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Mann trinkt Wasser © dpa
Viel zu trinken ist wichtig, aber zu viel Wasser kann gefährlich werden
Weit über den Durst getrunken
Zu viel Wasser kann Menschen sogar töten
Zu viel Wasser zu trinken kann sogar töten: Eine "Wasservergiftung" schadet den Nieren, deren Zellen osmotisch platzen können.
In den USA musste ein Radiosender Entschädigung an die Familie einer jungen Frau zahlen, die nach einem Wassertrink-Wettbewerb des Senders gestorben war. Ein Gericht in Kalifornien verurteilte den Sender KDND-FM im Oktober 2009, elf Millionen Euro zu zahlen. KDND-FM hatte zwei Jahre zuvor einen obskuren Wassertrink-Wettbewerb gestartet. Sieger sollte sein, wer das meiste Wasser trinkt, ohne auf die Toilette zu gehen oder sich zu erbrechen. Für den Sieger wurde eine Nintendo-Spielekonsole ausgelobt. An dem Wettbewerb nahm auch die 28-jährige Jennifer Strange teil. Sie gewann nicht, klagte aber anschließend bei Kollegen über Kopfschmerzen und musste nach Hause gehen. Wenig später wurde sie tot aufgefunden. Eine Autopsie ergab, dass sie an einer Wasservergiftung starb.

Magen und Darm können ohnehin nur acht Liter pro Stunde aufnehmen. Trinkt man zu schnell, schließt sich der Magenausgang, um einen Überdruck im Darm zu verhindern. Ein Liter pro Stunde geht ins Blut über, wo es die Nieren anregt, mehr Urin zu bilden. Bis zu 50 Milliliter können dort pro Minute entstehen - normalerweise bildet sich diese Menge in einer Stunde.

Wasser ist gut - zu viel muss aber nicht sein
1,5 Liter Wasser am Tag solle man trinken, meint Susann-Cathérine Ruprecht vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung. "Wasser ist kalorienfrei - man nimmt über das Getränk keine zusätzlichen auf." "Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass man drei Liter Wasser am Tag trinken muss", sagt Dr. Rachel Vreeman von der Indiana-Universität. Vreeman glaubt, dass der Glaube an die Wassermenge auf eine Empfehlung des US-Ernähungsrats von 1945 zurückgeht. Doch die Grundlage dafür habe sich verändert: Die Menschen in den Industrieländern essen jetzt - anders als direkt nach dem Zweiten Weltkrieg - ganz anders.

Vor allem Früchte und Gemüse, aber auch Soßen enthalten viel Wasser. Gleiches gelte für Kaffee und Softdrinks, die man bei den "acht Gläsern am Tag" berücksichtigen müsse.

Dr. Heinz Valtin von der Universität Dartmouth meint: "Es ist schwer zu glauben, dass uns die Evolution mit einem chronischen Wasserdefizit ausgestattet hat." Studien zeigten vielmehr, dass die meisten Menschen mit weniger Wasser recht gut zurechtkommen. Bei drei Litern sammele man mehr Schadstoffe, müsse häufiger Wasser lassen, lebe mit mehr Kosten und vielleicht Schuldgefühlen, dass man eben doch zu wenig trinke.

Auch sei es noch nicht "schon zu spät", wenn man Durst bekomme, wie so mancher "Experte" behaupte - Durst empfindet man, wenn die Blutkonzentration um zwei Prozent steige - Dehydrierung werde aber erst ab fünf Prozent diagnostiziert. Auch bedeute dunkler Urin nicht zwingend eine Dehydrierung. Drei Liter könnten zu viel sein, sofern man nicht gerade Sport treibe oder in heißem Klima lebe

Wasser beim Sport: mal ja, mal nein, mal vielleicht
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Grundsätzlich soll man ja viel trinken, nur: Wie viel ist viel?
Allerdings sollte man gerade beim Sport nicht zu viel trinken, meint der südafrikanische Sportmediziner Timothy David Noakes. Zu viel Flüssigkeit vor, während oder nach den Übungen kann zu starkem Salzmangel im Körper führen und sogar tödlich enden. Bis Ende der 1960er Jahre war Athleten empfohlen worden, bei Wettkämpfen gar nicht zu trinken, da man annahm, die Flüssigkeitsaufnahme beeinträchtige das Leistungsvermögen. Diese Lehrmeinung wurde 1969 auf den Kopf gestellt: Damals folgte der Rat, während des Sports viel zu trinken, was jedoch nie durch Studien belegt wurde.

Kurz nach diesem Meinungsumschwung kam es zu Todesfällen bei Sportlern, Soldaten und Wanderern, die zu viel getrunken hatten. Der Sportmediziner rät generell dazu, sich nach dem persönlichen Flüssigkeitsbedürfnis zu richten. Dies liege bei sportlichen Übungen in der Regel bei 0,4 bis 0,8 Litern Flüssigkeit pro Stunde.

Kaffee entwässert den Körper in der Regel nicht
Lupe
So schnell ist man nicht entwässert
Entgegen der landläufigen Meinung wirkt Kaffee nicht entwässernd. Koffeinhaltige Getränke können nach Angaben des Berufsverbandes Deutscher Internisten daher durchaus in die tägliche Flüssigkeitsbilanz einbezogen werden. Als Durstlöscher seien Kaffee und Schwarztee jedoch trotzdem nicht zu empfehlen. "Mehrere Studien haben in den letzten Jahren gezeigt, dass sich die Wirkung von Kaffee auf den Flüssigkeitshaushalt des Körpers kaum von der von Wasser unterscheidet", erklärt der Münchner Internist Prof. Johannes Mann. Wer Kaffee trinke, scheide bis zu 84 Prozent der aufgenommenen Flüssigkeit innerhalb eines Tages wieder über den Urin aus. Wer reines Wasser trinke, scheidet bis zu 81 Prozent aus - ein vernachlässigbarer Unterschied.

Kurzzeitig erhöhe Koffein zwar die Filterfunktion der Nieren, so dass mehr Urin gebildet werde. Dieser Effekt lasse aber schnell wieder nach. Auch die Zusammensetzung des Urins unterscheidet sich nach Kaffee-Genuss nicht. "Allerdings hängt die Wirkung von Kaffee oder Tee stark davon ab, ob jemand an Koffein gewöhnt ist: Bei regelmäßigem Genuss reagiert der Körper schwächer", erklärt Mann. Auch das Alter, Medikamente oder Krankheiten könnten die Wirkung von Koffein beeinflussen.

"Allgemein aber gilt: Koffein-Mengen bis 550 Milligramm Koffein täglich - das entspricht etwa fünf bis sieben Tassen - sind unbedenklich, was den Flüssigkeitshaushalt angeht", sagt der Nierenspezialist. Trotz dieser Erkenntnisse wird Koffein laut Mann vielfach immer noch entwässernde Wirkung zugeschrieben. Demnach könne Koffein den Elektrolyt-Haushalt durcheinanderbringen und sei deshalb insbesondere vor körperlicher Anstrengung schädlich.

"Diese Warnungen sind definitiv übertrieben. Trotzdem sollte man Kaffee oder Tee natürlich nicht gegen den Durst trinken, denn sehr viel Koffein kann den Blutdruck erhöhen", betont der Experte. Mineralwasser oder Saftschorlen seien sehr viel besser geeignet, Flüssigkeitsverluste auszugleichen.

Mit viel Wasser kann man sich nicht schlank trinken
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Schlank wird man so nicht
"Wenn man vor einer Mahlzeit ein Glas Wasser trinkt, nimmt man auch weniger Energie aus der Nahrung auf", so Susann-Cathérine Ruprecht. Ob Wasser aber so satt macht, dass man weniger isst, lässt sich anhand von Studien nicht belegen, sagen Dr. Dan Negoianu und Dr. Stanley Goldfarb von der Pennsylvania-Universität. Mit drei Litern Wasser am Tag kann man auch nicht "seine Nieren spülen", wie mancher gerne vermutet. Überhaupt bringe so viel Wasser keinen wissenschaftlich nachweisbaren Nutzen für die Gesundheit.

Auch gebe es nur eine einzige Studie, ob Wassermangel Kopfschmerzen auslöse - und die ist statistisch nicht signifikant. Und für eine straffere Haut durch so viel Wasser gebe es auch keinen wissenschaftlichen Beleg. Zu wenig schade aber auch, meint Michael Boschman vom Franz-Volhard-Zentrum für Klinische Forschung: "Durch das Wasser ändert sich der Turgor der Haut und sie gewinnt Spannkraft. Je besser der Hydrationszustand ist, desto besser die Funktionsfähigkeit und besser die Stoffwechselfunktion."

Negoianu und Goldfarb sagen: Es gibt keine Belege für den Nutzen von viel Wasser - aber eben auch keine Belege dagegen: "Es gibt überhaupt keine Beweise."

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Andy Losleben geht dort in die Tiefe, wo die Wissenschaft noch zweifelt: 1,5 Liter Wasser am Tag solle man trinken, meint Susann-Cathérine Ruprecht vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung. "Wasser ist kalorienfrei - man nimmt über das Getränk keine zusätzlichen auf."
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Kampf ums Trinkwasser
Die EU will den Markt für die Wasserversorgung öffnen. Dagegen wehren sich die EU-Bürger - und haben schon genug Unterschriften für ein Volksbegehren gesammelt.
Die Frage
"Warum 'zählen' Tee, Kaffee und Bier nicht, wenn man 1,5 Liter trinken soll?" (Peter Reusch, Wörth am Rhein)
Literatur
Informationen zu den genannten Studien finden Sie bei Eurekalert: