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Wolf vor Ruine Video
Wölfe gehören zu den Gewinnern der Katastrophe. (Beitrag vom 26. April 2016)
Die Natur kehrt zurück
Viele Tiere kommen mit der Strahlung zurecht
Forscher entdecken in der Tierwelt rund um Tschernobyl immer wieder Mutationen durch die Strahlung. Aber trotz allem hat die Natur die Katastrophenzone zurückerobert.
"Die Radioaktivität bleibt und hat negative Folgen", erklärt Denis Wischnewski, der als Biologe im Sperrgebiet rund um den havarierten Reaktor arbeitet. Beispielsweise haben die Tiere in der Region weniger Nachkommen und sterben früher. "Aber diese negativen Folgen sind nicht so bedeutend wie die Tatsache, dass der Mensch nicht mehr eingreift", sagt er. "Als die Menschen gingen, kam die Natur".

Die 130.000 Menschen, die im Umkreis von 30 Kilometern um das Kernkraftwerk lebten, mussten ihre Häuser verlassen. Viele von ihnen wurden krank. Und auch die Natur schien schwer getroffen: Zehn Quadratkilometer Kiefernwald starben ab, zahlreiche Vogelarten, Nagetiere und Insekten verschwanden. Nun aber nehme die Zahl der Tiere und die Artenvielfalt enorm zu, sagt Biologe Wischnewski - trotz der nach wie vor hohen radioaktiven Belastung.

Das Militär bewacht die Sperrzone, offiziell darf niemand mehr dort leben. 300 meist ältere Bewohner sind dennoch in ihre Häuser zurückgekehrt. Doch Flora und Fauna scheinen diese wenigen nicht zu stören. An Stelle des abgestorbenen Waldes ist ein neuer, gesunder gewachsen. Selten gewordene einheimische Tierarten wie die Luchse siedelten sich wieder an. Nur Tiere, die von den Feldern und Abfällen der Menschen leben, wie Weißstörche, Spatzen und Tauben, sind nicht mehr zu sehen.

Wildpferde haben in der Sperrzone Fuß gefasst
Stattdessen sticht eine Herde Przewalski-Pferde ins Auge. Sie sind Nachkommen einer Handvoll Pferde, die 1990 im Rahmen eines Experiments in das Sperrgebiet gebracht wurden. Und tatsächlich fasste die vom Aussterben bedrohte Rasse in der verstrahlten Zone Fuß. Inzwischen streifen rund einhundert von ihnen über die einstigen Felder.

Wischnewski spricht von einer "Renaissance der Natur". Andere Wissenschaftler sind weniger euphorisch. "Natürlich breiten sich einige Tiere aus, wenn man ein Gebiet abschottet", sagt der Biowissenschaftler Tim Mousseau, der mit seinem Team seit Jahren die Artenvielfalt in Tschernobyl und neuerdings auch im japanischen Fukushima untersucht. Aber das dürfe nicht über die fatalen Folgen der Verstrahlung hinwegtäuschen, sagt er. "Selbst der Ruf des Kuckucks ist davon betroffen."

Auch Marina Schkwyrja vom Zoologischen Institut Schmalhausen in Kiew warnt davor, das Sperrgebiet als Naturreservat zu idealisieren. "Die Zone ist einzigartig, aber trotzdem nicht gerade ein Paradies für die Tiere", sagt sie. Dazu gebe es viel zu viele Pirschjäger, Wilderer und auch Touristen.

Biologe Wischnewski ist dennoch zuversichtlich. Wenn der Wald sich erst einmal über die verlassenen Felder ausbreite, würden sich Flora und Fauna noch weiter vervielfältigen, prophezeit er. "Diese Tiere sind vermutlich die einzige gute Folge der schrecklichen Katastrophe."

Arten vertragen die Strahlung unterschiedlich gut
Mäuse, die permanent um Tschernobyl leben, verkraften die radioaktive Strahlung besser als beispielsweise Zugvögel wie Schwalben. Das hat der ukrainische Biologe Sergej Gaschtschak herausgefunden: Obwohl Mäuse stark verstrahlt sind, machen sie einen gesunden Eindruck. Schwalben hingegen haben Tumoren an Füßen und Augen. Auch legen sie stark verkleinerte Eier, weiß Prof. Timothy Mousseau von der Universität von South Carolina: "Wir haben in den vergangenen Jahren 15 verschiedene Anomalien gefunden, von denen zehn nirgendwo anders auf der Welt beobachtet worden sind." Ungleich lange Schwanzfedern erschweren das Fliegen.

Während Birken die Strahlung gut verkraften, haben Kiefern unterschiedlich lange Nadeln. Sojabohnen besitzen veränderte Proteine für die Zellkommunikation und können darum gut mit den Folgen der Strahlung auskommen. Das haben Forscher um Martin Hajduch von der Uni Bratislava herausgefunden.

Bereits 2000 hat ein internationales Forscherteam um Olga Kovalchuk vom Friedrich-Miescher-Institut in Basel festgestellt, dass die Strahlung die Mutationsrate in Weizen um den Faktor sechs erhöht. Bereits nach nur einer Generation zeigten die Pflanzen in Reaktornähe eine Mutationsrate von 6,63 Promille im Vergleich zur Kontrolle von 1,03 Promille. Das ergibt - auf das gesamte Erbgut hochgerechnet - 80.000 Einzelschäden. Alle diese Schäden erscheinen in der Keimbahn: Sie werden an die nächste Generation weitergegeben. Eine chronische Strahlenbelastung, so das Fazit der Wissenschaftler, verursacht offenbar bislang unbekannte Effekte.

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© Nikolaus GeyrhalterPripyat
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Glossar
Tschernobyl
Die Katastrophe von Tschernobyl gilt als der bislang schwerste Unfall bei der zivilen Nutzung der Atomenergie. Am 26. April 1986 um 01.23 Uhr geriet der Reaktor außer Kontrolle.
Literatur
Møllera AP, Mousseau T (2011) Efficiency of bio-indicators for low-level radiation under field conditions. Ecol Indicators 11: 424 - 430