Ingolf Baur und Reisforscher
SendungSendung
Hier wird Reis manipuliert.
Züchters Traum
Mit neuen Verfahren das Erbgut designen
Ingolf Baur reist auf der Fährte von Crispr /Cas durch die USA: in Labore, zu Genetikern und Kritikern. Die Genschere gilt für die einen als Revolution, für andere als Risiko.

In den letzten Jahren wurden weltweit eine Vielzahl molekularbiologischer Verfahren entwickelt, mit denen das Erbgut von Pflanze, Tier und Mensch verändert werden kann. Damit eröffneten sich auch für die Forschung an landwirtschaftlichen Nutztieren und Nutzpflanzen ganz neue Möglichkeiten. Geforscht wird unter anderem an krankheitsresistentem Weizen oder Reis, enthornten Rindern, weniger krankheitsanfälligen Ziegen. Vor allem die Crispr / Cas-Technik gilt als Revolution: Im Gegensatz zu anderen Genome Editing-Methoden ist sie billig, schnell und einfach. Damit hat sie inzwischen in vielen Labors rund um die Welt Einzug gehalten.

Über die Regulierung ist noch nicht entschieden
Die neuen Methoden werfen vor allem diese Fragen auf: Handelt es sich um Gentechnik? Sollten die damit entstehenden Produkte reguliert werden oder nicht? Die Antworten darauf fallen sehr unterschiedlich aus. In der EU gibt es seit Monaten darüber eine wissenschaftliche und juristische Auseinandersetzung. Die EU-Kommission hatte für Ende 2015 eine juristische Einordnung angekündigt, den Termin aber bereits mehrmals verschoben.

Pamela Ronald forscht seit Jahren an genetisch veränderten Reissorten
Pamela Ronald forscht seit Jahren an genetisch veränderten Reissorten
Werden die Methoden als "Gentechnik“ eingestuft, wären die Produkte wie durch das Gentechnik-Gesetz vorgesehen, einer Risikoprüfung, der Kennzeichnung und einem Zulassungsverfahren unterworfen. Das ist ein langwieriges Prozedere und überdies kostspielig, und – zumindest in Deutschland – ein Handelshemmnis. Unterliegen die Verfahren nicht dem Gentechnik-Gesetz, könnten damit genveränderte Pflanzen ohne Risikobewertung, ohne Kennzeichnung und ohne Zulassung angebaut und auf den Markt gebracht werden.

Alison Van Eenennaam  hat Holstein-Rindern erfolgreich die Hörner wegeditiert
Alison Van Eenennaam hat Holstein-Rindern erfolgreich die Hörner wegeditiert
Die Gegner in diesem Streit haben sich längst positioniert: der europäische und der US-amerikanische Verband der Saatgutindustrie betonten im Juli 2015 gemeinsam, dass eine Regulierung der neuen Züchtungstechniken negative Folgen habe, Innovationen im Saatgutbereich behindere und damit die Wettbewerbsfähigkeit schwäche. Auf der anderen Seite fordern europäische Umwelt- und Bauernverbände eine Regulierung gemäß des EU-Gentechnik-Gesetzes. Sie berufen sich auf das Vorsorgeprinzip und fordern eine Risikobewertung und Kennzeichnung, damit eine lückenlose Rückverfolgbarkeit möglich ist. Eine gentechnikfreie Landwirtschaft und eine herkömmliche Züchtung wären aus Sicht der Verbände ohne Regulierung langfristig kaum mehr möglich.

Änderungen genau dokumentieren und analysieren
Gegen Reiskrankheiten resistenter Reis soll  den Hunger in der Welt  bekämpfen
Gegen Reiskrankheiten resistenter Reis soll den Hunger in der Welt bekämpfen
Wissenschaftler aus China, den USA und Deutschland haben Anfang 2016 einen regulatorischen Rahmen für das Genom-Editing bei Pflanzen vorgeschlagen. Es gebe keinen Grund, Genom-editierte Pflanzen als gentechnisch veränderte Organismen zu bewerten, so Ko-Autor Detlef Weigel vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. Die Änderungen, die durch das Genome Editing erfolgt sind, sollten jedoch analysiert und dokumentiert werden, und es sollte sichergestellt werden, dass keine Reste von eventuell vorher eingeführter Fremd-DNA im Erbgut verbleiben. Ansonsten sollten so veränderte Pflanzen keinen strengeren Regeln unterliegen als konventionell gezüchtete.

Immer mehr Patente auf geneditierte Lebewesen
Christoph Then von Testbiotech e.V. in München, hat festgestellt, dass es aktuell eine steigende Anzahl von Patentanträgen auf gentechnisch veränderte Nutzpflanzen und Nutztiere gibt. Sein Bericht vom März 2016 zeigt, dass die US-Konzerne DuPont und Dow Agrosciences die meisten Patente auf die neuen Genome-Editing-Verfahren und die damit hergestellten Pflanzen angemeldet haben. Danach folgt der deutsche Konzern Bayer.

Die Industrie, so Christoph Then, zeichne in der Öffentlichkeit ein falsches Bild: "Die neuen Gentechnik-Verfahren zeigen eine ähnliche Bandbreite von Nebenwirkungen und Risiken wie die bisherigen Gentechnik-Methoden." Nach seiner Einschätzung hat die zunehmende gentechnische Veränderung von Nutztieren dramatische Folgen für Mensch, Tier und Umwelt.

Eine Patentierbarkeit hat aus Sicht von Kritikern weitreichende Konsequenzen: Eine Risikoforschung wird unmöglich. Und es lässt sich nicht mehr nachvollziehen, wann welche Änderungen vorgenommen wurden.

Sendedaten
nano spezial "Züchters Traum" am 16. Augst 2016 um 18.30 Uhr in 3sat, in der Mediathek und in zahlreichen Wiederholungen. (Erstausstrahlung: Donnerstag, 7. April 2016)
Themenwoche in 3sat
Das Geheimnis der Gene
Forscher sprechen von einer "Revolution". Doch die Möglichkeiten der Genschere "Crispr / Cas9" wecken Ängste - unsere Themenwoche in 3sat.
Gene beliebig verändern
Fluch oder Segen
"Man kann die Evolution beschleunigen", freut sich der Gaterslebener Pflanzengenetiker Dr. Götz Hensel über DNA-Manipulation via Crispr / Cas9.
Mediathek: Interview
Video"Der Gen-Code ist kein Computer-Code"
Die Zürcher Agrarökologin Angelika Hilbeck, hält eine Patentierbarkeit geneditierter Organismen für den größten Forschungsanreiz.
Glossar
Crispr / Cas9
Crispr / Cas9 schaltet Gene aus, verändert oder ersetzt sie durch andere Gene. Jeder zelluläre Bauplan kann mit dieser Genschere überarbeitet werden, auch die menschliche Keimbahn.
Blog
Vom Saulus zum Paulus
Belinda Martineau, Genetikerin,war Anfang der 1990er Jahre an der Entwicklung der "Anti-Matsch-Tomate" Flavr Savr beteiligt. Sie sagt von sich selbst, sie sei durch die damaligen Erfahrungen von der Technikgläubigen zur Skeptikerin geworden: Bei mehr als 30 Prozent der genveränderten Tomatenpflanzen fand sich weit mehr neue DNA als eigentlich eingesetzt worden war. Unser Wissen über das Genom sei vollkommen unvollständig, so Martineau. Sie setzt sich für eine transparente Kennzeichnung von genveränderten Lebensmitteln in den USA ein. In ihrem Blog greift sie die aktuellen Entwicklungen auf.
Literatur
Huang S et al (2016) A proposed regulatory framework for genome-edited crop. Nature Gen 48: 109 - 111
Links