Demonstration © dpa
Mit dem "March for Science" ging die Wissenschaft zum ersten Mal auf die Straße.
Mit dem "March for Science" ging die Wissenschaft zum ersten Mal auf die Straße.
Raus aus der Opferrolle
Wissenschaftler sollen sich selbst ins Gespräch bringen
"Wer als Wissenschaftler auf die Medien wartet, ist auf dem Holzweg", sagt der Wissenschaftsjournalist Prof. Carsten Könneker. nano sprach mit ihm über das Phänomen "March for Science".
Der March for Science ist eine internationale Demonstration für den Wert von Forschung und Wissenschaft, gegen "alternative Fakten" und die Etablierung einer "postfaktischen Ära".

Wie sehr Wissenschaftler selbst in der Pflicht sind, ihre Erkenntnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist umstritten. Prof. Karsten Könneker hat dazu eine klare Haltung. Er ist Wissenschaftsjournalist und Chefredakteur der Zeitschriften Spektrum der Wissenschaft, Gehirn und Geist sowie des Wissenschaftsportals spektrum.de Seit 2012 ist er außerdem Inhaber des Lehrstuhls für Wissenschaftskommunikation am Karlsruher Institut für Technologie.


Könneker: Zu wenig Macht im Sinne von öffentlicher Wahrnehmung nicht. Ich glaube, dass wir in Deutschland ziemlich viel Wissenschaft im öffentlichen Raum haben, dass es da auch viele Anstrengungen seitens der wissenschaftlichen Institutionen gibt, Wissenschaft unters Volk zu bringen. Es gibt auch viele neue Formate wie Science Slams, Science Blogs. Dazu haben wir einen - im internationalen Vergleich - robusten Wissenschaftsjournalismus, der dazu beiträgt. Das ist eine gute Sache. Gleichwohl kann man sich natürlich fragen, inwiefern Wissenschaft noch bei den politischen Entscheidungen, die anstehen, stattfindet - die ja auch evidenzbasiert und faktenbasiert sein sollen. Zum Beispiel, wenn es um den Ausstieg aus der Braunkohle und den Umgang mit dem Klimawandel oder mit den Dieselmotoren geht. Und da darf man durchaus skeptisch sein, ob hier nicht viel eher Wertentscheidungen aus der Politik den Ausschlag geben und man nicht wirklich da hin hört, wo die Evidenz geschaffen wird.


Könneker: Der erste March for Science ist ein interessantes Phänomen gewesen. Zum allerersten Mal - und so ein bisschen auch als Graswurzelbewegung - geht die Wissenschaft weltweit auf die Straße. Das ist ja eigentlich nicht so ihr Ding. Man ist häufig abgeschottet von der Öffentlichkeit, forscht im Verborgenen, im Labor oder in Archiven. Da ist der March for Science schon ein starkes Zeichen gewesen. Man kann da jetzt von zwei Seiten draufgucken. Ein konkreter Fall ist Heidelberg – da bin ich gewesen, da waren etwa 1000 bis 2000 Teilnehmer beim March for Science. Und Heidelberg hat allein 25.000 Studenten! War das jetzt ein gutes oder ein schlechtes Ergebnis?

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Carsten Könneker im Interview mit nano.
Das gleiche kann man für Berlin mit 10.000 Teilnehmern fragen. Ist das vielleicht etwas, was gar nicht richtig wahrgenommen wurde oder war das ein großer Erfolg? Das will ich jetzt gar nicht beurteilen. Interessant aber ist: was heißt es für die Menschen, für die Wissenschaft zu marschieren? Da haben wir am KIT eine Umfrage gemacht, die haben wir über Twitter gestreut. Die Umfrage war nicht repräsentativ, deshalb muss man sie vorsichtig auslegen. Aber es ist die einzige Stichprobe, die da überhaupt genommen wurde. Wir haben da eine Reihe von Motiven abgefragt und da hat man ganz klar gesehen: der Großteil der Leute, also annähernd 100 Prozent haben Aussagen unterstützt wie: "Ich möchte, dass in der Politik mehr Evidenz gehört wird, dass Entscheidungen, die unsere Gesellschaft betreffen mehr wissenschaftsgestützt ausfallen." Oder "ich möchte dem Populismus und dem postfaktischen Denken entgegentreten und dafür gehe ich auf die Straße".

Was zum Beispiel in Deutschland deutlich weniger eine Rolle gespielt hat - dafür gibt es jedenfalls Anzeichen - war: "Ich möchte konkret gegen Donald Trump und die Politik der neuen US-Regierung auf die Straße gehen." Das würde wahrscheinlich anders aussehen, hätte man in den USA die Menschen gefragt. Als neues Format der Wissenschaftskommunikation neben Science Blogs, Science Slams, Science Cafés ist der March for Science ein sehr interessantes Phänomen.


Könneker: Ja, ich denke, man muss die Rolle der Wissenschaftler in der Wissenschaftskommunikation tatsächlich kritischer hinterfragen. Jemand, der sagt: Die Zeitung ruft mich nicht an und interviewt mich nicht, ich kann also gar nicht in die Öffentlichkeit vordringen, ich bin jetzt beleidigt - der ist wirklich auf dem Holzweg im 21. Jahrhundert. Denn man hat es heute mehr als je zuvor selbst in der Hand, Wissenschaft in Teile der Öffentlichkeit hineinzutragen - auch die eigene Wissenschaft. Ob das jetzt neue digitale Formate sind, wie Bloggen oder Social Media, TED Talks oder Videos über die eigene Forschung oder ob das auch neue offline Formate sind, wie Science Slams und Kinderuniversitäten. Es gibt einen ganzen Strauß von Möglichkeiten, sich ins Gespräch zu bringen. Einzelne Wissenschaftler machen das und manche von denen erreichen ein massenmediales Publikum. Und es gibt manchen Forscherblog, der mehr gelesen wird als irgendein Artikel von einem Wissenschaftler in einer auflagenstarken Zeitung, wo man einfach fragen muss: Wie viele Leute lesen wirklich diesen Artikel auf Seite 37?

Natürlich ist das jetzt nicht jedermanns Ding. Es gibt auch Wissenschaftler, die sagen: Ich will gar nicht in die Öffentlichkeit - am Ende kriege ich auch einen Shitstorm ab - da gibt es auch diffuse Ängste. Man kann das auch ein Stück weit respektieren. Aber wenn man sagt, dass Wissenschaft in einer demokratischen Gesellschaft ausreichend Gehör finden soll - und das würde ich so unterschreiben - dann muss man auch dafür sorgen, dass die Wissenschaft sichtbar und erfahrbar wird - dass sie auch über Personen erfahrbar wird. Und in der heutigen Medienwelt ist das einfach eine deutlich komplexere Angelegenheit als vor zwei Jahrzehnten, wo im Wesentlichen die Zeitungen, die Fernsehsender den Daumen drauf hatten, was große Öffentlichkeit erreicht.


Könneker: Da spitzt sich was zu - das glaube ich. Und das gehört auch ursächlich mit den Sozialen Netzwerken zusammen. Ich gehörte auch zu denjenigen, die gesagt haben: wunderbar, ein großes Werkzeug der Demokratisierung - vielleicht auch der Demokratisierung der Wissenschaft. Wir sehen jetzt aber doch sehr stark, und das kann man auch wissenschaftlich erforschen, dass es da Effekte gibt, die wir so nicht auf der Rechnung stehen hatten. Also es gibt verschiedenste, von Psychologen gut untersuchte Phänomene, wie sich Menschen, die sich in Diskursen befinden, wie die sich radikalisieren können.


Könneker: Wenn wir heute über die Big Challenges sprechen - also die großen Herausforderungen der Zukunft wie Klimawandel, alternde Bevölkerung, Digitalisierung - das wird nie die Klimaforschung, die Physik, die Medizin alleine regeln können. Diese Herausforderungen sind zu groß! Wir brauchen da ganz dringend einen guten Dialog zwischen den Disziplinen.

Und da fängt es schon an mit der externen Wissenschafts-kommunikation! Denn heute ist es aufgrund der hohen Spezialisierung in den Wissenschaften schon schwierig, wenn sich theoretische Teilchenphysiker mit experimentellen Festkörperphysikern verständigen sollen - da gibt es ja schon die ersten Probleme. Wenn man dann Richtung Chemie oder sogar in Richtung Geisteswissenschaften geht, wird das natürlich noch schwieriger.

Deshalb ist es wichtig, handwerkliche Skills zu erwerben, wie man wissenschaftliche Inhalte runterbrechen kann für bestimmte Zielgruppen, das würde auch dem interdisziplinären Vorankommen sehr dienlich sein und da braucht man noch nicht mal an gesellschaftliche Diskurse zu denken - obwohl ich da natürlich ständig dran denke.

zur Person
Carsten Könneker studierte parallel Physik (Diplom) sowie Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Magister) an der RWTH Aachen, der Université Blaise-Pascal (Clermont-Ferrand), der Washington University (Saint Louis) sowie der Universität zu Köln. Nach seiner Promotion im Jahr 2000 wechselte er zu "Spektrum der Wissenschaft".

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