Ingolf Baur
Ingolf Baur moderiert - und lädt Sie ein, sich selbst ein Bild von ihm zu machen.
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Ingolf Baur - Physiker sucht Randbedingungen
nano-Moderator seit dem Sendestart 1999
Jetzt soll ich hier beschreiben, wer ich bin, dabei weiß ich's doch selbst nicht so genau. Natürlich gibt's jede Menge Fakten, Randbedingungen, wie es die Wissenschaft nennt, aber machen die mich aus?
Geboren bei Stuttgart, dort aufgewachsen, in schwäbischem Geist erzogen, mit siebzehn nach Amerika für ein Jahr an der Highschool, Physikstudium in Hamburg mit Schwerpunkten in Astronomie und Biophysik. Dann Diplom an der Teilchenkanone "Hera" bei "Desy", wo mit meiner schuhkartongroßen und mit Elektronik voll gestopften selbst gebastelten Kiste zum ersten Mal die Intensität des Strahls bestimmt werden konnte. Danach ein, zwei Jahre für Gesang, Oper und die italienische Sprache gelebt. Und seit 1995 Wissenschaftsfernsehen.

Aber was sagt das schon über mich aus? Es gibt sowieso gar kein Ich, behauptet die Hirnforschung. Alles Illusion. Geschickt eingefädelt von der Evolution, um vorzugaukeln, dass da etwas ist, das sagt, wo es lang geht. Ein Vehikel, um überhaupt funktionieren zu können. Wissenschaftliche Theorien können ganz schön schräg sein. Je mehr sie unserer Wahrnehmung widersprechen, umso mehr sind die Wissenschaftler von ihnen begeistert. Tiefere Wahrheit soll sich gerade dort verbergen, wo wir es mit unserem Alltagsverstand nicht mehr kapieren. Etwa wenn die Quantenphysik behauptet, dass Licht gleichzeitig Teilchen und Welle sein kann. Schizophren sozusagen, eine multiple Persönlichkeit. Auf jeden Fall können wir es nicht festnageln. So ähnlich wie mit meinem Ich.

Oder wenn die Quantenphysik von Teilchen berichtet, die sich gigantisch weit voneinander entfernt haben und trotzdem unsichtbar verbunden sind. Nicht über die bekannten Kräfte, sondern geheimnisvoll gekoppelt. Der "common sense" nennt das Spuk, die Forscher sprechen von tieferer Wahrheit. Das fasziniert mich an Wissenschaft: Dass sie Erklärungen findet für Merkwürdigkeiten, die wir nicht mal bemerkt haben. Dass sie Zusammenhänge liefert, von denen wir - wenn überhaupt - nur die Auswirkungen auf der Oberfläche sehen.

Da sind wir wieder beim Ausgangsproblem: Wer bin ich? Wie lautet die tiefere Wahrheit in mir? Auf der Oberfläche gibt's da noch jede Menge zu entdecken: eine Familie mit Frau und Tochter; ein fast unstillbarer Drang nach Bewegung, am liebsten rudernd im Wasser oder radelnd in den Bergen; eine tiefe Begeisterung für Kunstlieder, sehr gerne sogar aus dem eigenen Hals tönend. Aber macht mich das erklärbar? Zeigt das den tieferen Zusammenhang in mir, die Erklärung dahinter? Bin ich auch ein Quantenobjekt? Ja klar!

Wenn man mich immer weiter zerlegen würde, aufdröseln, zertrümmern, bis auf die Ebene der Moleküle, Atome, Neutronen, Protonen und Austauschteilchen, dann bliebe nur noch Quantenphysik von mir. Mein gesunder Menschenverstand wäre dahin, der Rest wäre eine quantenphysikalische Unschärfe. Und das Nichts. Denn genau genommen ist da nichts: Wenn man sich ein Atom auf Fußballarenagröße aufgeblasen vorstellt, dann hätte der Atomkern gerade mal die Größe eines Reiskorns. Also gibt’s mich gar nicht?

Doch natürlich. Aber erklären tut es mich nicht. Also mach ich's so wie Sie. Ich schau' auf den Fernsehschirm auf der Suche nach meinem Ich. Und auch nach 15 Jahren frage ich mich jedes mal: Bin ich das? Klar, wer denn sonst? Aber eigentlich ist es nur ein blasses Abbild von mir. Und auch HDTV wird daran nichts ändern können. Außer, dass dann auch noch die allerkleinsten Fältchen zu sehen sein werden. Ich kenn' mich, aber ich kann nicht sagen, wer ich bin. Ich bin an der Aufgabe gescheitert. Setzen, sechs. Versuchen Sie's. Machen Sie sich ein Bild von mir, vielleicht entstehe ich in Ihrem Kopf klarer und lebendiger, als jede Beschreibung sein kann.