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Ein Giftanschlag mit Nowitschok kann auch für Helfer und Ermittler gefährlich sein.
Ein Giftanschlag mit Nowitschok kann auch für Helfer und Ermittler gefährlich sein.
Gefährlichstes aller Nervengifte
Wieder eine Nowitschok-Vergiftung in Großbritannien
Sein Name klingt harmlos, doch Nowitschok (zu deutsch Neuling) gilt als einer der tödlichsten je erfundenen Kampfstoffe.
30. Juni 2018: Ein Mann und eine Frau kollabieren in einem Haus in Südengland. Die beiden in Lebensgefahr schwebenden Briten waren dem Nervengift Nowitschok ausgesetzt. Das ergaben Testergebnisse des Chemie-Labors des britischen Militärs. Das nahe der Stadt Salisbury aufgefundene Paar kam demnach mit dem gleichen Gift in Berührung wie im März der russische Ex-Doppelagent Sergej Skripal und dessen Tochter. Woher das Nervengift im jüngsten Fall genau komme, müssten weitere Untersuchungen zeigen, sagte der Leiter der britischen Terrorabwehr, Neil Basu. Unklar sei, ob sich jemals feststellen lasse, ob das Gift aus derselben Charge wie im Fall Skripal stamme. Dies müssten nun die Experten untersuchen. "Die Priorität liegt für die Ermittler jetzt darin, zu klären, wie diese beiden Leute in Kontakt mit diesem Nervengift gekommen sind", so Basu. Bislang deute nichts darauf hin, dass die beiden Opfer "auf irgendeine Weise gezielt angegriffen" wurden.

Wo kommt der Giftstoff Nowitschok ursprünglich her?
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Gespräch mit Dr. Ralf Trapp
Sowjetische Forscher entwickelten die Serie neuartiger Nervengifte in den 1970er und 80er Jahren im Geheimen, um internationale Verbote zu umgehen. Es sind nur wenige Details bekannt.Vermutlich besteht Nowitschok aus zwei an sich ungiftigen Komponenten, die ihre tödliche Gefahr erst beim Mischen entfalten. Das Relikt aus dem Kalten Krieg soll fünf bis zehn Mal stärker wirken als der chemische Kampfstoff VX. Mit diesem war 2017 der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un in Malaysia ermordet worden.

Wie wirkt das Nervengift?
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Beitrag vom 14.03.2018
Nowitschok, oft in Form eines extrem feinen Pulvers, gelangt über Haut oder Atemwege in den Körper. Je nach Ausmaß der Vergiftung kommt es zu Bewusstlosigkeit und Herzstillstand oder binnen weniger Stunden zum Erstickungstod. Das Gift ist nur schwer nachzuweisen, die Überlebenschancen sind gering. Selbst bei Vergiftungen dieser Art übliche Gegenmittel wie Atropin können meist nur wenig ausrichten.

Gegen Ende des Kalten Krieges wurden noch Kampfgifte entwickelt
Vil Mirzayanov hat als Chemiker viele Jahre in der ehemaligen Sowjetunion gearbeitet. Er war es, der die Öffentlichkeit in den 1990er Jahren nach dem Zusammenbruch der UdSSR über die Existenz dieser tückischen Kampfstoffe informierte. Heute lebt er in den USA. In seinem 2007 veröffentlichtem Buch beschreibt er detailliert das sowjetische Chemiewaffenprogramm, auch das Nervengift Nowitschok. Dass jemand seine Informationen benutzte, um Nowitschok nachzubauen, schließt er nicht aus.
Sergej Skripal und seine Tochter haben den Anschlag überlebt. Doch sie könnten nie wieder richtig gesund werden, davon jedenfalls geht Vil Mirzayanov aus: "Leider werden sie ihr ganzes Leben lang leiden. Nicht nur sie. Vielleicht auch einige Leute, welche dem Gas in ihrer Nähe ausgesetzt waren. Es ist gefährlich für alle, die damit in Kontakt kommen. Zum Beispiel für die Helfer, als sie die Gegenmittel verabreichten. Wenn man ohne Schutz, ohne Gasmaske und ohne Spezialkleidung zu den Opfern geht, ist das extrem gefährlich."