Versuchsfeld von Monsanto in Kanada © reuters
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Selbst in den USA ist Monsanto mit seinem Glyphosat mittlerweile äußerst umstritten.
Einsame Entscheidung
Glyphosat geht in der EU in die Verlängerung - ein Ende ist nicht in Sicht
Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hat für Ja gestimmt. Entgegen der mit dem Umweltministerium abgesprochenen Enthaltung. Damit bleibt Glyphosat auf dem Acker.
Kurz vor Ablauf der bisherigen EU-Zulassung von Glyphosat gab es in Brüssel eine überraschende Wende im Streit um die Zukunft des Wirkstoffes. Noch-Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt stimmte im Alleingang der weiteren Zulassung zu. Damit stimmten 18 der 28 Mitgliedstaaten für die Zulassungsverlängerung um fünf Jahre. Nötig wären mindestens 16 Mitgliedstaaten gewesen, die für 65 Prozent der EU-Bevölkerung stehen. Dieses zweite Kriterium wurde nun ganz knapp mit 65,7 Prozent erreicht, mit Deutschlands Ja-Stimme.

Bei einer ersten Abstimmung am 9. November hatte sich die Bundesregierung enthalten, weil das Umweltministerium als eines der beiden federführenden Ressorts gegen die Verlängerung war. Da damals die nötige qualifizierte Mehrheit für die Glyphosat-Verlängerung nicht erreicht wurde, musste nun am 27. November 2017 erneut im Berufungsausschuss abgestimmt werden. Bundesumweltministerin Hendricks ging auch dieses Mal davon aus, dass sich die Bundesregierung auch dort enthalten würde.

Belgien, Frankreich, Griechenland, Italien, Kroatien, Luxemburg, Malta, Österreich und Zypern stimmten gegen die Zulassungsverlängerung. Portugal enthielt sich. Wäre im Berufungsverfahren keine ausreichende Mehrheit der Mitgliedstaaten zusammengekommen, hätte wie schon 2016 die EU-Kommission über die Glyphosat-Verlängerung entscheiden müssen.

Kommt nach der Verlängerung die nächste Verlängerung?
Seine einsame und sehr umstrittene Entscheidung rechtfertigt Schmidt als "rein sachorientiert". Er habe damit zusätzlich umweltrelevante Bedingungen erreicht, anders als bei einer alleinigen Entscheidung der EU-Kommission. Schmidt sprach von einer "Stärkung der Rolle von Biodiversität und Tierschutz" und einer weiteren Aufklärung im Hinblick auf die gesundheitlichen Gefahren für den Menschen. Was genau er damit meint, blieb bislang unklar. Und auch sein Statement, der Glyphosat-Einsatz solle in Deutschland sehr stark reglementiert werden, bedarf noch genauer Erläuterungen von Schmidts Seite.

Der Minister, nicht gerade bekannt dafür, sich aus der Deckung zu wagen und Dinge voranzutreiben, hat mit seiner Entscheidung provoziert und für massiven politischen Ärger gesorgt. Aber er hat auch schnell Rückendeckung bekommen, wie von seinem Partei-Kollegen Alexander Dobrindt, der gleich verlautbarte, die Verlängerung bringe den landwirtschaftlichen Betrieben Klarheit und Sicherheit. Das findet auch der Deutsche Bauernverband (DVB) und sprach von einem "überfälligen und folgerichtigen Schritt". Die Begrenzung auf fünf Jahre sei "jedoch nur eine Minimallösung", künftige Zulassungsverfahren müssten "auf wissenschaftliche Grundlagen und Risikobewertungen" gestellt werden.

Der Pestizid-Industrie sind fünf Jahre zu wenig
Der US-Agrarkonzern Monsanto und weitere Hersteller von Glyphosat haben insgesamt "tief enttäuscht" auf die EU-Entscheidung zur Verlängerung des umstrittenen Unkrautvernichters reagiert. Zwar hätten die Mitgliedstaaten mit qualifizierter Mehrheit im Berufungsausschuss für eine erneute Zulassung von Glyphosat in der EU gestimmt, erklärte die Hersteller-Vereinigung GTF am Montagabend. "Der Genehmigungszeitraum beträgt aber lediglich fünf Jahre."

Der Zusammenschluss sprach außerdem von einer "diskriminierenden Entscheidung", die nicht der wissenschaftlichen Bewertung des Wirkstoffes entspreche. Das Ergebnis der Abstimmung sei vielmehr "das Resultat einer fehlgeleiteten öffentlichen Meinung und von politischer Einflussnahme", empörte sich der Hersteller-Zusammenschluss. Untersuchungen hätten ergeben, dass von Glyphosat "keine unvertretbaren Risiken ausgehen".

Frankreich will entgegen der EU-Entscheidung den Unkrautvernichter Glyphosat in spätestens drei Jahren verbieten. Präsident Emmanuel Macron erklärte am Abend nach der Abstimmung per Twitter, der Einsatz des umstrittenen Mittels werde untersagt, sobald es eine Alternative gebe, spätestens aber in drei Jahren.

Vertrauensvernichter Glyphosat
Der geschäftsführende Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt hat sein Votum in Brüssel nicht an ein Auslaufen des Wirkstoffes geknüpft. Also muss man ihn an seinen eigenen Aussagen messen, nach denen Deutschland den Einsatz stark reglementieren will. Da gibt es Handlungsspielräume für die Nationalstaaten, siehe Frankreich, denn sie sind es, die Handelsprodukte zulassen.

Für Schmidt selbst hat sein Vorpreschen in Sachen Zulassung vielleicht noch unangenehme Nebenwirkungen. Vertreter von SPD, FDP und Grünen warfen ihm einen Vertrauensbruch vor. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, Schmidt habe gegen die Geschäftsordnung der Regierung verstoßen.

In den USA klagen Krebspatienten gegen Monsanto

In den USA klagen Krebspatienten, die das glyphosathaltige Roundup als Verursacher ihrer Krankheit ansehen. In Gerichtsakten wird der Konzern zudem beschuldigt, entsprechende Studien manipuliert zu haben. Monsanto weist diese Vorwürfe zurück. Der Ausgang der Sammelklagen ist ungewiss. Glyphosat ist weltweit einer der am meisten eingesetzten Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln. Es hemmt ein Enzym, das für die Proteinsynthese in Pflanzen zuständig ist. Es tötet jede Pflanze, die nicht so verändert wurde, dass sie den Einsatz des Herbizids überlebt. Glyphosat wird vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt, aber auch zur Unkrautvernichtung in Parkanlagen, auf Bahngleisen und in Gärten.

Gutachter wertete Glyphosat-Bericht des Bundesinstituts als "Plagiat"

Zu Risiken und Nebenwirkungen gibt es viele Meinungen.
Zu Risiken und Nebenwirkungen gibt es viele Meinungen.
Für Sprengstoff sorgte in der Diskussion der Bericht des Plagiatsprüfers Stefan Weber: Nach seiner Einschätzung hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) für seinen Glyphosat-Bericht wesentliche Angaben von Herstellern des umstrittenen Unkrautgifts wörtlich übernommen. Es sei "offensichtlich, dass das BfR keine eigenständige Bewertung der zitierten Studien vorgenommen hat", erklärte Weber. Über "zahlreiche Seiten hinweg" seien Textpassagen "praktisch wörtlich übernommen" worden. Deutschland ist in der EU der Berichterstatter für Glyphosat.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kam zu dem Schluss, dass von bei sachgerechter Anwendung nicht von Gefahren für den Menschen auszugehen sei. Auch die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) hält den Stoff für wahrscheinlich nicht krebserregend bei Menschen, ebenso Europas Chemikalienagentur (Echa). Ähnlich sieht das ein Ableger der Weltgesundheits-Organisation (WHO), das Joint FAO/WHO Meeting On Pesticide Residues (JMPR). Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der WHO stuft die Substanz hingegen als wahrscheinlich krebserregend ein. Allerdings bewertet die Behörde die Beweislage dafür, dass Glyphosat Krebs auslösen könnte - und nicht das Risiko, tatsächlich an Krebs zu erkranken.

Kritiker: Gefahren für den Menschen sind möglich

Kritiker werfen den europäischen Behörden vor, die Bevölkerung nicht auf eine Glyphosat-Belastung hin zu untersuchen und Lebensmittel zu selten auf Rückstände zu testen. Zudem befürchten sie negative Auswirkungen auf das menschliche Hormonsystem und Fehlbildungen bei Kindern. Deutsche Landwirte spritzen das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, um alle Getreidepflanzen in einem Feld auf den gleichen Trocknungszustand zu bringen und so effizienter ernten zu können. In der Schweiz ist es nicht zugelassen. In Österreich wird Glyphosat noch verwendet, es läuft jedoch ein parlamentarisches Verfahren, es zu verbieten.

Es bleibt das Problem der Artenvielfalt

"Die Auswirkungen wurden nur für wenige ausgewählte Organismen getestet", so der Ökotoxikologe Dr. Werner Kratz. "Außerdem finden die maßgeblichen Untersuchungen in Laboratorien statt, nicht im Freiland. Weil Freilanduntersuchungen mit ihrer sehr komplexen Verknüpfung von Arten natürlich sehr viel schwieriger zu simulieren sind als eine Laborsituation." Das Herbizid vernichtet Ackerkräuter und damit die Nahrungsgrundlage für Insekten. Diese wiederum dienen Feldvögeln als Nahrung. Die Auswertung von mehr als 1000 Studien habe aber gezeigt, dass bestimmte glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel wegen anderer Inhaltsstoffe giftiger sein könnten als der Wirkstoff Glyphosat an sich, warnte Andreas Hensel vom BfR. Dies werde bei der Zulassung glyphosathaltiger Pflanzenschutzmittel berücksichtigt, fügte er hinzu.

Die Daten gaben Hensel zufolge keinen Anlass, "die gesundheitlichen Grenzwerte des Wirkstoffs wesentlich zu verändern". Bestehende Höchstwerte für Rückstände seien nach wie vor sicher für Verbraucher. Bei Bedarf könnten einzelne Höchstgehalte für Glyphosat sogar ohne Gefahr für Verbraucher angehoben werden, etwa wenn dies wegen neu beantragter Importtoleranzen erforderlich wäre, erklärte das BfR.

Gespräch
VideoZum Thema sprach nano am 28. November 2017 mit Heike Moldenhauer vom BUND Berlin.
Glossar
Glyphosat
Glyphosat ist weltweit einer der am meisten eingesetzten Wirkstoffe in Unkrautvernichtungsmitteln und das am weitesten verbreitete Pflanzengift. Es ist seit vielen Jahren umstritten.
Mediathek
VideoDer lange Streit um Glyphosat
Die EU-Kommission hat die Zulassung für den Unkrautvernichter Glyphosat um weiter 18 Monate verlängert. (Beitrag vom 30. Juni 2016)
Wirtschaftsdokumentation
Schöne neue Landwirtschaft?
Der Kauf des Gentechnikspezialisten Monsanto ist für die Bayer AG ein zweischneidiges Schwert: schlechte Reputation gegen gute Gewinne. Trotzdem: Der Mega-Deal könnte die Zukunft der Landwirtschaft erheblich verändern.
Wo Glyphosat sonst noch drin ist
Prost Mahlzeit!
Glyphosat hat des Deutschen liebstes Getränk erreicht: Das Pestizid ist im Bier gefunden worden. Auch wenn die Konzentrationen gering sind: Die Diskussion entfacht das neu.
Mediathek
VideoTeufel und Beelzebub
Das Unkrautvernichtungsmittel 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure (2,4-D) könnte gefährlicher sein als das in Verruf geratene Glyphosat, das es ersetzen soll. (Beitrag vom 10. Juli 2015)