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Aufschrift Glyphosat © dpa Video
Glyphosat darf vorerst weiter eingesetzt werden. (Beitrag vom 30. Juni 2016)
Gifte statt Vielfalt
Unkrautkiller weiter zugelassen
Die EU-Kommission hat die Zulassung für den Unkrautvernichter Glyphosat um weiter 18 Monate verlängert. Viele Landwirte dürften aufatmen, Umweltschützer sind enttäuscht.
Glyphosat ist in Europa nun bis zu 18 weitere Monate zugelassen. In dieser Zeit soll die europäische Chemikalienagentur Echa ein neues Gutachten zu möglichen Krebsgefahren durch die Substanz vorlegen. Daniel Dietrich von der Universität Konstanz, als Toxikologe Fachmann für Giftstoffe, hält davon wenig: "Tatsache ist, dass drei unabhängige Expertenkommissionen Glyphosat beurteilt haben; da wird auch die Echa keine neuen Erkenntnisse gewinnen können", meint er. Auf Grundlage des Gutachtens soll erneut entschieden werden.

Die EU-Staaten sind in der Frage gespalten. Zwar haben sich bei einer letzten Abstimmung am Freitag 19 von 28 Ländern für die Verlängerung der aktuellen Zulassung ausgesprochen. Das reichte allerdings nicht für die nötige Mehrheit. Ein Grund: Deutschland hat sich enthalten, weil die Bundesregierung in der Frage uneins ist. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Unionsparteien plädierten für die weitere Zulassung. Die SPD-Minister lehnten dies unter Verweis auf mögliche Gesundheitsgefahren ab.

Bei der Bewertung von Glyphosat gehen die Meinungen auseinander. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) geht bei sachgerechter Anwendung nicht von Gefahren für den Menschen aus. Auch die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) hält den Stoff für wahrscheinlich nicht krebserregend bei Menschen. Ähnlich sieht das ein Ableger der Weltgesundheitsorganisation WHOI, das Joint FAO/WHO Meeting On Pesticide Residues (JMPR). Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der WHO stuft die Substanz hingegen als wahrscheinlich krebserregend ein. Allerdings bewertet die Behörde die Beweislage dafür, dass Glyphosat Krebs auslösen könnte - und nicht das Risiko, tatsächlich an Krebs zu erkranken.

Glyphosat lässt Kleinlebewesen verschwinden
Ernte Lupe
Zu Risiken und Nebenwirkungen gibt es von jedem eine andere Meinung.
"Die Auswirkungen wurden nur für wenige ausgewählte Organismen getestet", so der Ökotoxikologe Dr. Werner Kratz. "Außerdem finden die maßgeblichen Untersuchungen in Laboratorien statt, nicht im Freiland. Weil Freilanduntersuchungen mit ihrer sehr komplexen Verknüpfung von Arten natürlich sehr viel schwieriger zu simulieren sind als eine Laborsituation." Das Herbizid vernichtet Ackerkräuter und damit die Nahrungsgrundlage für Insekten. Diese wiederum dienen Feldvögeln als Nahrung.

Die Auswertung von mehr als tausend Studien habe aber gezeigt, dass bestimmte glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel wegen anderer Inhaltsstoffe giftiger sein könnten als der Wirkstoff Glyphosat an sich, warnte Andreas Hensel vom BfR. Dies werde bei der Zulassung glyphosathaltiger Pflanzenschutzmittel berücksichtigt, fügte er hinzu.

Die Daten gaben Hensel zufolge keinen Anlass, "die gesundheitlichen Grenzwerte des Wirkstoffs wesentlich zu verändern". Bestehende Höchstwerte für Rückstände seien nach wie vor sicher für Verbraucher. Bei Bedarf könnten einzelne Höchstgehalte für Glyphosat sogar ohne Gefahr für Verbraucher angehoben werden, etwa wenn dies wegen neu beantragter Importtoleranzen erforderlich wäre, erklärte das BfR.

Kritiker: Gefahren für den Menschen sind möglich
Kritiker werfen den europäischen Behörden vor, die Bevölkerung nicht auf eine Glyphosat-Belastung hin zu untersuchen und Lebensmittel zu selten auf Rückstände zu testen. Zudem befürchten sie negative Auswirkungen auf das menschliche Hormonsystem und Fehlbildungen bei Kindern.

Deutsche Landwirte spritzen das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, um alle Getreidepflanzen in einem Feld auf den gleichen Trocknungszustand zu bringen und so effizienter ernten zu können. In der Schweiz ist es nicht zugelassen. In Österreich wird Glyphosat noch verwendet, es läuft jedoch ein parlamentarisches Verfahren, es zu verbieten.

Glyphosat ist weltweit einer der am meisten eingesetzten Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln. Es hemmt ein Enzym, das für die Proteinsynthese in Pflanzen zuständig ist. Es tötet jede Pflanze, die nicht so verändert wurde, dass sie den Einsatz des Herbizids überlebt. Glyphosat wird vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt, aber auch zur Unkrautvernichtung in Parkanlagen, auf Bahngleisen und in Gärten.

Mediathek
VideoZwei Meinungen
Glyphosat-Studien: ein weites Feld. (Beitrag vom 17. Mai 2016)
Glossar
Glyphosat
Glyphosat ist weltweit einer der am meisten eingesetzten Wirkstoffe in Unkrautvernichtungsmitteln und das am weitesten verbreitete Pflanzengift. Es ist seit vielen Jahren umstritten.
Glyphosat im Bier
Prost Mahlzeit!
Glyphosat hat des Deutschen liebstes Getränk erreicht: Das Pestizid ist im Bier gefunden worden. Auch wenn die Konzentrationen gering sind: Die Diskussion entfacht das neu.
Info
LupeGlyphosatverbrauch
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VideoUmstrittenes Glyphosat
Die deutsche Bundesregierung will sich einem Zeitungsbericht zufolge bei der EU für die weitere Zulassung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat aussprechen. (Beitrag vom 12. April 2016)