Mann in Gewächshaus Video
Für jeden Bedarf die passende Sorte - die Vielfalt ist in Deutschland bedroht
Gestreifte Tomaten
Initiativen wollen Obst- und Gemüsesorten erhalten
Der "Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt" (VEN) hat eine Datenbank mit 6000 Frucht- und Gemüsesorten aufgebaut.
"Wir kennen allein 800 Tomatensorten", sagt die Vorsitzende Ursula Reinhard. Wie die "Green Zebra", eine gelbgrüne Frucht mit dunkelgrünen Streifen: "Schnittfest und mit einem saftigen Geschmack."

Der Rückgang der Sorten sei in den letzten Jahrzehnten dramatisch gewesen, klagt Reinhard: "Dabei brauchen wir die Vielfalt. Wir benötigen die Resistenzen für unser Überleben." Vielfalt der Sorten heißt auch Vielfalt von Widerstandskräften gegen unterschiedliche Schädlinge oder extreme klimatische Bedingungen - Potenziale, die auch bei der Züchtung neuer Sorten von Nutzen sein können.

Der Verein in niedersächsischen Schandelah arbeitet mit staatlichen Genbanken und Universitäten zusammen, die das Wissen für die Pflanzenzüchtung nutzen. Eine Reihe kurioser Früchte oder Gemüse gerät so nicht in Vergessenheit wie die "Dänische Spargelkartoffel", eine gurkenförmige Feinschmeckerkartoffel, oder die festkochende knubbelige Kartoffelsorte "Tannenzapfen".

"Man kann sich speziell für seine Umweltbedingungen und für seinen Boden speziell die Sorten zusammenstellen und aussuchen", schildert Thomas Ebel vom VEN. "Die Vielfalt ist da." Verkaufen können Initiativen wie der Verein in Schandelah vieles von ihrem Saatgut jedoch nicht, weil es vom Bundessortenamt in Hannover in Übereinstimmung mit dem Saatgutverkehrsgesetz zugelassen werden muss. Das ist zu teuer und zu aufwändig für viele alte Sorten. "Also geben wir unser Saatgut gegen eine Spende ab", so der Verein. Viele Hobbygärtner seien immer wieder überwältigt von der Vielfalt der Salate, Kartoffeln, Kräuter und Getreidesorten in ihrem Besuchergarten.

Gen-Schatzkammer für künftige Generationen
Gang mit Sorten Lupe
Zahlreiche Sorten lagern in Gatersleben
"Kulturpflanzen sind ein Kulturgut, das über 10.000 Jahre von unseren Vorfahren erhalten und entwickelt wurde", sagt Prof. Andreas Graner vom Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben. "Wir erhalten das Material, um die in diesen Pflanzen enthaltenen genetischen Ressourchen wieder zu nutzen." Hier sammeln Wissenschaftler Getreidesorten, erforschen ihre genetischen Codes und versuchen, durch natürliche Kreuzung Pflanzen zu züchten, die gegenüber bestimmten Klimabedingungen oder Schädlingen besonders resistent sind.

Das IPK verfügt über eine einmalige Genbank von 150.000 Kulturpflanzenmustern und ist damit das größte Forschungszentrum Deutschlands und weltweit bekannt. 460 Mitarbeiter verwalten fast einen Hektar Labor- und Gewächshausnutzflächen und mehr als 20 Hektar Ackerflächen.

Ein ganzes Dorf nutzt Vielfalt für den Tourismus
Zahlreiche Initiativen in ganz Deutschland haben sich die Pflege der genetischen Vielfalt zur Aufgabe gemacht. Der Verein "Dreschflegel" züchtet, vermehrt und vertreibt ökologisches Saatgut, darunter viele alte Sorten von Kohl, Blattgemüse und Hülsenfrüchten. Im badischen Eichstetten hat ein ganzes Dorf die Arbeit mit der Sortenvielfalt als touristische Attraktion erkannt. Die lokale Stiftung "Kaiserstühler Gärten" zeigt in einem Schaugarten über 400 Sorten. "5000 Besucher kommen jedes Jahr vorbei", sagt Gärtner Christian Hiß. "Viele wegen unserer 35 Tomatensorten."

Über fehlende Besucher kann auch Hans-Joachim Bannier sich nicht beklagen. Der Bielefelder Apfelkundler führt regelmäßig durch sein "Lebendes Museum alter Obstsorten". Stolz verweist er dann auf "die älteste deutsche Apfelsorte, den Edelborsdorfer" oder seinen "Allergiker-Apfel", genannt Prinz Albrecht von Preußen.

Zahlreiche Kulturpflanzen sind bedroht
Butterkohl, Malarbarspinat und die Duwicker Möhre, die in Deutschland Jahrhunderte lang auf dem Speisezettel standen, sind auf landwirtschaftlichen Betrieben nicht mehr anzutreffen und vom Aussterben bedroht. Die Vielfalt der Nutztierrassen sowie der Kulturpflanzenarten und -sorten ist geschrumpft. "Auf nur sieben Säulen ruht die Welternährung, auf sieben Pflanzenarten, von denen sich die Menschheit im Prinzip ernährt", sagt Karl Hammer, Professor für landwirtschaftlich genutzte Vielfalt (Agrobiodiversität) an der Universität Kassel/Witzenhausen. Weizen, Mais, Reis und Kartoffel führen die Liste an. "Wenn ich eine ständig wachsende Menschheit mit nur sieben Pflanzenarten ernähre, kann ich mir die damit verbundenen Gefahren im Voraus ausmalen." Neue Schädlinge oder Pflanzenkrankheiten können sich gravierend auf die Lebensmittelversorgung auswirken.

Die fortschreitende Industrialisierung und Spezialisierung der Landwirtschaft, die nur mit wenigen auf Hochertrag gezüchteten Rassen und Sorten produziert, hat den alten Reichtum lokal angepasster Züchtungen verdrängt. In den 1980er Jahren schlugen Wissenschaftler und die UN-Ernährungsorganisation (FAO) Alarm. Nach jahrelangen Verhandlungen wurde ein "Übereinkommen über Schutz und Nutzung der Pflanzengenetischen Ressourcen" verabschiedet.

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