Forscherin hält Müll
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Ob Netze im Meer oder winzige Plastikfresser - nichts hilft wirklich gegen Müll im Meer außer Vermeiden.
Den Strudel einfangen
Plastik müllt alle Weltmeere zu - und ihm ist nicht leicht beizukommen
Im Pazifik schwimmt nach neuen Erkenntnissen von Forschern deutlich mehr Plastikmüll als bisher angenommen.
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Auch Albatrosse im Südatlantik sind Opfer des immer größer werdenden Plastik-Problems.
Es ist ein riesiger Müllstrudel im Meer, der sogar schon einen Namen hat: "Great Pacific Garbage Patch" heißt die Fläche zwischen Hawaii und Kalifornien, die nach einer neuen Studie 1,6 Millionen Quadratkilometer groß ist. Das ist mehr als vier Mal die Fläche Deutschlands. Wissenschaftler aus den Niederlanden werteten Flugzeugbilder von dem Strudel aus und untersuchten mehr als eine Million Plastikproben aus dem Pazifik. Diese hätten ergeben, dass die Müllhalde im Ozean sich über eine vier bis 16 Mal größere Fläche ausbreite als bisher bekannt, heißt es in der Untersuchung. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass unter anderem der Tsunami in Japan im Jahr 2011 zur Ausbreitung des Plastikmülls beigetragen hat. Ungefähr die Hälfte davon besteht nach der Studie aus alten Fischernetzen oder ähnlichem Material. Deshalb sei der Müll auch eine große Gefahr für Fische, Schildkröten und andere Meeresbewohner. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift "Scientific Reports" veröffentlicht.

Bisher gibt es mehr Visionen als Erfolge
Die Idee ist so einfach wie genial: Mit gigantischen Fangarmen will der junge Niederländer Boyan Slat die Weltmeere von Plastik befreien. Im Sommer 2018 soll sein Projekt "The Ocean Cleanup" auf den Müllstrudel angesetzt werden - getestet wurde das System im Mai vor der Küste San Franciscos. "Die Zeit drängt", sagt der 23-jährige. Seine Idee erregte international Aufmerksamkeit und über Crowdfunding kam schließlich genug Geld für das Projekt zusammen: Ende 2017 waren es 31,5 Millionen US-Dollar. Unterstützt wird das Vorhaben von zahlreichen Universitäten und Unternehmen - und seit kurzem auch vom niederländischen Staat. Inzwischen wurde die Anlage perfektioniert: Zwei Kunststoffrohre von je 600 Metern Länge werden zu einem gigantischen "U" gekoppelt, nach unten reicht eine Art Vorhang zum Abfangen des Mülls. "Eigentlich bauen wir eine Art künstliche schwimmende Küstenlinie", erklärt Slat.

Plastikmüll lässt sich aber nicht komplett aus den Ozeanen entfernen: "Es wäre viel sinnvoller zu verhindern, dass Plastikmüll ins Meer gelangt", sagt der Kieler Ökologe Dr. Mark Lenz. Schiffe oder Bojen, die mit Netzen die winzigen Kunststoffteile aus dem Wasser fischen oder Bakterien, die das Plastik auffressen sollen - das sind Visionen, die sich großflächig nicht umsetzen lassen. "Wir müssen verhindern, dass noch mehr Plastik ins Meer gelangt", so Lenz. "Wenn wir das im Griff haben, dann können wir vielleicht Mal darüber nachdenken, wie wir den Plastikmüll aus dem Meer herausholen, der da jetzt schon drin ist."

Deutschland ist kein guter Plastik-Vermeider

Deutschland steht bei der Vermeidung von Plastikmüll im EU-Vergleich nicht gut da. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln produzierte jeder Bundesbürger zuletzt jährlich 37,4 Kilogramm Abfall aus Plastikverpackungen. Das waren über sechs Kilogramm mehr als der EU-Durchschnitt. Den Ergebnissen zufolge wird weltweit immer mehr Plastik produziert: 2015 waren es rund 322 Millionen Tonnen und damit sieben Mal so viel wie Mitte der 1970er Jahre. In der EU nahm der Plastikverpackungsmüll zwischen 2005 und 2015 um zwölf Prozent zu - in Deutschland waren es sogar 29 Prozent, wie die Studie ergab. Noch mehr Plastikmüll pro Kopf als die Deutschen produzierten zuletzt nur drei Länder: Irland (60,7 Kilogramm), Luxemburg (52) und Estland (46,5). Am besten schnitten die Kroaten mit 12,4 Kilogramm Plastikmüll pro Kopf ab.

Wird Plastikmüll nicht recycelt oder verbrannt, sondern auf Deponien geschafft, landet es durch Verwehungen oder Fortspülungen oft im Meer. Eine Möglichkeit, die Meere zu verschonen, ist Recycling. Dabei schneidet Deutschland besser ab: In der Bundesrepublik wird der Studie zufolge fast die Hälfte (49 Prozent) des Mülls aufbereitet, im EU-Durchschnitt sind es nur 40 Prozent. Noch vorbildlicher sind Tschechien mit 62 Prozent, Bulgarien mit 61 Prozent und die Niederlande mit 51 Prozent. Trotzdem werde in Europa "noch immer viel zu wenig dafür getan, dass der Müll recycelt werden kann", sagt die IW-Umweltökonomin Adriana Neligan.

Meere voller Plastik: Müllmenge könnte sich bis 2025 verdoppeln

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Vor allem ostasiatische Staaten sind für den Müll im Meer verantwortlich.
Bis zu 30 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle landen jedes Jahr in den Ozeanen, schätzt das deutsche Umweltbundesamt. Doch an der Oberfläche treibt nur ein Bruchteil davon. Die Länder, aus denen der meiste Müll stammt, sind China, Indonesien, die Philippinen, Vietnam und Sri Lanka. Die USA liegen auf Platz 20 und sind damit auch das einzige Industrieland in den Top 20. Die Schätzungen basieren auf der Müllmenge, die in den 192 Ländern mit einer Meeresküste pro Kopf produziert wird. Berücksichtigt wurde in dem Rechenmodell zudem der geschätzte Anteil an Plastikmüll und die Menge des Mülls, der nicht fachgerecht entsorgt wird.

Zerkleinert zu Mikroplastik sinkt er Richtung Meeresgrund, wird von Fischen und anderen Meerestieren aufgenommen - und kann so auch wieder auf unseren Tellern landen. Noch ist völlig ungeklärt, ob die winzigen Partikel für die menschliche Gesundheit gefährlich sind. Trotzdem fordern Wissenschaftler einen radikalen Wandel im Umgang mit Plastik.

Als Mikroplastik gelten winzige Partikel, die kleiner als fünf Millimeter sind. Sie entstehen zum einen, weil der Plastikmüll mit der Zeit im Wasser zerschrotet oder durch Wellen und UV-Strahlung zerkleinert wird. Die Partikel gelangen aber auch auf direktem Weg ins Meer: Feines Plastikgranulat wird häufig in Kosmetikprodukten wie Peelings, Duschgels oder Zahnpasta verwendet. Auch beim Waschen synthetischer Kleidung wird Mikroplastik freigesetzt.

Mikroplastik gefährdet winzige Lebewesen

Grafik Plastikpartikel sammeln Giftstoffe aus dem Wasser.
Plastikpartikel sammeln Giftstoffe aus dem Wasser.
"Mikroplastik ist mittlerweile überall angekommen, sei es in Fischen, Garnelen oder Zooplankton", sagt der Helgoländer Meeresbiologe Gunnar Gerdts. Das Umweltbundesamt warnt in seiner Studie: "Mikropartikel, deren Größe kleiner als fünf Millimeter ist, können genauso wie größere Kunststoffteile zu mechanischen Verletzungen des Verdauungstraktes führen, die Verdauung behindern sowie die Nahrungsaufnahme blockieren." Völlig ungeklärt sind dagegen noch die Auswirkungen für den Menschen, wenn er etwa mit Mikroplastik belastete Meeresfrüchte isst. "Wir wissen immer noch nicht, wie gefährlich das ist", sagt Gerdts. Bislang sei nur in Einzelfällen nachgewiesen worden, dass Mikroplastik in Fischen vom Darm ins Muskelgewebe übergeht. Ob in Fisch, wie er auf dem Teller landet, also überhaupt Mikroplastik enthalten ist, sei unklar. Es könne zudem sein, dass Mikroplastik auf ganz anderen Wegen zum Menschen gelange - etwa durch Feinstaub in der Luft. "Wir sind ja überall von Kunststoff umgeben", sagt Gerdts.

Zudem haben Forscher herausgefunden, dass Kläranlagen Mikroplastik kaum zurückhalten. Besonders Fasern wie von Fleecepullovern seien häufig im Wasser gefunden worden, erklärt Gerdts. Der Wissenschaftler bezeichnet die Studie allerdings als Momentaufnahme, der weitere Untersuchungen folgen müssten.

Für Gerdts ist klar: "Es ist besser, etwas gegen die Ursachen zu unternehmen und nicht erst, wenn das Mikroplastik im Gewässer ankommt." Zum einen müssten vermehrt Kunststoffe eingesetzt werden, die biologisch abbaubar sind. Zum anderen liege die Lösung in einem radikalen Wandel des Konsumverhaltens. "Da hilft es, das Gehirn einzuschalten und zu überlegen, was man im eigenen Handeln und Tun verändern kann - zum Beispiel im Supermarkt mal eine Plastiktüte weniger mitnehmen."

Expeditionen dokumentieren Müll in Weltmeeren

Forscher Egal, wohin Meeresbiologen reisen - der Plastikmüll ist schon da.
Egal, wohin Meeresbiologen reisen - der Plastikmüll ist schon da.
Vor allem unvergängliches Plastik verschmutzt die Gewässer, wie ein Bericht des UN-Umweltprogramms (Unep) und der Schutzorganisation "Ocean Conservancy" anklagt. Plastik, vor allem in Form von Tüten und PET-Flaschen, sei rund um den Globus der am weitesten verbreitete marine Müll und mache in manchen Meeren bis zu 80 Prozent aller Abfälle aus. Auch das Rauchen trägt demnach erheblich zur Verschmutzung der Meere bei. Mit mehr als 25 Millionen Stück stellten Zigarettenfilter und Zigaretten sogar den größten Anteil an den 103 Millionen Stück marinem Müll, die für die Untersuchung katalogisiert wurden.

Wie viel Müll insgesamt in den Ozeanen schwimmt, wurde schon in früheren Studien berechnet. Laut einer Studie, die im August 2014 veröffentlicht wurde, treiben allein 269.000 Tonnen Plastikmüll an der Wasseroberfläche.

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Fast alle Alltagsgegenstände bestehen zumindest teilweise aus Kunststoffen. Der am häufigsten hergestellte Kunststoff ist Polythen, das in Plastiktüten oder Mülltonnen steckt.