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Sendung
23. Mai 2013
Mann arbeitet an Hochspannungsmasten Video
Das deutsche Stromnetz ist nicht auf Strom aus Wind und Sonne ausgelegt
Im Atomzeitalter steckengeblieben
Stromnetz in Deutschland ist nicht sehr flexibel
Das das deutsche Stromnetz steckt noch im Zeitalter der Großkraftwerke fest. Es ist träge und bisher eher unflexibel.
Nach dem Krieg sowie in den 1970er und 1980er Jahren gab es einen Bauboom, als immer mehr Atom- und Kohlekraftwerke gebaut wurden. Es entstand eine Stromerzeugung nahe der Verbrauchszentren, etwa im Ruhrgebiet oder in Bayern und Baden-Württemberg, wo die Industrie viel Strom braucht.

Die deutschen Stromleitungen sind 1,7 Millionen Kilometer lang. Das ist viermal so lang wie die Entfernung von der Erde zum Mond. Dennoch reicht das nicht, um immer mehr Strom aus Windrädern und Solaranlagen einzuspeisen. Hinzu kommt der zunehmende Stromhandel in der EU, um möglichst niedrige Preise zu garantieren: Hierfür fehlen grenzüberschreitende Stromautobahnen.

Der älteste Strommmast ist 85 Jahre alt
Mann arbeitet an Hochspannungsmasten Lupe
Bisher ist nur wenig Geld in den Ausbau des Stromnetzes geflossen
Das Durchschnittsalter der Höchstspannungsmasten liegt 2011 bei 32 Jahren. Laut Bundesnetzagentur sind die ältesten Strommasten sogar 80 bis 85 Jahre alt. Derzeit gibt es vier Übertragungsnetzbetreiber ("50Hertz", Tennet, Amprion und "EnBW"), die Höchstspannungsleitungen mit einer Länge von 35.000 Kilometern regeln. 600 Mitarbeiter sorgen allein beim ostdeutschen Betreiber "50Hertz" dafür, dass 9700 Kilometer lange Stromautobahnen mit einer Spannung von 380 oder 220 Kilovolt (kV) und 69 Umspannwerke reibungslos funktionieren.

Daneben gibt es Leitungen mit weniger Spannung, vergleichbar mit Bundes-, Land- und Gemeindestraßen, die den Strom nach einer Umwandlung in Umspannwerken mit der richtigen Spannung zur Steckdose bringen. Die Mittelspannung (30 bis 3 kV/ Länge: 497.005 Kilometer) und die Niederspannung (400 oder 230 Volt/Länge: 1,12 Millionen Kilometer) machen den größten Bereich des Netzes aus, sie sorgen dafür, dass der Strom von den Autobahnen bis ins letzte Dorf kommt. Die Verteilnetze liegen in den Händen von 870 Verteilnetzbetreibern, was es nicht einfacher macht beim Netzausbau, da jeder eigene Interessen verfolgt.

Der Wetterbericht gehört seit einigen Jahren zum wichtigen Arbeitsinstrument der Netzbetreiber. Der Ausbau der erneuerbaren Energien stellt das Netz vor ungeahnte Probleme, weil vor allem im Norden und Osten Windräder viel Strom produzieren, dort aber keine Verbrauchszentren liegen und der Strom abtransportiert werden muss. Hinzu kommt Strom aus Solaranlagen, der von überall ins Netz drückt.

Strom über Bahntrassen hat "begrenztes Potenzial"
Da wo es bisher nur dünne Leitungen der unteren Spannungsebenen gibt, braucht man nun teilweise dickere Stromseile - eine Aufrüstung mit Hochtemperaturseilen kann auch den Neubaubedarf von bis zu 3600 Kilometern an neuen Stromautobahnen reduzieren. Eine Nutzung des Bahn-Stromnetzes, wo entlang der Trassen neue Masten aufgestellt werden, ist hingegen wohl kaum möglich. "Nach bisheriger Einschätzung werden die Nutzungspotentiale aufgrund technischer und planungsrechtlicher Erwägungen als sehr begrenzt eingestuft", heißt es in einer Regierungsantwort auf eine Grünen-Anfrage. Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) will das nun aber noch einmal genau prüfen. "Die Bundesregierung verheddert sich im Bahnstromnetz", kritisiert die Grünen-Energieexpertin Ingrid Nestle das Hin und Her.

In den vergangenen Jahrzehnten ist zu wenig Geld in den Netzausbau geflossen. Die Agentur für erneuerbare Energien verweist darauf, dass der Bundesverband der Energieabnehmer (VEA) den Betreibern in der Vergangenheit vorwarf, die Ausgaben in die Netze zwischen 1995 und 2004 halbiert zu haben. Dennoch gab es bisher kaum Blackouts. 2005 aber brach im Münsterland die Versorgung zusammen, weil Hochspannungsmasten den Schneemassen nicht standhielten. Der Bund der Energieverbraucher warf den Netzbetreibern wiederholt vor, sie nähmen 17 bis 20 Milliarden Euro jährlich an Netzentgelten ein, investierten aber lediglich zwei bis drei Milliarden.

Die Netzentgelte machen 30 Prozent des Strompreises für die Verbraucher aus. Die Betreiber wollen nun Milliarden in den Netzausbau investieren, das kann zu steigenden Entgelten und damit weiter steigenden Strompreisen führen. Es gilt auch das europäische Netz für mehr Stromimporte- und -exporte zu stärken. Hier wird der Investitionsbedarf in allen EU-Staaten auf 200 Milliarden geschätzt.

Durch die vorübergehende Abschaltung von acht Atomkraftwerken kommt verstärkt Atomstrom aus Frankreich und Tschechien. Das Umweltministerium verweist darauf, dass es trotz der AKW-Abschaltung auch umgekehrt laufen kann. So sei am windstarken 7. April 2011 mit 57 Gigawattstunden fast doppelt so viel Strom exportiert wie importiert worden.

nano spezial
Was kostet der Ausbau des Stromnetzes?
Um aus der Atomenergie auszusteigen, muss Deutschland das Stromnetz ausbauen. 1300 Kilometer Hochspannungsleitungen müssen her.
Erneuerbare Energien
Stromnetz zu unflexibel
"Wir brauchen kleinere und dezentrale Anlagen und nicht Kohle- oder Kernkraftwerke, denn diese sind technisch zu inflexibel."
Literatur
Wang C, Prinn RG (2010) Potential climatic impacts and reliability of very large-scale wind farms. Atmos Chem Phys 10: 2053 - 2061