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Wer nicht krankenversichert ist, fällt durchs Raster und findet oft keinen Arzt.
Helfen und lernen
Medizinstudenten versorgen Patienten ohne Versicherung
Hier wird jeder behandelt, auch ohne Gesundheitskarte. Die Studenten organisieren das komplette Angebot selbstständig.
Früher Mittwochabend in Frankfurt, der Medizinstudent Patrick Rehn bereitet sich mit seinen Kommilitonen auf die offene Sprechstunde der Studentischen Poliklinik vor. Echte Patienten mit echten Problemen statt trockener Theorie - die Studentische Poliklinik, kurz StuPoli, ist eine Anlaufstelle für Menschen ohne Krankenversicherung. Das Besondere: Die Studenten machen alles selbst.

Patrick Rehn ist im 7. Semester und arbeitet seit einem Jahr in der StuPoli. Ihn reizt die besondere Lehrsituation "Wir sehen den Patienten erstmal alleine und müssen eine Diagnose überlegen. Und das Zwischenmenschliche macht natürlich auch Spaß. Man sieht den Leuten einfach an, dass sie sich freuen, dass ihnen geholfen wird", erklärt Rehn. Haben die Studenten eine Diagnose gestellt, kommt ein Lehrarzt dazu. Erst dann werden Medikamente verschrieben. Aktuell unterstützen fünf Hausärzte, eine Ärztin vom Gesundheitsamt und eine Sozialarbeiterin die angehenden Mediziner im Wechsel. Finanziert wird die Studentische Poliklinik durch Spenden.

 Zuerst wird der allgemeine Gesundheitszustand gecheckt.
Zuerst wird der allgemeine Gesundheitszustand gecheckt.
Vorbild des Projekts waren die "Student Run Free Clinics" in den USA. Dort verfügen inzwischen 90 Prozent der medizinischen Fakultäten über eine solche Klinik. In den USA kein Wunder, schließlich sind knapp 28 Millionen Amerikaner nicht krankenversichert. In Deutschland eigentlich undenkbar, schließlich besteht seit 2009 eine Krankenversicherungspflicht. Laut Statistischem Bundesamt gab es aber 2015 rund 80.000 Menschen, die nicht krankenversichert waren. 2011 waren 128.000 Menschen ohne Versicherungsschutz, 2007 waren es 196.000 Menschen. Die Daten werden im Rhythmus von vier Jahren erhoben, sind aber nicht vergleichbar, weil sich die Erhebungsmethode geändert hat. Es sind Selbstständige, Ausländer und Langzeitstudenten, die sich die Beiträge nicht leisten können. Bei den Selbstständigen ist rund ein Drittel betroffen. Obdachlose und illegale Einwanderer tauchen in der Statistik gar nicht erst auf. Die Dunkelziffer dürfte also um einiges höher sein. Schätzungen zufolge sind bis zu 800.000 Menschen in Deutschland nicht krankenversichert, - sie sind der "blinde Fleck" im Gesundheitssystem.

Viele Kleinunternehmer sind nicht krankenversichert
Die Studenten  profitieren von der Arbeit in der StuPoli.
Die Studenten profitieren von der Arbeit in der StuPoli.
Umso wichtiger, dass es Anlaufstellen wie die Studentische Poliklinik in Frankfurt gibt. Robert Sader hat sie 2014 gegründet und erklärt, dass die Versicherungspflicht in Deutschland noch lange kein Garant ist. "Jeder zehnte Patient ist deutscher Staatsbürger. Sehr viele sind selbstständig und zunächst privat versichert. Durch einen Schicksalsschlag geht es dann bergab und sie können sich die Versicherung nicht mehr leisten. Und man muss leider sagen, dass die bürokratischen Hürden zurück in unser Sozialversicherungssystem hoch sind. Viele bleiben da leider auf der Strecke", so Sader. Auch viele Schwangere nutzen die offene Sprechstunde in der StuPoli. Kein Wunder, denn das Sozialamt zahlt die Kosten für eine Geburt erst in dem Moment, wo sie beginnt. Es gibt überhaupt keine Schwangeren-Vorsorge, erklärt Robert Sader. In der Studentischen Poliklinik werden diese Patienten aufgefangen. Wie alle, die sonst durchs Raster fallen.