferenz begonnen.
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VideoDie letzten ihrer Art
Der Hitzesommer 2015 hat den Gletschern überall in den Hochalpen stark zugesetzt. Vor allem kleinere Gletscher bis unter 3000 Metern Seehöhe seien "komplett ausgeapert".
Literatur
Studie des "World Glacier Monitoring Service" (PDF, 2015)