Frau sitzt alleine auf Bank © dpa
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Es ist ein Teufelskreis: Einsamkeit führt zu Depression führt zu sozialer Isolation.
Einsamkeit
"Ehrenamt ist besser als Aspirin" - Wege aus der Einsamkeitsfalle
Einsamkeit muss nicht negativ sein: In der Einsamkeit können wir uns erholen, Gedanken sortieren, kreativ sein. Wenn wir aber unter sozialer Isolation leiden, folgt auf Einsamkeit oft Depression.
"Einsamkeit kann die schlimmste aller Krankheiten sein." Als Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen wirbt Franz Müntefering seit Jahren für eine bessere Einbindung von Senioren in die Gesellschaft. Einsamkeit und der Verlust von Lebenssinn seien die größten Probleme des Alters, mahnt der frühere Vizekanzler. Unsere Gesellschaft wird immer älter - und die Einsamkeit könnte eine neue Zivilisationskrankheit werden.

Einsamkeit als Risikofaktor - eine moderne Zivilisationskrankheit
Auch die Wissenschaft zeigt vermehrt den Einfluss von Einsamkeit auf das körperliche Wohlergehen auf. In einer vor kurzem veröffentlichten Überblicksstudie untersuchte ein Forscherteam von der Universität Madrid die Auswirkung von Einsamkeit auf die Sterblichkeit. Die spanischen Forscher stellten die Ergebnisse von 35 Studien mit insgesamt 77.220 Teilnehmern zusammen. Dabei konnten sie Einsamkeit klar als einen Risikofaktor für Sterblichkeit identifizieren. Einsamkeit macht krank. Sie kann so schlimm sein wie heftige Schmerzen. Das schreibt auch der Hirnforscher Manfred Spitzer in seinem neuen Buch "Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit". Und die Bundesvorsitzende der Konferenz Evangelische Telefonseelsorge, Ruth Belzner, sagt: "Das ist ein riesiges und stark wachsendes Problem."

Das Ministerium für Einsamkeit
Bezahltes Kuschelstunde? Das kann keine Dauerlösung sein.
Bezahltes Kuschelstunde? Das kann keine Dauerlösung sein.
Seit Januar gibt es in Großbritannien eine Ministerin gegen Einsamkeit, ernannt von Premierministerin Theresa May. Das neue Ministerium soll sich um neun Millionen Briten kümmern, die sich einsam fühlen. Und auch in Deutschland wird das Thema mehr und mehr wahrgenommen. Sogar in den neuen Koalitionsvertrag hat es die Bekämpfung von Einsamkeit geschafft. Wie man dabei vorgehen möchte ist allerdings noch nicht klar. Ein wichtiger Ansatzpunkt: Die Stärkung des sozialen Zusammenhalts. Wie in Großbritannien gibt es auch in Deutschland immer mehr alte Menschen, die allein leben, und immer mehr Single-Haushalte. Belzner sieht verschiedene Ursachen für ein wachsendes Einsamkeitsgefühl: "Unsere Lebensläufe werden instabiler. Beruflich müssen wir flexibler sein, Eltern und Kinder leben immer öfter an verschiedenen Orten. Und Familien brechen vermehrt auseinander." Dazu komme, dass die Menschen im Alltag immer weniger zu direkten Kontakten mit anderen gezwungen würden. "Die Fahrkarte kaufen wir am Automaten, Kleidung bestellen wir im Internet...."

Was tun? Rezepte gegen Einsamkeit
Gibt es Rezepte gegen Einsamkeit? Spitzer und Belzner sehen jeden einzelnen Menschen gefordert. "Ich muss mich in Situationen begeben, in denen ich andere treffe - etwa Interessengemeinschaften, kirchliche und soziale Organisationen, Vereine", rät die Würzburger Telefonseelsorgerin. "Wenn ich erwarte, dass sich andere für mich interessieren, und ich mich gleichzeitig nicht wirklich für die anderen interessiere, werde ich kaum meiner Einsamkeit entkommen." Auch Spitzer rät, sich in Gemeinschaft zu engagieren - etwa im Chor, beim Sport oder in der Natur. "Ein Ehrenamt ist besser als Aspirin."

Für Belzner hat der Weg aus der Einsamkeit auch eine politische Komponente: "Auch der Gesetzgeber ist verantwortlich dafür, dass der Zusammenhalt in der Gesellschaft wachsen kann." Familienpolitik, Arbeitsrecht oder die Gestaltung der Pflege hätten Auswirkungen darauf, ob Menschen ihr soziales Leben gut gestalten könnten. Gefordert sieht sie aber vor allem Städte und Gemeinden, Vereine und Kirchen. Sie müssten dafür sorgen, dass es genügend Lebensräume gebe, wo Menschen sich begegnen und mitgestalten können.

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