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Wer zu spät geht, der muss hungern: kein Futter auf Spitzbergen für Eisbären
Das Eis wird dünn
Klimawandel lässt Eisbären auf Spitzbergen hungern
Das Eis auf Spitzbergen schmilzt immer früher, was Eisbären in Nöte bringt: Diejenigen, die die Insel nicht rechtzeitig verlassen, müssen von ihren Fettreserven leben.
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Doch die Zeit, sich diese anzufressen, wird immer kürzer. Ausweichmöglichkeiten gibt es für viele Tierarten in diesem sensiblen Ökosystem nicht. 3000 Eisbären leben auf und um den Svalbard-Archipel mit seiner Hauptinsel Spitzbergen, die meisten von ihnen auf den östlichen Inseln des Archipels.

Eisbären sind zu ihrem Überleben auf das Packeis angewiesen, denn hier machen sie Jagd auf Robben, die ihre Hauptnahrung sind. Satellitenaufnahmen zeigen jedoch, dass die Gesamtoberfläche des arktischen Packeises in den Sommermonaten 2005 bis 2008 die geringste der vergangenen drei Jahrzehnte war. Zahlreiche Wissenschaftler fürchten, dass das Packeis schon in naher Zukunft in den Sommermonaten ganz schmelzen könnte, was katastrophale Auswirkungen für die Eisbären hätte. US-Forschern zufolge könnte die Eisbär-Population von heute bis zu 25.000 Tieren bis 2050 um zwei Drittel geschrumpft sein.

Schmelzendes Eis bedroht vor allem junge Bären
Da die Meereisfläche aufgrund des Klimawandels immer stärker abnimmt, müssten die Tiere immer längere Strecken schwimmend zurücklegen. Dabei drohten viele durch Erschöpfung zu ertrinken - besonders bei den Jungtieren steige die Sterblichkeitsrate, heißt es beim "World Wide Fund for Nature" (WWF).

Forscher der Organisation hatten 68 Eisbärweibchen mit GPS-Sendern ausgestattet. Das Ergebnis der zwar im Umfang kleinen, aber dennoch aufwendigen fünfjährigen Studie: Von den Eisbärmüttern, die Einzelstrecken von mehr als 30 Kilometern zurücklegten, verloren 45 Prozent ihr Junges. Bei den Eisbärjungen, die weniger als 30 Kilometer mit ihrer Mutter unterwegs waren, lag die Sterblichkeit dagegen bei 18 Prozent. Der Rekordwert an insgesamt zurückgelegter Strecke lag bei 687 Kilometern und 12 Tagen, berichten die Forscher.

Während in den frühen 1990er Jahren 65 Prozent der Jungen älter als ein Jahr wurden, ist die Rate seit 2001 auf 43 Prozent gesunken. "Wir können nicht definitiv sagen, dass unsere Beobachtung eine Folge der Veränderungen des Treibeises ist, aber wir wissen nicht, was es sonst sein sollte", sagte 2009 Steven Amstrup vom US-Institut für Geologie. Die Untersuchung ergab zudem, dass die seit 1990 gefangenen erwachsenen Eisbären kleiner waren als in den Jahren zuvor.

Die Erderwärmung und die damit verbundene Eisschmelze in der Arktis sind auch aus Sicht der Arktis-Anrainerstaaten die größten Feinde der Eisbären. Dänemark, Kanada, Norwegen, Russland und USA zeigten sich 2009 in einer gemeinsamen Erklärung "zutiefst beunruhigt" über den "anhaltenden und zunehmenden Verlust" des Eises, der die Bären mehr als alles andere bedrohe. Ein 1973 geschlossenes Abkommen zum Eisbär-Schutz hatte noch die Jagd als größte Gefahr für die Säugetiere bezeichnet.

Neben der Schmelze gefährden auch die zunehmende Schifffahrt, die Meeresverschmutzung sowie die Erforschung und Förderung von Öl- und Gasvorkommen in der Arktis die Eisbären. Seit 2006 werden die Tiere in der Kategorie "gefährdet" auf der Roten Liste der Naturschutzorganisation (IUCN) geführt. "Nicht nur Eisbär stirbt, sondern ganzes Ökosystem geht verloren", sagt Frank Barsch vom "World Wide Fund for Nature" (WWF).

Umweltgifte auf den Arktischen Inseln
Zudem gefährden Umweltgifte den Bestand: Forscher im arktischen Svalbard haben herausgefunden, dass jeder hundertste Bär Hermaphrodit ist, also die Sexualorgane beider Geschlechter besitzt. Vermutlich kommt der Effekt dadurch zustande, dass die Wildtiere PCBs (polychlorierten Biphenylen) ausgesetzt sind, die ihr Immunsystem schädigen. Das wurde auch an anderen Wildtieren in allen Teilen der Welt beobachtet, wenngleich das auf den Arktischen Inseln zwischen Norwegen und Nordpol bis vor einem Jahrzehnt unbekannt war.

PCBs wurden für elektrische Geräte produziert, und obwohl viele Länder sie jetzt verboten haben, gibt es ein Reservoir dieser Chemikalie, die in die Umwelt entwichen sind. Auf den Arktischen Inseln gibt es eine kurze und einfache Nahrungskette vom Plankton über den Fisch zum Bären.

Weibliche Bären auf Svalbard bekommen männliche Genitalien, einen Penis-ähnlichen Stumpf - im Unterschied zu anderen Tierarten, bei denen in der Regel die Männchen "verweiblichen". Betroffen sind auch Arktis-Möwen auf Grund der PCBs, des DDTs und der Dioxine.

Eisschmelze treibt Eisbären zum Kannibalismus
Die Eisschmelze im Polarmeer könnte Eisbären dazu treiben, sich gegenseitig zu fressen, befürchten US-amerikanische und kanadische Forscher. Die Wissenschaftler entdeckten, dass sich Eisbären auch gegenseitig auffressen - offenbar aus Hunger. Zwar kann es vorkommen, dass die mächtigen Säugetiere sich gegenseitig töten, jedoch geschieht dies nur zur Regulierung der eigenen Population oder bei Rangkämpfen. Kannibalismus zum Stillen des Hungers ist in 40 Jahrzehnten Eisbärforschung noch nicht vorgekommen, berichten die Wissenschaftler.

Interaktiv
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Im Amazonas-Regenwald oder im Grönländischen Eisschild könnten schon kleine Veränderungen schwere Folgen für das Klima haben, fanden Klimaforscher aus Potsdam heraus.
Mediathek
Video"Kindergarten" der Eisbären leidet an Klimawandel
Auch das Eis an der sibirischen Wrangel-Insel schmilzt immer früher, und "das macht Eisbären schwer zu schaffen", schildert Ranger Igor Petrovitsch Olejnikov. (Beitrag vom 13. Februar 2012)
Infografik
LupeDie Nord-West-Passage und die Nord-Ost-Passage sind mittlerweile im Sommer eisfrei
Glossar
Arktis - die eisige Zone des "großen Bären"
Die Arktis ist das um den Nordpol gelegene Land- und Meergebiet im Nördlichen Polarkreis. Der größte Teil besteht aus dem zu 80 Prozent von Eis bedeckten Nordpolarmeer, das das Zentrum der Arktis ist.
Infografik
LupeDie Wrangelinsel
Verzicht auf Quote
Russland hatte für 2011 ein Jagdverbot für Eisbären erlassen. Eine gemeinsame Kommission der USA und Russlands hatte sich 2010 darauf geeinigt, dass in beiden Ländern jährlich je 29 Eisbären getötet werden dürfen. Russland verzichtete allerdings auf die Ausschöpfung dieser Quote und hat ein vollständiges Jagdverbot erlassen.
Literatur
Pagano AM et al (2011) Long-distance swimming events by adult female polar bears in the southern Beaufort and Chukchi seas. (Abstract, WWF, PDF)
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