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Die Zahl der als Versuchstiere verwendeten Primaten ist 2017 deutlich gestiegen.
Leiden im Labor
Entwicklung von weiteren Alternativmethoden ist dringend nötig
740.000 Tiere sind in Deutschland 2017 für wissenschaftliche Zwecke getötet worden. Weitere zwei Millionen Tiere wurden für Tierversuche eingesetzt.
Diese Zahlen hat die Bundesregierung der EU-Kommission gemeldet. Laut Bundeslandwirtschaftsministerium bewegen sich die Werte auf dem Niveau des Jahres 2016. Am häufigsten setzten Wissenschaftler dem Bericht zufolge Mäuse ein, insgesamt 1,37 Millionen Tiere. Hinzu kamen 255.000 Ratten und 240.000 Fische sowie 3300 Hunde und 718 Katzen. Deutlich gestiegen ist die Zahl der verwendeten Affen: Sie lag im vergangenen Jahr bei 3472 Tieren, 2016 waren es noch 2462. Laut der Initiative "Tierversuche verstehen" liegt diese Schwankung in der Bandbreite der Abweichungen in der Vergangenheit.

Laut dem Bericht wurden 50 Prozent der Tiere im Bereich der Grundlagenforschung eingesetzt. Bei 27 Prozent ging es um die Herstellung oder Überprüfung von Medikamenten. Weitere 15 Prozent nutzten die Wissenschaftler unmittelbar zur Erforschung von Krankheiten.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) kommentierte die Zahlen mit den Worten: "Ich will, dass die Zahl der Tierversuche kontinuierlich gesenkt wird. Tiere sind Mitgeschöpfe. Sie verdienen unser Mitgefühl." Dort wo Experimente an Tieren unerlässlich seien, müsse weiter an Alternativen geforscht werden, diese fördere ihr Ministerium finanziell. Die Grünen im Bundestag kritisierten das als ungenügend. Renate Künast, tierschutzpolitische Sprecherin ihrer Fraktion, sagte: "Wir brauchen jetzt eine klare Ausstiegsstrategie."

In der Öffentlichkeit haben Tierversuche kein gutes Standing
Tierversuche - alleine dieses Wort erfüllt viele mit Grauen. Und dafür gibt es Gründe: In der Vergangenheit wurden Experimente durchgeführt, um Kosmetika oder Waffen zu testen. Für emotionale Debatten sorgten auch Versuche mit Menschenaffen. Seit den 1990er Jahren hat sich aber - zumindest in Deutschland und dem restlichen Europa - diesbezüglich viel getan. Dazu haben nicht zuletzt der Druck von Tierschützern und die Empörung der Bürger beigetragen. Wann zum Beispiel Versuche an genetisch modifizierten Mäusen zu medizinischen Zwecken wirklich notwendig sind, ist zwar immer noch umstritten. Aber es gibt heute in Wissenschaft und Medizin ein gewachsenes Bewusstsein um das Wohl der Tiere - und strenge Genehmigungsverfahren.

Was wird an Tieren getestet?
Bei Tierversuchen für die Grundlagenforschung ist es das Ziel, herauszufinden, wie Organismen funktionieren. Oft ist dieses Verständnis die Grundlage dafür, Medikamente oder Therapien gegen Erkrankungen zu entwickeln. Zum Beispiel werden so Autoimmunkrankheiten erforscht oder genetische Grundlagen von Erkrankungen untersucht. Versuchstiere werden zudem für Gewebe- und Organentnahmen getötet - was aber in der Wissenschaft nicht als Tierversuch gilt. Weitere Versuche dienen der Erprobung von Medikamenten und Wirkstoffen. Anwendungsgebiete sind auch Veterinärmedizin und Ausbildung. Kosmetika, die in Tierversuchen getestet wurden, sind seit 2013 in der EU verboten.

Der älteste gesetzlich vorgeschriebene Tierversuch zur Prüfung der Arzneimittelsicherheit darf ab 2019 in Europa nicht mehr durchgeführt werden. Die Prüfung auf anomale Toxizität (ATT) wurde vor mehr als 100 Jahren eingeführt, damals, um die Sicherheit des Diphtherie-Impfstoffs zu testen. Seitdem wurde die Prüfung als Sicherheitstest bei Arzneimitteln verlangt. Als Versuchstiere werden Mäuse oder Meerschweinchen eingesetzt. Der Test war im Europäischen Arzneibuch vorgeschrieben, wird nun aber gestrichen.

Welche Prinzipien gibt es bei Tierversuchen in der Forschung?

Für Wissenschaftler, die mit Tierversuchen arbeiten, gilt laut deutschem Recht seit 2013 das 3R-Prinzip: Dieses besteht aus "Reduction", die Reduktion der Versuchstiere auf ein nötiges Mindestmaß, "Replacement", nach Möglichkeit das Einsetzen von Alternativen und "Refinement", das Minimieren der Belastung der eingesetzten Versuchstiere. Fragen zu den Prinzipien werden in dem Genehmigungsantrag für den Tierversuch von dem Wissenschaftler beantwortet und von einem Tierschutzbeauftragten geprüft.

Was wurde kürzlich durch Tierversuche entdeckt?

Mit Hilfe von genetisch modifizierten Mäusen haben Forscher zum Beispiel spezielle Proteine, die Plaques bilden, entdeckt - wahrscheinlich lösen diese Alzheimer aus. Zudem wurde eine neue Brustkrebstherapie entwickelt, die Arzneimittelresistenzen verringert. Und die Gründe für die Insulinresistenz, die für die meisten Diabetesfälle verantwortlich sind, entdeckt.

Welche Alternativen gibt es?

Zu den Alternativen zählen In-Vitro-Experimente mit Zellkulturen, moderne bildgebende Verfahren wie die Computertomographie, die Magnetresonanztomographie oder Simulationen am Computer. Manche Untersuchungen lassen sich aber derzeit durch alternative Methoden noch nicht abdecken - der Forschungsbedarf ist hier noch enorm. So unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung derzeit mehr als 500 Projekte zur Entwicklung von Alternativmethoden.

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