© mev
VideoVideo
Schon lange warnen Kritiker vor allzu sorglosem Umgang mit Antibiotika.
Das Arsenal ist ausgereizt
Wenn Antibiotika nicht mehr wirken
Immer mehr Menschen sterben EU-weit an den Folgen von Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien. Wissenschaftler warnen vor Superkeimen.
Forscher haben in einer aktuellen Studie berichtet, dass 2015 in der EU mehr als 33.000 Menschen an einer Infektion mit resistenten Bakterien starben. Antibiotikaresistente Erreger seien damit eine ebenso tödliche Gefahr wie die Grippe, Tuberkulose und HIV zusammengenommen.

Ohne gezielte Maßnahmen gegen Antibiotikaresistenzen könnten bis 2050 rund 2,4 Millionen Menschen in Europa, Nordamerika und Australien durch multiresistente Bakterien sterben, wie aus einem aktuellen Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervorgeht. Der Anteil der Antibiotikaresistenzen lag 2015 im OECD-Schnitt bei 17 Prozent. In Deutschland lag die Resistenzrate mit zehn Prozent deutlich darunter, sie könnte in den kommenden Jahren aber wieder steigen. Jedes Jahr sterben in Deutschland demnach im Durchschnitt geschätzt 2180 Menschen an Infektionen mit resistenten Erregern.Auch insgesamt unterscheiden sich die Resistenzraten unter den Ländern: In der Türkei, Südkorea und Griechenland waren die durchschnittlichen Resistenzraten mit 35 Prozent siebenmal so hoch wie in Island, den Niederlanden und Norwegen mit rund fünf Prozent. In einigen G20-Staaten wie China, Indien und Russland werden sogar mehr als 40 Prozent der Infektionen von Bakterien verursacht, gegen die bestimmte Antibiotika nicht wirken.

Allein schon Händewaschen kann helfen
Durch ein Paket von Maßnahmen könnten in den von der OECD-Analyse erfassten 33 Ländern bis 2050 fast 1,6 Millionen Menschenleben gerettet werden. Dazu zählen unter anderem eine bessere Krankenhaushygiene, die Förderung des Händewaschens, eine zurückhaltende Verschreibung von Antibiotika und Schnelldiagnosetests um zu klären, ob es sich um eine bakterielle oder Virusinfektion handelt. Denn Antibiotika helfen nur gegen Bakterien.

Dies würde nach OECD-Berechnungen letztlich zu Einsparungen in Höhe von 4,8 Milliarden US-Dollar führen - und nur gut zwei Dollar pro Kopf und Jahr kosten. "Gegen bestimmte Antibiotika resistente Bakterien sind für beinahe ein Fünftel aller Infektionen in OECD-Ländern und den 28 Mitgliedstaaten der EU verantwortlich", heißt es in dem Bericht. "Die Resistenz wird weiter zunehmen, wenn wir nicht einschreiten." Zwar scheint sich der Anstieg von Antibiotikaresistenzen im Schnitt zu verlangsamen. Es gibt laut OECD aber weiter Anlass zur Sorge, weil selbst Reserveantibiotika als letzte Behandlungsoption nicht immer wirken.

Wie entsteht eine Antibiotikaresistenz?

Bakterien sind sehr anpassungsfähig und wahre Überlebenskünstler. Sie vermehren sich sehr schnell. Dabei können spontan Veränderungen im Erbgut auftreten, so dass die Erreger unempfindlich gegenüber bestimmten Antibiotika werden. Einige Bakterien tauschen außerdem ab und zu kleine Stücke ihres Erbguts untereinander aus. Auch dies kann die Erreger widerstandsfähig gegen Antibiotika machen. Der übermäßige Einsatz von Antibiotika beim Menschen und in der Tiermast sowie eine unsachgemäße Einnahme der Medikamente, etwa durch falsche Dosierung oder einen vorzeitigen Abbruch der Therapie, fördern solche Resistenzbildungen. Zum Teil sind Bakterien auch von Natur aus immun gegen bestimmte Antibiotika.

Um welche Erreger geht es?

Laut Bundesgesundheitsministerium erkranken jährlich 400.000 bis 600.000 Patienten in Deutschland an Krankenhausinfektionen. Nur ein Teil davon geht auf antibiotikaresistente Erreger zurück. In den meisten Fällen handelt es sich um den methillicinresistenten Staphylococcus aureus - kurz MRSA. Dieser Bakterienstamm kann schwere bis tödliche Infektionen verursachen. Sogenannte vancomycinresistente Enterokokken können gefährliche Darmkrankheiten auslösen.In anderen Fällen geht es um resistente Enterobakterien, die zur normalen menschlichen Darmflora gehören, für Kranke und Schwache aber eine Gefahr sind. Schätzungen zufolge kommt es in Deutschland jährlich zu 30.000 bis 35.000 Krankenhausinfektionen mit multiresistenten Erregern. Fälle außerhalb von Kliniken, in Pflegeheimen oder auf Reisen erworbene Infektionen sind nicht eingerechnet.

Was macht die Keime so gefährlich?

Für gesunde Menschen ist etwa MRSA in der Regel ungefährlich. Für immungeschwächte Patienten auf Intensivstationen, Krebskranke, Chirurgie-Patienten, frühgeborene Babys oder Menschen mit chronischen Wunden hingegen können multiresistente Erreger lebensgefährlich werden und unter anderem Lungenentzündungen, Wund- und Harnwegsinfektionen oder Blutvergiftungen auslösen. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge haben Antibiotika-Resistenzen ein "gefährlich hohes Niveau in allen Teilen der Welt" erreicht.

Was wird in Deutschland gegen Antibiotika-Missbrauch getan?

Bereits 2008 brachte die Bundesregierung die sogenannte Deutsche Antibiotikaresistenzstrategie auf den Weg. Ziel ist es, den Verbrauch von Antibiotika und die Resistenzen gegen die Medikamente sowohl in der Humanmedizin als auch in der Tiermedizin und -mast in der Landwirtschaft stärker zu kontrollieren.

Links
Glossar
Antibiotika-Resistenzen
Resistenzen breiten sich unter Bakterien schnell aus, weil die verantwortlichen Gene auf kleinen DNA-Ringen, den Plasmiden, liegen. Diese geben sie rasch weiter.