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Schmerzmittel-Sucht ist nicht nur in den USA ein Problem.
Vom Schmerz zur Sucht
Ärzte verordnen zunehmend Opioide
Trotz der lange bekannten Suchtgefahr sind in Deutschland die verordneten Mengen an Opioiden zuletzt um rund ein Drittel gestiegen.
"All diese Mittel haben ein hohes Abhängigkeits- oder zumindest Missbrauchspotenzial", schreibt der Arzneimittelmarkt-Experte Gerd Glaeske im "Jahrbuch Sucht 2017". Opioide sind Schmerzmittel, die sich vom Morphin ableiten, die Wirkstoffe heißen etwa Fentanyl und Oxycodon. Sie sind vor allem in den USA schon länger als großes Suchtproblem bekannt.

Da Opioide in Deutschland in der Regel dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen, brauchen Ärzte für eine Verordnung spezielle Rezeptvordrucke. Es seien "notwendige Medikamente", wenn es etwa um schmerzarmes Operieren geht, sagt Corinna Schilling, Fachärztin unter anderem für Anästhesie. Auch in der Versorgung von Tumorpatienten und als kurzzeitige Therapie sind die Mittel unumstritten.

Bis zu 300.000 Abhängige in Deutschland
Anders sieht es bei chronischen Schmerzpatienten aus, die über unspezifische Bauch-, Rücken- oder Kopfschmerzen klagen und die Stoffe vermehrt auch auf lange Sicht verordnet bekommen. Die Mittel würden als "Pflastertherapie" "oftmals zu schnell und zu hochdosiert" eingesetzt, etwa bei Menschen mit Rückenschmerzen und Schmerzen durch Osteoporose, so Gerd Glaeske. Demnach wird die Zahl der Abhängigen von stark wirksamen Schmerzmitteln in Deutschland auf 200.000 bis 300.000 Menschen geschätzt.

Der Körper entwickle eine Toleranz für Opiate, so Schilling. Nach einiger Zeit könne das weniger Schmerzlinderung bei gleicher Dosis bedeuten - Patienten müssen somit eine größere Menge einnehmen, um einen Effekt zu spüren. Setzen sie das Medikament ab, seien Entzugserscheinungen die Folge.

"Manche sagen, sie fühlten sich schlecht damit", nennt Schilling einen Grund, aus dem Patienten in die Vivantes-Fachpraxis für Schmerztherapie in Berlin kommen, um diese Medikamente abzusetzen. "Es ist nicht so, dass die Betroffenen immer euphorisch wären - viele sind eher müde, schlapp, stürzen häufiger mit der Gefahr von Frakturen oder haben Verstopfung."

Allein im Jahr 2016 sei die Zahl der verschriebenen Opioid-Packungen um 4,5 Prozent gestiegen - "ohne dass erkennbar wäre, dass die Patienten kränker geworden sind, oder dass es neue wissenschaftlich begründete Indikationen gäbe", sagte der Leiter des Schmerz-Zentrums an der Universitätsklinik Dresden, Rainer Sabatowski, laut der Wochenzeitung "Die Zeit".

Tod von Prince löste Debatte über Schmerzmittel aus
In den USA gab es zuletzt Debatten über Opioid-Missbrauch, auch nach dem Tod von Popikone Prince an einer Überdosis Schmerzmittel. Wie dem Star ergeht es täglich 90 Amerikanern - auch, weil manche Opioide bis zu 5000 Mal so stark seien wie Heroin.

"Wir haben hier in Europa und Deutschland nicht diesen dramatischen ärztlich verordneten Substanzmissbrauch in so breiter Menge wie in den USA", sagt Schilling. In Berlin beobachte sie aber durchaus, dass niedergelassene Ärzte "fleißig" Opiate verschrieben. "Wir haben uns hier dagegen entschieden, Vertreter der Pharmaindustrie zu empfangen", erläutert Schilling. Aber es sei nicht überall so, dass etwa als "Schmerz-Fortbildungen" titulierte Werbeveranstaltungen kritisch gesehen werden - zumal, wenn sie in Luxushotels stattfänden. Manchmal würden die Mittel aber auch aus Unwissenheit verschrieben, sagt Schilling.

Tumorpatienten waren lange Zeit unterversorgt
Der Anstieg der verordneten Mengen in den vergangenen Jahren hat aber noch andere Ursachen. Er gehe in Teilen auf eine lange Zeit der Unterversorgung von Patienten mit Tumorerkrankungen zurück, so Gerd Glaeske. Diese Versorgung sei "notwendig", zudem würden bei dieser Gruppe nur selten Abhängigkeitsentwicklungen beobachtet.

In den USA ist die staatliche Bekämpfung der Sucht angelaufen: Die Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention CDC veröffentlichten strengere Richtlinien zur Verschreibung. Um die Krise in den Griff zu bekommen, sei aber auch eine bessere Versorgung von Schmerzpatienten und die Entwicklung neuer, opioidfreier Therapieoptionen nötig, so die Direktoren der US-Behörde für Gesundheit, Francis Collins, und der US-Behörde zur Suchtbekämpfung, Nora Volkow.

Schmerzpatienten sind in einer schwierigen Lage, wie auch Schilling betont: "Es ist anspruchsvoll, diese Hilflosigkeit auszuhalten." Um die Schmerzmittel auszuschleichen, würden die Dosen schrittweise halbiert. Es könne aber nicht jeder Patient wieder ein Leben ganz ohne das Medikament führen.

Link
European Drug Report 2017 (Englisch)
Literatur
Volkow N, Collins F (2017) The Role of Science in Addressing the Opioid Crisis. N Engl J Med; 377:391-394
Glossar
Schmerzmittel
Schmerzmittel wirken entweder, indem sie die Schmerzsignale auf dem Weg zum Gehirn stoppen oder indem sie in den Stoffwechsel der Zellen eingreifen.