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Einmal Pille schmeißen und gut ist? Mitnichten: Zu häufige Behandlung mit Antibiotika führt zu Resistenzen.
Einmal Pille schmeißen und gut ist? Mitnichten: Zu häufige Behandlung mit Antibiotika führt zu Resistenzen.
Weltweiter Antibiotikaverbrauch steigt immens
Geht der Trend weiter, steht die Effektivität der Medikamente in Frage
Um 65 Prozent ist der Antibiotikaverbrauch weltweit innerhalb von 15 Jahren gestiegen: Forscher sind alarmiert.
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In Ländern mit geringem und mittlerem Einkommen ist der Anstieg noch höher - hier nahm der Gesamtverbrauch um 114 Prozent zu. Diese Zunahme beschreiben die Wissenschaftler als "dramatisch". Aber auch in den reichen Industrieländern nahm der Verbrauch noch um sechs Prozent zu. Besorgniserregend: Weltweite Zuwächse gab es nicht nur bei vielfach eingesetzten Wirkstoffen wie Penizillin, sondern auch bei Reserve-Antibiotika wie Linezolid und Carbapeneme, die nur zum Einsatz kommen sollten, wenn kein anderes Mittel mehr hilft. Die Forscher hatten auf Basis von Verkaufsdaten den Verbrauch von Antibiotika in 76 Ländern zwischen 2000 und 2015 untersucht und daraus auf weltweite Trends geschlossen.

Aber was bedeutet das, wenn der Gesamtverbrauch weltweit um 65 Prozent steigt? Schließlich gibt es ja auch ein Bevölkerungswachstum. Für die präzisere Berechnung des Verbrauchs eines Wirkstoffes hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen statistischen Wert geschaffen: DDD heißt die Einheit - defined daily doses (zu deutsch: definierte Tagesdosen). Der durchschnittliche tägliche Verbrauch pro 1000 Einwohner ist demnach in den 15 Jahren von 11,3 auf 15,7 definierte Tagesdosen gestiegen - also immer noch um 39 Prozent.

Zitat
"Wir müssen entschlossen handeln und wir müssen jetzt handeln, umfassend, um die Effektivität von Antibiotika zu bewahren", sagt Ramanan Laxminarayan, Mitautor der Studie.

Prognose: 200 Prozent mehr Antibiotikaverbrauch bis 2030
Während im Jahr 2000 noch Länder wie Frankreich, Neuseeland, Spanien und Hongkong bei diesem durchschnittlichen Verbrauch an der Spitze lagen, waren es 2015 Länder wie die Türkei, Tunesien, Algerien und Rumänien. Für Deutschland wurde ein leichter Zuwachs erfasst. In Ländern wie die USA, Kanada und Frankreich ist der durchschnittliche Verbrauch indes leicht gesunken.

Die Forscher prognostizieren: Bis 2030 könnte der Gesamtverbrauch an Antibiotika weltweit um bis zu 200 Prozent steigen. Resistenzen gegen Antibiotika sind inzwischen ein großes Problem. Mit einer verstärkten Verwendung der Wirkstoffe könnte sich diese Entwicklung weiter verschärfen. Denn mit zunehmendem Kontakt von Bakterien mit Antibiotika nimmt auch das Risiko zu, dass sie unempfindlich dagegen werden. In Nordamerika und Europa treten zum Beispiel schon jetzt immer mehr Resistenzen gegen Carbapeneme auf.

Resistente Keime
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